Geburtstag

Zu den weitsichtigsten Strategien des Menschen gehört die Geburtstagsfeier.

Weitsicht ist beim Menschen zwar nichts ganz Ungewöhnliches, doch daß dem Erfassen eines Sachverhalts eine kluge Reaktion folgt, ist nicht selbstverständlich. Ein Beispiel: jeder hierzulande weiß, daß es im Winter schneit. Trotzdem melden die Nachrichten jeden Winter todsicher, die Autofahrer seien vom Schnee überrascht worden.

Insofern ist die strategische Leistung der Geburtstagsfeier umso hervorragender. Auch beim Geburtstag geht es schließlich um höhere Gewalt. Der Herrgott hat in seiner unergründlichen Weisheit den Menschen so geschaffen, daß dieser als einziges Lebewesen der Erde ganz bewußt seinem eigenen Verfall zusehen muß. Das Haar wird dünn und fällt aus, die Zähne werden gelb und löchrig, die Haut wird faltig, fleckig, lappig, und während die Körpergröße abnimmt, wächst an unvorteilhaften Stellen quabbelndes Fett. Von den nachlassenden Sinnen, den schwindenden Kräften, den unzähligen Gebresten und Schmerzen und dem unausweichlichen Ende will ich gar nicht erst reden. Die Motive des Herrgotts sind, wie gesagt, unergründlich; interessant ist gleichwohl, daß er uns nach seinem Bilde geschaffen haben soll – demnach müßte er nach all den Jahren selbst ziemlich quabbelig sein, was mich insgeheim freuen würde. Andererseits sind für ihn laut dem 90. Psalm tausend Jahre nur wie ein Tag, so daß … ich will aber nicht abschweifen. Der Mensch weiß jedenfalls genau, wie es mit ihm ausgehen wird. „Gaudeamus igitur“, sangen früher die Studenten, „iuvenes dum sumus“: laßt uns Spaß haben, solange wir jung sind – wenn der angenehme Lenz vorbei ist, kommt das mühselige Alter, und schließlich landen wir unterm Rasen.

Klare Sache soweit. Fragt sich nur, wie wir es hinkriegen, trotz solcher Aussichten überhaupt Spaß zu haben. Müßten unsere Gedanken nicht unentwegt um welkendes Fleisch kreisen, um Prostataleiden, Blaseninkontinenz, Alzheimer, Totenglöcklein und Gewürm? Ganz besonders an Geburtstagen müßte sich doch jeder niedergeschmettert sagen: Scheiße nochmal, schon wieder um ein ganzes Jahr dem Sarge näher! Stattdessen feiern wir den Geburtstag als freudigen Anlaß und gratulieren einander dazu. Doch genau darin besteht der Trick! Wer als Kind gelernt hat, dem Erreichen eines neuen Meilensteines beim Großwerden, dem Kuchenessen, dem Wattepusten und Topfschlagen und vor allem den herrlichen Geschenken entgegenzufiebern, der hat selbst im hohen Alter noch eine gute Chance, sich wider besseres Wissen auf den Ehrentag zu freuen – auf die Glückwünsche, auf die besondere Beachtung, auf den Besuch der Kinder und Enkel, schließlich gar auf den Neid der anderen Tatteriche wegen des Bürgermeisters Händedruck zum Hundertsten.

Geburtstagsfeiern lösen unser Bewußtsein aus der rinnenden Zeit, machen uns gleichsam unsterblich. Natürlich nur vorübergehend. Mit Blick auf meine eigene Sterblichkeit nehme ich deshalb die Quabbeligkeit des Herrgotts zurück.

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