Meinungseinfalt

Am 22. Februar 12 bei Markus Lanz: Jutta Ditfurth, Gutmensch der Sonderklasse. Sie erklärte das Amt des Bundespräsidenten für überflüssig – jemanden wie Gauck hole man bloß, damit er den Leuten die Ohren vollsülze. Schön, das sieht im Grunde wohl jeder so. Frau Ditfurth verkaufte sich dessenungeachtet als Widerstandskämpferin gegen den „Mainstream“, wobei sie ungemein betroffene und mutige Gesichter schnitt. Gar nicht mutig fand sie hingegen den von Gauck gelobten Thilo Sarrazin. Der schwimme mit dem „Mainstream“.

Nun hat der notorische Quertreiber Sarrazin bekanntlich heftige, anhaltende öffentliche Empörung gegen sich, die Kanzlerin hat ihn von höchster Warte getadelt, die SPD hat ihn rausschmeißen wollen, er ist seinen Spitzenjob los und muß nun damit leben, daß sein Name in den Medien für Fremdenfeindlichkeit, Menschenverachtung und Rassismus steht. Er ist der Watschenmann der Nation. Welche Mehrheit repräsentiert er also? Was meint Frau Ditfurth mit „Mainstream“? Die herrschende öffentliche Meinung kann es nicht sein. Ditfurth meint ganz offensichtlich einen, der davon Abweichendes zu äußern wagt, sei es nun falsch oder richtig. Da wundert es einen auch nicht mehr, wenn der konformistische Mief für sie nach kritischem Geiste duftet.

Dieses eigenartige kritische Bewußtsein gehört übrigens zu unseren höchsten Bildungszielen. Wenn sich tonangebende Bildungspolitiker, Lehrer und Eltern über eines einig sind, dann darüber, daß die traditionelle Lernschule, die alte Pauk- und Wissensvermittlungsanstalt überwunden werden müsse; an die Stelle des Drills der Vergangenheit habe die Förderung kritischen Denkens zu treten. Wie aber kann man Kritikfähigkeit fördern, ohne heikle Fragen diskutieren zu müssen? Die Lösung: man legt den Begriff Kritik tolerant aus und bringt den Kindern mit mildem Nachdruck bei, was politisch korrekt ist. Etwa der Respekt selbst vor engstirnigsten religiösen Anschauungen. Gegenüber Minderheiten gilt: Toleranz, Toleranz, Toleranz! Selbst dann, wenn diese ihrerseits Frauen als Untermenschen und Schwule als Ungeziefer betrachten. Insofern befindet sich die moderne deutsche Form der Kritikfähigkeit in schönem Einklang mit der Tradition: sie äußert sich in der servilen Beachtung von Tabus.

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