„Ihr griecht nix von uns!“

Die öffentliche Meinung Deutschlands über Griechenland ist von unerträglicher Ignoranz und Arroganz geprägt. Man weiß zwar: jeder zweite junge Grieche ist arbeitslos, 30% der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, die Zahl der Obdachlosen auf den Straßen Athens liegt inzwischen bei 25.000, seit letztem Mai haben von 330.000 griechischen Firmen rund 68.000 geschlossen, Bildungs- und Gesundheitssystem stehen vor dem Kollaps. Den völligen Staatsbankrott konnte und kann das Land nur mithilfe von Milliardenzahlungen aus Brüssel aufschieben und mußte sich dafür zu immer neuen Sparmaßnahmen verpflichten, von denen jede das Fiasko nur verschlimmert hat.

Zwar weisen alle Statistiken den Griechen längere Arbeitszeiten nach als uns, dennoch haben die unsäglichen Kommentare der Bild-Zeitung („Ihr griecht nix von uns!“) und anderer Medien uns den Eindruck vermittelt, die anhaltende Finanzkrise Europas sei dadurch ausgelöst worden, daß in Griechenland morgens der Wecker zu spät klingelt. Allen voran ist Kanzlerin Merkel der Wirklichkeit entschwebt: „Wir können nicht eine Währung haben, und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig“, formuliert sie verträumt. Urlaubsgefühle sind schließlich subjektiv: so kurz einem Deutschen die eigenen 30 Ferientage auch vorkommen mögen, so übertrieben üppig kann er die üblichen 23 Tage Urlaub eines Griechen finden. (Dabei kann letzterer froh sein, wenn er überhaupt einen Job hat. Um seine Familie durchzubringen, braucht er eher zwei oder drei.)

Daß dem Land Strukturreformen gut täten, steht außer Zweifel. Wer allerdings glaubt, mit frommen Maßnahmen gegen Bestechung, Vetternwirtschaft, Steuerhinterziehung etc. seien alle griechischen Probleme zu lösen, sollte mal einen Blick auf den benachbarten Bosporus werfen. Die Türkei boomt – und das wohl kaum, weil ausgerechnet dort die Korruption abgeschafft worden wäre. Im übrigen sollten wir nicht so tun, als erführen wir soeben erst von den griechischen Zuständen. Sie waren immer bekannt und haben die EU 1981 nicht an der Aufnahme des Landes gehindert; für den Beitritt zur Währungsunion 2001 mußte die griechische Regierung nur kräftig ihre Zahlen frisieren, was wohlweislich nicht weiter hinterfragt wurde, obwohl die Zeitungen offen darüber schrieben (z. B. „Kandidat mit Schönheitsfehlern“, SZ v. 03.05.2000, „Griechenlands Anpassung an die EU, Staatliche Nachhilfe mit geschickten Kunstgriffen“, Neue Zürcher Zeitung v. 26.01.1999). Man wollte die Griechen, man wollte sie unbedingt, und das aus gutem Grund.

In der Folge der EU-Mitgliedschaft erhöhte Griechenland nämlich drastisch seine Wareneinfuhr. „Über zwei Jahrzehnte hinweg haben wir unsere Produktionsbasis, unsere Industrie und damit unsere Exportmöglichkeiten zerstört. Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, nach dem Beitritt zur Eurozone, kam hinzu, dass wir uns zu geringen Zinsen Geld leihen konnten und das auch im Übermaß getan haben. So wurden wir ein Land des Imports. … Das Ergebnis war, dass jene, die etwas produzierten, ihre Betriebe schlossen und Importfirmen gründeten, weil sich damit mehr verdienen ließ. Das ist das eigentliche Desaster dieses Landes.“ (Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis, FAZ v. 09.02.2012)

Zum Import gehören bekanntlich immer zwei. „Exportweltmeister“ Deutschland hat dank der Aufnahme Griechenlands in die EU und die Eurozone immense Profite erzielen können (und selbst an der griechischen Verschuldung noch gut verdient). Scheu vor korrupten Praktiken hatten dabei auch Deutsche nicht, wie beispielsweise die dreisten Schmiergeldpraktiken der Firma Siemens gezeigt haben. Man machte mit der griechischen Plutokratie bedenkenlos Geschäfte auf Kosten des Volkes.

So unsicher die Lage nun auch ist; eins ist sicher: wir Deutschen sind den Griechen eine Menge schuldig.

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