Pirata est hostis humani generis

Die Piratenpartei – welch ein Phänomen! Kaum gegründet, hat sie bereits Umfragewerte, von denen die FDP nur noch träumen kann. Wie ist das möglich?

Durchs Internet. Das steht zwar allen anderen Parteien ebenfalls offen, aber die sind nicht darin aufgewachsen. Piraten hingegen bewegen sich im Netz wie Fische im Wasser, sie tollen hin, wo immer sie wollen, sie loaden up und loaden down und liken und disliken und chatten und twittern ohne jeden geistigen Aufwand und sind unaufhörlich miteinander in sozialem Kontakt. Kritiker mögen sagen, das könne im Prinzip auch jeder Cockerspaniel, aber was hätte der dumme Hund davon, sich „Pirates of the Caribbean“ oder die neue Single von Justin Bieber runterzuladen?

Damit haben wir die Hand bereits am pochenden Herzen der Partei. Ihr Gründungsimpetus war ja das gemeinsame Aufbegehren für freies Runterladen, für den kostenlosen Zugriff auf alles, was das Netz an Fun zu bieten hat. Die Bemühungen der Rechteinhaber, das Plündern zu bremsen, unterliefen die Diebe hohnlachend, und wenn es doch mal brenzlich für sie wurde, verbaten sie es sich, kriminalisiert zu werden. Das könnte sich zwar jeder Ladendieb ebensogut verbitten, aber ein verwegener Freibeuter und Korsar ist schließlich kein Ladendieb.

War das jetzt schwachsinnig argumentiert? Dann wars genau richtig: Piraten stehlen wie die Ladendiebe, aber sie sind nicht kriminell, sondern das Urheberrecht muß weg. Oder nein – es muß nicht ganz weg, sagt Piratenkapitän Sebastian Nerz, es müssen nur alle privaten Kopien und Gratisdownloads legalisiert werden. Schön, in dem Fall ist für die Urheber der Erlös weg, das mag sein – aber wer nur ein einziges Mal in Nerzens treues Mopsgesicht geschaut hat, weiß: er kanns nicht böse meinen.

Der Gute vertritt bekanntlich die Auffassung, im Netz könne man sowieso nichts stehlen, weil „der, von dem ich das kopiere, danach noch immer genausoviel hat wie davor.“ Eine Überlegung, die auch jenseits des „veralteten“ Urheberrechts ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Warum Konzertkarten kaufen? Ich nehm doch dem Künstler die Singstimme nicht weg, wenn ich für lau in den Saal komme! Warum fürs Kino bezahlen? Das geht dem Besitzer durch meinen Besuch doch nicht verloren! Warum sollte mich mein Anwalt nicht umsonst beraten? Bloß weil ich nach der Beratung mehr weiß als vorher, weiß der Jurist doch dann nicht weniger! Warum einem Arzt Geld geben, einem Friseur, einem Taxifahrer? Was könnten wir nicht alles sparen, wie schön könnte die Welt sein!

Künstlern, die ihre Arbeit gern honoriert sähen, sei gesagt, daß Käptn Nerz auch für sie ein Herz hat. Die „grundlegende Reform des Urheberrechts“ will er nämlich mittels eines großen, runden Tisches realisieren, an den „alle Leute“ gesetzt werden, „also nicht nur Sony und die Gema“, sondern auch „ein paar Konsumenten“ und „noch ein paar Künstler mit dazu“; die Künstler würden nämlich „normalerweise in der Diskussion relativ ignoriert“. Für Deutschland wäre ein solcher legislativer runder Tisch in der Tat was Neues, denn japanische Konzerne waren an der deutschen Gesetzgebung bisher nicht direkt beteiligt. Für Herrn Nerz dürfte neu sein, daß die Gema eine Gesellschaft mit der Aufgabe ist, die Ansprüche ihrer Mitglieder (der Künstler) durchzusetzen.

Die Piraten für relativ ignorante Deppen zu halten, wäre dennoch falsch. Die Jungs wollen einfach nur ihren Spaß haben, und zwar umsonst! Insofern ist ihre Forderung nach „bedingungslosem Grundeinkommen ohne Zwang zu Arbeit“ nur folgerichtig.

Man sollte ihre geistigen Fähigkeiten freilich auch nicht überschätzen. Nicht jeder, der auf dem Piratenparteitag seinen Laptop anstarrt, hackt sich gerade in die Datenbank des Bundesnachrichtendienstes. Die meisten gucken vermutlich nur Facebook und gehen dem nach, was einem Piraten nun mal wichtig ist: der „freien Entfaltung seiner Privatsphäre, seiner Intimsphäre, seines Kernlebensbereiches“ (Nerz).

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