Inwiefern tut einem das Hirn weh?

Die Sprache, weiß der Linguist, ist in immerwährendem Wandel begriffen. Sie paßt sich geschmeidig allen Zwecken an; die Menschen wollen einander schließlich verstehen. Wird beispielsweise ein neues Gerät erfunden, ein neues Verfahren oder sonstwas Neues, muß eine Bezeichnung dafür her. Ist gerade kein neues Dings verfügbar, das mit einem neuen Wort geschmückt werden könnte, werden notfalls alte Bekannte neubenannt und so geliftet. Die Power ist nun mal viel kraftvoller, energischer, schwungvoller und wuchtiger als Kraft, Energie, Schwung oder Wucht. Das heißt … wo ich das gerade hinschreibe, merke ich, daß „die Power“ eigentlich ziemlich beschissen aussieht.

Beschissen oder nicht, alle Neuerungen werden in der Duden-Redaktion gewissenhaft protokolliert, denn die erfindet nicht etwa Regeln und Vorschriften, sondern verhält sich streng deskriptiv. Sie beobachtet die Sprache wie Meteorologen das Wetter. Autoren, Lehrer, vereinzelt auch Schüler wiederum suchen im Duden Rat und Regeln, so daß sich eine Situation wie in dem alten Witz ergibt: gefragt, ob der Winter kalt werde, schickt der Medizinmann seinen Stamm Holz sammeln, sodann fährt er unauffällig zur nächsten Wetterstation und erkundigt sich selbst. „Der Winter wird kalt“, bekommt er zur Auskunft, „die Indianer sammeln Holz“.

Nehmen wir an, jemand hat die grassierende Gewohnheit angenommen, statt schlichter Wörter wie darum, deshalb, deswegen das exquisiter klingende insofern zu wählen. Plötzlich fällt dem Manne durch einen Zufall Licht ins Hirn und läßt ihn an der törichten Marotte zweifeln. Was tut er? Er wirft einen Blick in den Duden. Und was findet er dort? Er findet die Wörter darum, deshalb, deswegen allen Ernstes bereits als Synonyme zu insofern gelistet, dazu den Beispielsatz: „er war zur fraglichen Zeit verreist und kommt insofern (deshalb) als Täter nicht in Betracht.“

Die Frage, inwiefern der Verreiste trotz Abwesenheit als Täter in Betracht kommt, stellen wir der Duden-Redaktion lieber nicht. Sie ist schon verwirrt genug. (Der Winter wird arschkalt, insofern sammeln die Indianer Holz.)

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