Jenseits von Edeka

Für die Woodstockgeneration war immer klar, was sie von Kaufhäusern und Supermärkten zu halten hatte: nix. Es waren Orte des Konsumterrors, die man nur gezwungenermaßen aufsuchte – man mußte schließlich essen und sich kleiden. Man brauchte auch einen Plattenspieler, um Degenhardt und Süverkrüp hören zu können. Irgendwann wollte man sogar mal einen Fernseher. Aber nur widerstrebend.

Mir war diese Haltung damals nicht fremd. Allerdings empfand ich nicht die physischen Qualen, denen sich viele meiner Freunde im Kaufhaus ausgesetzt sahen. Bei ihnen bewirkten schon üppige Schaufensterauslagen und volle Warentische Ekelgefühle, die langen Reihen synchron leuchtender Bildschirme in den Fernsehetagen erzeugten Brechreiz, die Wirkung von Krawattenständern und Kosmetikabteilungen gar nicht erst zu beschreiben. An meinen Freunden wurde deutlich, daß Konsumterror nicht etwa nur ein leeres Wort war, sondern daß er höchst real und brutal seine Opfer forderte.

Zu diesen Opfern zählte ich nicht. Obwohl ich Kaufhäuser moralisch verwerflich fand, ging ich gerne hin. Natürlich gab ich das nicht zu. Je besser mir die Fernseher und die Stereoanlagen und die buntbemalten Kosmetikverkäuferinnen gefielen, desto mehr achtete ich darauf, bei ihrem Anblick ein abschätziges Gesicht zu ziehen, und wenn es mich trieb, vor einem besonders schönen Exemplar stehenzubleiben, um es in aller Ruhe und von allen Seiten zu betrachten, gab ich dabei ein angewidertes Kopfschütteln zum besten. „Hast recht,“ sagten meine Freunde dann mitfühlend, „komm, ist ja nicht auszuhalten hier.“

Heute ist alles anders. Zwar betrachte ich Kosmetikfachverkäuferinnen nach wie vor mit großem Interesse, mein Gesicht heuchelt aber jetzt väterliches Wohlwollen. Fernsehergespickte Wände haben an Attraktivität stark eingebüßt: es ist eher ein Gefühl von Einsamkeit und Trübsinn, das mich in den endlosen Weiten moderner Elektromärkte befällt. Vielleicht wende ich mich da und dort irgendeinem besonders digitalen Breitwandsurroundgerät zu – aber ohne rechte Lust. Schon der Gedanke an die lästige Gebrauchsanweisung läßt mich verdrossen weiterzockeln.

Den Tiefpunkt bilden Lebensmittelabteilungen. Keinesfalls wegen der dortigen Fleischfachverkäuferinnen, es ist die Beleuchtung, in welcher sie arbeiten müssen. Dieses Licht soll die Kunden offensichtlich auf den Geschmack bringen, denn es taucht die komplette Wursttheke in einen rosig-fleischig-schinkigen Schimmer, damit einem das Wasser im Munde zusammen laufe. So ganz funktioniert die Sache aber nicht, weil auch die Fleischfachverkäuferinnen selbst rosig-fleischig-schinkig wirken. Kein Wunder, daß die Männer in keinen rechten Kaufrausch geraten.

Manche Damen scheint die Atmosphäre von Lebensmittelmärkten regelrecht grüblerisch zu machen. Den Einkaufswagen quer im Gang, verharren sie in melancholischer Korpulenz vor den Milchprodukten, prüfen gedankenvoll Salatköpfe, lassen den entrückten Blick unendlich langsam über Putzmittel und Zahnpasten schweifen. Was mögen die Damen denken? Lauschen sie am Ende nur selbstvergessen den Hits der Vergangenheit, die aus den Lautsprechern lullern?

Wenn ich heutzutage vom guten alten Konsumterror gebeutelt werden will, muß ich schon bei BMW oder Porsche vorbeischauen. Ein abschätziges Gesicht brauche ich dort natürlich nicht mehr aufzusetzen. Stattdessen suche ich den Eindruck zu erwecken, vom Spontanerwerb des neuen Roadsters halte mich nur dessen mangelnde Beinfreiheit ab.

In Wahrheit sind es natürlich ökologische Bedenken.

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