Begegnungen

Meine erste Begegnung mit Dieter Bohlen ist viele, viele Jahre her. Die zweite auch, aber nicht ganz so viele Jahre.

Dafür ist die erste schnell erzählt. Ich hatte in München einen Termin bei der Ariola, wo ich ein paar Titel unterbringen wollte. Unter den Leuten, die gemeinsam mit mir am Flughafen Fuhlsbüttel aufs Boarding warteten, war Dieter Bohlen, und als ich abends in München auf den Rückflug wartete, erschien er gleichfalls wieder. Er musterte mich, dann fragte er: „Na, auch wieder fliegen?“ Ich nickte und sagte: „Hmhm.“

Um die zweite Begegnung anschaulich zu beschreiben, muß ich etwas weiter ausholen. Sie müssen wissen, daß ein Popsongschreiber sowas ist wie eine Ich-AG – bloß in echt. Er ist also kein umgeschulter Amateur mit staatlicher Stütze, sondern ein veritables, eigenständiges Musikunternehmen, das den Markt beobachtet, Produkte entwickelt und an den Mann bringt. Der Popsongschreiber vereint in einer einzigen Person Geschäftsleitung, Einkauf, Fertigung, Marketing, Werbung, Außendienst, technische Werkstatt und Reklamation, und er kann sich glücklich schätzen, wenn ihm seine Frau die Verwaltung abnimmt (Registratur, Buchhaltung, Kasse, Steuer). Wenigstens sind die Produktionsmittel überschaubar: ein Computer fürs Textdichten und einer fürs Büro; ein paar Musikinstrumente, ein kleines Tonstudio im Wert eines Einfamilienhauses, und schon läuft der Laden.

Anders als ein Popstar braucht ein Songschreiber nicht öffentlich aufzufallen, er muß nicht tätowiert und gepierct sein, er muß keine bunten Rocky-Hütchen tragen, keine Hotelzimmer demolieren und keine Groupies vögeln, er muß weder bis zur Besinnungslosigkeit saufen noch koksen und kann überhaupt auf anstrengende Orgien pfeifen. Statt ein wildes, haltloses Leben zu führen, sitzt er bequem an seinem Schreibtisch oder am Mischpult und schreibt ein Lied nach dem anderen. Jahr für Jahr, Monat für Monat, Woche für Woche konzentriert er sich den ganzen Tag auf seine Arbeit. Oder, na ja, den halben Tag vielleicht, denn mittags kommen die Kinder nach Hause und müssen aus der Schule berichten, anschließend müssen sie zum Tennis gefahren werden, zum Halsnasenohrenarzt, zur Gymnastik, zu Pontius und Pilatus. Außerdem sind Einkäufe für Oma zu erledigen.

Leider geht das Songschreibergeschäft nicht besonders; die Musikbranche liegt keuchend auf den Knien, weil kaum noch Platten verkauft werden – schließlich gibts im Internet alle Songs umsonst. Wer da als Autor überleben will, gehört besser zu denen, die vom Reden mehr verstehen als vom Schreiben. Klappern gehört zum Handwerk; sich selber muß man verkaufen können, in Talkshows muß man sitzen, Superstars muß man küren! Schreiben ist Blech, Reden ist Gold. Dummerweise gehöre ich haargenau nicht zu diesen Künstlern, sondern zu den anderen. Mist.

Wenn wenigstens der Kleine nicht so unausstehlich pubertieren würde. Und der Große nach Anjas, Tanjas, Nadines oder Janines Geburtstagsparty heute früh nüchtern heimgekommen wäre. Aber vor allen Dingen braucht Oma ein neues Badezimmer.

„Was halten Sie hiervon?“, fragt die Sanitärbedarfsgehilfin im schulterfreien Angorapulli widerwillig.

„Was ist denn das?“

„Das ist eine Dreiloch-Mischbatterie. Rolando von Solana. Oder die hier, als Einloch von Growian.“

„Eigentlich suchen wir einen Wasserhahn.“

Sie zieht beleidigt die Mundwinkel runter und atmet genervt aus.

Meine Frau mustert mich skeptisch. Gleich geht die Post ab, denkt sie und klatscht präventiv in die Hände: „Hey, hört mal, ich hab eine Idee! Es ist schon Zwölf; wollen wir nicht ins Rossini gehen?“

Ins Rossini? Habe ich ja gesagt? Anscheinend. Irgendwie ist mir lull und lall. Alles zu anstrengend. Aber ein paar Penne und vielleicht ein wenig Tintenfisch vorneweg – warum nicht.

Ich muß die Speisekarte einen halben Meter weit weghalten – Brille vergessen. Die Jungs treten einander mit den langen Stelzen unterm Tisch. Der Große guckt glasig: „Hör auf damit, du Idiot!“

Der Kleine hängt schräg auf seinem Stuhl wie ein ohnmächtiger Storch. „Fick dich!“

Jetzt reichts. Ich ranze die beiden an. Die Wirkung ist gleich Null. Nur Oma duckt sich. Schon tut es mir leid.

Der Tintenfisch kommt. Eine Monsterportion; Unmengen leichenbleicher Kalamari auf gemischtem Salat. „Das ist aber eine große Vorspeise!“

„Eigentlich ist das ein Hauptgericht.“

Gleich die erste Gabel landet auf meinem Schoß. Die lappigen Salatblätter sind das Hauptproblem, denn selbst wenn ich die reibungslos in den Mund kriege, läuft mir das Dressing übers Kinn. Und da sind auch schon die Penne. Soviel Tomatensauce kann mein Hemd gar nicht verfehlen; ich versuche mit aller Mühe Haltung zu bewahren, kämpfe, das Besteck in der Rechten und die Serviette in der Linken. Inzwischen hat die Familie den Unterhaltungswert der Vorstellung erkannt und starrt mich hingerissen an, um keinen Fehlgriff zu verpassen. Himmel, ist mir heiß.

Da erscheint etwas Bildhübsches, Dunkelhaariges im Eingang. Ich richte mich rasch auf und verteile mit der Serviette unauffällig die Saucenreste in meinem Gesicht.

Direkt hinter dem Mädel taucht eine Nußknackervisage auf, geldgebräunt und erfolgsgepflegt: Dieter Bohlen.

Nun langts endgültig. „Zahlen!“ Die Bedienung bringt meiner Frau die Rechnung.

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