Falsch klatschen – aber richtig

Bei der Vorstellung ihres Buches in Hamburg erzählte Sarah Kuttner von einem Spielzeug ihrer Kindheit. Aus Wut über ihre Erinnerungen an die „Negerpuppe“ rief ein Besucher die Polizei und zeigte die Autorin an.

Meine folgende Notiz zum Wort „Neger“ ist recht bejahrt; in den Neunzigern war der Kabarettist Stephan Wald damit in der Republik unterwegs, ohne daß einer der da und dort im Publikum befindlichen Schwarzen sich beleidigt gefühlt hätte. 2004 sollte das Untenstehende in einer Textsammlung bei VGS erscheinen, wurde aber von einer Lektorin namens Eva Neisser mit dem Argument gestrichen, „hautfarbenbezogene und auf rein äußerliche Merkmale sich gründende Klassifizierungen“ seien „rassistisch. Stattdessen sollte natürlich zu Bezeichnungen wie Afrikaner, Europäer, Asiaten etc. übergegangen werden.“

Ich lobte sie: „Das macht die Sache natürlich viel besser. Asiaten raus klingt viel hübscher als Schlitzaugen raus.“

Das Heer der Aufpasser wacht so militant über unsere Äußerungen, daß nicht einmal mehr der Hintergrund geächteter Wörter diskutiert werden darf, und mit jeder Abstrafung eines „Vergehens“ strahlt der Glanz des Blockwarts heller. Die oktroyierte Schönfärberei macht die Welt natürlich keinen Furz besser, aber dafür bleibt die Euphemismus-Tretmühle immer hübsch in Gang.

In eine ähnliche Mühle ist das Wort Rassismus selbst geraten. Bezeichnete es einst die Anmaßung, andere Volksgruppen als die eigene für genetisch minderwertig oder gar schädlich zu erachten, so läßt es sich heute gegen jeden ins Feld führen, dem man die Benachteiligung eines anderen unterstellen möchte. Wenn der Postbote meinen Briefkasten mal wieder leer läßt, rufe ich neuerdings immer „Rassist!“

Nun der alte Text:

Falsch klatschen, aber richtig!

Im deutschen Showgeschäft gibt es keine Rassenschranken: ob Moderator bei Viva oder Roberto Blanco im Festzelt – dunkle Haut ist egal wo gern gesehen. Vermutlich signalisiert sie uns sowas wie den Duft der weiten Welt und damit das Gegenteil von provinziellem Mief.

Im täglichen Leben dagegen ist der Neger … Moment mal, hab ich da gerade „Neger“ hingeschrieben? Tatsächlich. Genaugenommen habe ich es sogar absichtlich hingeschrieben. Ich wollte Ihren Protest provozieren:

„NEGER?“ Der hat tatsächlich „NEGER“ gesagt!

Sehen Sie, es klappt.

Wie bitte? Was? Der Ausdruck „Neger“ ist entwürdigend? Menschenverachtend? Beleidigend? Neger bedeutet doch nichts anderes als Schwarzer! Ich frage Sie: wenn „Weißer“ keine Beleidigung ist – wieso ist dann „Schwarzer“ eine? Halten wir dunkle Haut für einen peinlichen Makel? Für eine unaussprechliche Krankheit? Für ein Zeichen von Minderwertigkeit, über die man als Weißer taktvoll hinwegsieht?

Sind wir noch ganz bei Trost?

Im saudümmsten aller deutschen Volkslieder mußten einst „zehn kleine Negerlein“ fröhlich eines nach dem anderen über die Klinge springen, aber dies hat in unseren Augen nicht etwa uns diskreditiert – sondern das Wort Neger! Deshalb wird es mit der Zeit ohne jeden praktischen Nutzen für die Betroffenen aus unserer Sprache verschwinden – so wie das alte Wort Mohr, von dem kaum noch jemand weiß, was es ursprünglich bedeutete: Maure nämlich, Schwarzer, Afrikaner. (Heute kann man selbst die blondesten Bübchen unwidersprochen Moritz taufen. Oder Maurice.)

Zu danken ist dieser Entwicklung allenfalls, daß die Mohrenköpfe als solche aus den Konditoreien verschwunden sind. Die Dinger stehen jetzt ohne einheitliche Bezeichnung da. Zwischendurch hießen sie mal Negerküsse, um die es freilich schade ist: wovon träumt schließlich die weiße Weiblichkeit insgeheim? Von schwarzen Schultern, schwarzen Muskeln und leidenschaftlichen Negerküssen. Und damit jetzt nicht nur die weißen Männer Unterlegenheitsgefühle entwickeln, sei den Damen vorgehalten: sowas wie den göttlichen Knackarsch von Tina Turner hat es bisher bei keiner weißen Frau gegeben. Im übrigen bewegen sich Schwarze viel eleganter als Weiße, tanzen viel besser, und wo sie Musik machen, geht unnachahmlich die Post ab.

„Lieber Gott, ja,“ sagen Sie jetzt, „der Unterschied zwischen Ray Charles und Heino ist mir auch schon aufgefallen.“ Na bitte!

Übrigens: selbst Deutscher zu sein ist an sich nichts Peinliches. Und so viele schämen sich dafür! Oh nein – nicht für die Vergangenheit. Die Altnazigeneration ist ja fast ausgestorben – und schon die hat sich dafür nicht übermäßig geschämt. Nein, wir schämen uns für unsere Beamtenseelen. Dafür, daß wir keine verwegenen Lebenskünstler sind, sondern uns immerzu nach Pünktlichkeit und Ordnung sehnen.

Und dafür, daß wir „falsch“ mitklatschen, wie der Schwarze Ron Williams in Talkshows immer wieder bitter beklagt hat: nach seiner Meinung gehört bei einem Viervierteltakt die Betonung nicht auf Eins und Drei, sondern auf Zwei und Vier, damit es swingt. Andernfalls werde ein Marsch draus. Damit hat er sogar recht, nur – was um himmelswillen ist an der Neigung zur Marschmusik „falsch“? Gute Märsche sind wunderbar mitreißend, aufwühlend, zu Herzen gehend – sonst könnte man sie schließlich nicht für den Krieg mißbrauchen. Es gibt sogar sehr moderne deutsche Märsche: was ist Techno anderes als Marschmusik auf Ecstasy?

Natürlich ist nicht jede Komposition marschkompatibel. Die meisten Popsongs gehen unter der deutschen Klatschbehandlung ächzend in die Knie. Aber nicht in den Ohren der Klatscher: die lieben jedes Lied ganz naiv und legitim auf ihre Weise. Auch wenn es Ron Williams dabei graust. Er kann dafür ja seinerseits das Deutschlandlied zum Swing umklatschen und drauf tanzen. Ich gebe zu, das Beispiel ist boshaft gewählt, denn das Stück war ursprünglich, bevor es im wahrsten Sinne des Wortes aufgeblasen wurde, ein hübsches kleines österreichisches Streichquartett. Und wenn Joseph Haydn auch rhythmisch nicht mit Moses Pelham mithalten kann – irgendwie hat er was, oder?

Sprechen wir es also offen aus: Neger sind schwarz und haben dicke Lippen. In Japan sind die Hintern so flach, daß die Frauen künstliche Pobacken tragen müssen. Ein Italiener kommt keine hundert Meter weit den Strand runter ohne die eine Hand an der Frisur und die andere am Sack. Ein Schwede darf den Schlüssel zur Hausbar nicht haben. Ein Deutscher hat eine fahle Haut, eine Sonnenbank im Keller und eine Gattin, die sich Collagen spritzen läßt, weil sie dicke Lippen will. Und so weiter. Oder auch völlig anders.

Und: das ist völlig in Ordnung so. Die Menschen sind nicht alle gleich, sie sind ganz verschieden. Jeder einzelne. Nehmen wir das zur Kenntnis und hören wir auf, um den heißen Brei herumzureden. Die Unmenschlichkeit fängt nämlich genau da an, wo einer in dumpfer Verkennung des Gleichheitsgrundsatzes behauptet:

Alle Menschen sind gleich.

Denn damit sagt er: Alle Menschen sind wie ich.

Und das heißt weiter: Wer anders ist als ich …

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