Diktatur

Letzte Woche berichtete die Frankfurter Rundschau völlig unkritisch, ja geradezu begeistert über den „Diktatwettbewerb Frankfurt schreibt“. Zum Glück fand der Wettstreit nicht im Norden statt, denn das hätte womöglich die Hamburger Didaktik-Professorin Petra Hüttis-Graff auf den Plan gerufen.

Sie war laut TAZ bereits empört, als Schulsenator Ties Rabe unlängst das zeitweilig verbotene Schreiben benoteter Diktate in der Grundschule wieder zuließ. „Diktate“ seien „nicht dienlich, um Rechtschreibung zu erwerben“, so Hüttis-Graff, „sie überprüfen nicht nur das Unterrichtete, sondern stets auch Stressresistenz, Schreibtempo und Konzentrationsfähigkeit.“ In Wahrheit gehe es dabei um Selektion; sie, Hüttis-Graff, könne es deshalb „nicht mit ihrem Wissen vereinbaren, Lehramtsstudierende auf eine ‚Diktatpraxis’ vorzubereiten.“

Selbst die Objektivität, die Diktaten gemeinhin unterstellt werde, spricht ihnen die Professorin ab: im Rahmen einer Studie im Jahr 2009 hätten mehrere hundert Lehrer in ein und demselben Schülerdiktat zwischen zwei und elf Fehler geortet; die Zensuren hätten von einer glatten Eins bis zur Fünf gereicht. Das gibt zu denken: entweder sind Diktate tatsächlich nicht objektiv, oder die fraglichen Lehrer haben ihre Rechtschreibkenntnisse bereits selbst dank der Lernerfolgskontrollen erworben, die Hüttis-Graff empfiehlt: Lückentexte, Abschriften oder Wörterbuchaufgaben.

Bestimmt wird demnächst ein Fachpsychologe für Verkehrspädagogik nachweisen, daß die Führerscheinprüfung gar nicht dienlich beim Fahrenlernen ist und obendrein Streßresistenz, Fahrtempo und Konzentrationsfähigkeit der ProbandInnen testet. Das Fazit: die Tortur der Prüfung dient nur der Selektion, nämlich dem Zweck, die Untüchtigen gleichsam an der Rampe von den Fahrtüchtigen abzusondern! Diese menschenverachtende Praxis muß ein Ende haben. Als Alternativen werden das Ausfüllen von Parklücken ohne Zeitdruck und das Abmalen ermutigender Hinweiszeichen gefordert. Schon heute gibt es gottseidank Verkehrsrebellen (namentlich mutige, starke Frauen wie Margot Käßmann), die sich über gestrige Paradigmen hinwegsetzen und damit höchstes Ansehen erwerben.

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