Nation der Deppen

Gestern im Meinungsmagazin „The European“ ein Beitrag über die Piratenpartei, der zu denken gibt. Darin heißt es: „Rente, Steuern, Mindestlohn, Afghanistan, Finanzkrise, Euro, Zebrastreifen, Verkehrsberuhigung in Pimpelhausen, Spontanvegetation an Straßenkreuzungen, Schwarzfahren beim Verpackungsrecycling, Sonnenfinsternis, Klimawandel, Stimmungsschwankungen in den Wechseljahren, Ausbreitung von gefährlichen Viren in Krankenhäusern. Zu all diesen Themen kommen von der Enterhaken-Partei keine Aussagen. Ein programmatisches Nirwana.“

Die Ironie macht klar: Programme sind pillepalle. „Verkehrsberuhigung in Pimpelhausen“? Höhö, lachhaft! Für den Fall, daß sich der Leser fragt, warum lebenswichtige Fragen wie Verkehrsberuhigung pimpelhausen seien, klärt der Autor auf: weil im Leben nichts gewiß ist! Und da dies nun mal so ist, sind Politiker, die Lösungen anbieten, unglaubwürdig. Glaubwürdig hingegen ist, wer keine Ahnung hat und sich dazu bekennt – wie die Piratenpartei.

Die Überlegung zeugt von bedenklichem Schwachsinn, zumal der Autor den Piraten bei wachem Verstand ankreiden müßte, daß sie selbst Antworten auf allerlei Fragen suchen wollen. Kaum böten sie die erste Lösung an, wären sie ja ebenfalls unglaubwürdig.

Bislang ist ihnen allerdings nicht das geringste Wissen vorzuwerfen; wer meint, sie seien zumindest in Sachen Internet und Urheberrecht schon jetzt beschlagen, irrt. Sie haben keinen blassen Dunst, halten die Gema für den Hauptfeind der Urheber und die eigenen Gratisdownloads für eine prima Künstlerverdienstquelle. Mehr Glaubwürdigkeit geht nicht.

Dem Autor sei ein Praxistest empfohlen: wenn er demnächst ein Taxi nimmt, sollte er unbedingt einen Fahrer wählen, der sich weder in der Stadt noch mit dem Navi auskennt und im übrigen keinerlei Fahrpraxis besitzt. Im Gegensatz zu Taxifahrern, die behaupten, das Ziel finden zu können, ist ersterer nicht nur allein glaubwürdig, sondern wird auch mit hoher Wahrscheinlichkeit neue Wege finden.

Der Artikel schließt sehr passend mit der Frage: „Sind wir nicht alle Idioten?“ Doch, ja. Fast.

Bisher ist das zwar nicht abschließend belegt, doch das wird sich ändern. Wir sind immerhin schon so weit, daß jeder zwanzigste Deutsche nicht mehr lesen und schreiben kann. (Die anderen neunzehn glauben vermutlich, Analphabeten sei eine fromme Methode der Empfängnisverhütung.) Dabei halten wir uns noch für ziemlich ausgekocht. Wie die „Welt“ mal meldete, ist das am zweithäufigsten verwendete Paßwort für den Schutz sensibler Computerdaten „ficken“. Platz eins: „123456“.

Wie haben wir ein so eindrucksvolles Maß an geistiger Umnachtung erreichen können? In bestimmten Kreisen hält man das Internet nicht nur für ihren Beleg, sondern auch für den Katalysator, und für diese Vermutung sprechen gute Gründe; man braucht nur einen Blick in ein beliebiges Netzforum zu werfen – sei es eines für Kindermöbel, für Masochisten, für Witze, Bastler, Kopfschmerzen, Sternzeichen, Beschneidung, Kochrezepte, Steuertipps, Computerfragen, Zierfische oder Piraten – meist findet man so unterirdisches Gestammel vor, daß man sich staunend die Augen reibt. Dennoch glaube ich nicht, daß all die verwirrten Menschen allein durchs Internet so geworden sind. Ihrem Zustand liegt meiner Einschätzung nach eine längere, schrittweise Entwicklung zugrunde, die spätestens 1965 begann; nicht etwa mit dem politischen Erwachen eines Teils der Studentenschaft, sondern mit der gleichzeitigen Ansehensdemontage traditioneller Bildung.

Man skandierte höhnisch „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“, wenig später fiel die Idee der „antiautoritären Erziehung“ des Schotten Alexander Neil auf fruchtbaren deutschen Boden. Vor dem Hintergrund der mörderisch zackigen Nazivergangenheit galt der neuen Generation nun der Begriff Disziplin (das lateinische Wort für Unterricht) als verpönt und wurde mit Drill gleichgesetzt; so konnte man unter Verachtung des Bildungsbürgertums im Vollbewußtsein moralischer Überlegenheit die Erfahrung genießen, daß Nichtstun viel bequemer ist als Büffeln und Pauken. Selbstverständlich war die Jugend nicht homogen; neben Marxisten, Leninisten, Trotzkisten, Maoisten und zahllosen anderen linken Gruppen gab es haufenweise freiheits- und drogenbewegte Hippies, es gab sogar hier und da Konservative; die größte Gruppe aber bestand aus Leuten, denen das Gewese der anderen schnurz war. Der übergreifende Trend bestand in der Ablehnung des Paukens sowie der Disziplin überhaupt.

Die ältere Generation war davon nicht angetan und protestierte erregt, doch wie das bei bei älteren Generationen nun einmal ist, schwand der Protest nach und nach in dem Maße, wie die ältere Generation schwand. Außerdem bestand zwischen Alten und Jungen in einem wesentlichen Punkt Einigkeit: man sah sich einhellig auf dem Wege in die sogenannte „Freizeitgesellschaft“ (ein Wort, das heute bemerkenswert ausgestorben ist). Man hatte nämlich festgestellt, daß die Maschinen dabei waren, den Menschen immer mehr Arbeit abzunehmen. Also beschloß man, die schrumpfende Restarbeit wie eine bittere Medizin gerecht in immer kleinere Portionen aufzuteilen, und konzentrierte sich auf die Aufgabe, die wachsende Freizeit kurzweilig zu gestalten.

Anfangs hatte mancher neue Zeitvertreib noch den Nebenzweck, die Volksgesundheit zu fördern; so warb man etwa für den „Trim Trab“ auf den „Trim-Pfad“. Aus dem betulichen Trim Trab wurde aber bald das viel trendigere Jogging, dem sich nach und nach zahllose neue Sportarten zugesellten: Skating, Trekking, Mountain-Biking, Bodybuilding, Windsurfing, Freeclimbing, Paragliding, Rafting, Drafting, Bungee Jumping, Surviving – die Auswahl ist mittlerweile fast unermeßlich. Beim Apnoe-Diving kommt es darauf an, so lange wie möglich das Atmen einzustellen, “Hot Rocket” heißt der Gegenimpuls zum Bungeesprung: statt sich von der Brücke zu stürzen, läßt man sich in die Luft schießen; „Scad Diver” stürzen sich aus einer Krangondel oder einem Hubschrauber in ein Fangnetz, „Vertibiker“ strampeln mittels einer speziellen Seilkonstruktion den nächsten Fernsehturm hoch, und wer noch horizontal radelt, zwängt zumindest den Hintern in hautenge Latexschlüpfer und benutzt niemals einen Radweg, sondern nimmt die Autofahrspur direkt daneben.

Die Erwähnung der Trendsportarten soll den Ernst belegen, mit welchem man sich ins Vergnügen stürzte, soll allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Freizeitgestaltung in erster Linie im Fernsehen (Fernsehkucken) bestand. Zu Beginn gab man sich mit Edgar Wallace, Wim Thoelke und Ilja Richter zufrieden, dann kamen die Privatsender, und was der Bildschirm heute bietet, befriedigt rund um die Uhr selbst grenzdebile Bedürfnisse.

So wurde aus der Freizeitgesellschaft die Spaßgesellschaft, in der das Spaßhaben zum ersten Bürgerrecht avancierte. Gleich nach dem Fernsehspaß kommt der Fahrspaß, man hat viel Freude an neuester Unterhaltungselektronik, am Internet und immer neuer, grellfarbener Trendsportkleidung aus atmungsaktivem Plastik, man gönnt sich Flugreisen nach Mallorca oder in die Dritte Welt. Eher preiswerte Belustigungen sind Tattoos und Piercings; völlig kostenlos sind die Verwendung des Deppenapostrophs und das herrliche Vergnügen, die vormals weichen S-Laute in den Wörtern Sexualität, Homosexualität und Antisemitismus angelsächsisch-scharf auszusprechen.

Immer weniger Freude hat man dagegen an Kindern. Abgesehen davon, daß Kinder jede Menge Zeit beanspruchen, in der man sonst Spaß haben oder Geld fürs Spaßhaben verdienen könnte, sind sie teuer und lästig. Solange sie klein sind, brauchen sie Kinderwagen, Kinderbetten, Kinderzimmer, Kuscheltiere, Spieluhren, Bilderbücher, müssen unentwegt beaufsichtigt werden, müssen zum Arzt, scheißen alle naslang die Windeln voll, haben Hunger oder Bauchweh oder wollen nicht essen und plärren bei jeder Gelegenheit. Das ist nicht lustig. Später kann man sie zwar vor den Fernseher setzen, doch dann wollen sie auch bald schon Computerspiele, Facebook, Markenklamotten und die Pille.

Kein Wunder, daß die Kinderzahl drastisch geschrumpft ist. Lange Zeit sah man in dem Rückgang nichts Schlimmes; vielmehr schüttelte man den Kopf über den Kinderreichtum der Dritten Welt und sorgte sich wegen der dortigen Überbevölkerung. „Na ja,“ erläuterten die Sozialkundelehrer damals aufgeklärt, „die Menschen in den armen Ländern betrachten ihre Nachkommenschaft als Alterssicherung. Uns ist das fremd; wir haben ja unsere Rente.“

Die Schule, einst für Kinder (und damit für die ganze Familie) recht anstrengend, soll nunmehr Spaß machen. Fühlt sich der Nachwuchs irgendwann gefordert, gehen die Eltern auf der Stelle zur Lehrerin und verbitten sich den Leistungsdruck. Schüler, die sich im Simpel-Unterricht langweilen, Blödsinn machen und andere für begriffsstutzig erklären, müssen sich soziales Fehlverhalten vorwerfen lassen. Geben die Eltern zu bedenken, daß ihre Kleinen unterfordert sein könnten, diffamiert dies die anderen Kinder aufs Unsozialste. Die Lehrer empfehlen dann gern einen Schulwechsel auf eine Lehranstalt für Hochbegabte. Da kommen in der Regel nur Internate infrage, die pro Kind zwei-, dreitausend Euro oder mehr im Monat kosten. So haben auch unsoziale Eltern noch einen späten Lernerfolg: ihnen erschließt sich der Begriff Chancengleichheit in einer völlig neuen Bedeutung.

An diesem Punkt scheint das Problem auf, wie die Selbstverblödungsbemühungen einer Nation bei so erfolgreichem Verlauf von ihr selbst überhaupt noch beurteilt werden können. Nun, das geht nicht ohne Hilfe von außen. Eindrucksvolle Belege für unsere Fortschritte liefert immer wieder die Pisa-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Leider untersucht diese Studie nur Schülerleistungen, so daß unser größter Triumph bislang kaum gewürdigt wird: die Pisa-Generation ist ja längst in den Lehrerzimmern angekommen, auf den Lehrstühlen, in den Redaktionen, den Vorstandsetagen und selbstverständlich in den Parlamenten.

Die Wählerschaft ist nämlich „politikverdrossen“. 1.) weil die Griechen, die den ganzen Tag nur Spaß haben und Sirtaki tanzen, unser ganzes schönes Geld kriegen, 2.) weil das Benzin so teuer geworden ist, und 3.) weil die da oben ihre Versprechen nicht halten. Deshalb werden jetzt die „Piraten“ gewählt, die allen kostenlose Unterhaltung, kostenlosen Nahverkehr und überhaupt Geld ohne Arbeit versprechen. (Plus Schuldenbremse.) Wie erwähnt, geben sie ferner zu, von nix eine Ahnung zu haben, was sie in den Augen der staunenden Wähler glaubwürdig macht.

Außerdem wollen die Piraten endlich mal die veraltete Demokratie reformieren. Aus ihr soll eine „liquid Democracy“ werden: flüssige Demokratie per Internet. In Anbetracht der Scheißhausparolen und Shitstorms, mit denen ihre Anhänger das Netz fluten, ist zwar eher mit dünnflüssiger Demokratie zu rechnen, doch auch hier sind die Piraten ehrlich: sie bekennen sich offen zum Volksempfinden (Volksempfinden ist ein veralteter Ausdruck für „soziale Akzeptanz“). Es ist bei ihnen ein gewichtiges Argument für die Abschaffung veralteter Menschenrechte, die den Urhebern von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst derzeit noch zugebilligt werden. Allerdings bestreiten die Piraten hoch und heilig, diese Rechte abschaffen zu wollen. Macht nichts – sollten sie demnächst sagen, „ok, war gelogen, wir wollen den alten Kram weghaben“, könnte ihre Glaubwürdigkeit ins Unermeßliche steigen.

Die Nation ist bereit.

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