Judensau

Die meisten kleinen Jungs stehen auf Fußball und vergöttern die Bayern. Dafür ist u. a. das Fernsehen verantwortlich, das dem Befinden von Manuel Neuer mindestens ebensoviel Bedeutung beimißt wie Weltwirtschaftsgipfeln, Erdbeben, Bundestagswahlen und Massakern: „Syrien. Letzten Meldungen zufolge sind am Mittwoch bei heftigen landesweiten Gefechten mehr als 60 Menschen ums Leben gekommen. München. Laut Auskunft von „Jupp“ Heynckes wird Manuel Neuer trotz einer störenden Warze im Schritt am Pokalfinale teilnehmen.“

In vielen Kinderzimmern finden sich daher signierte Bayern-Fußbälle, Bayern-Posters, Bayern-Handtücher, Bayern-Hemden, Bayern-Schals, Bayern-Rucksäcke, Bayern-Bettwäsche, und was weiß ich noch alles. Der Fußball bestimmt die kindlichen Wünsche und Träume, oft das ganze Weltbild. Klar, daß Papa irgendwann nicht mehr umhinkommt, mit dem Jungen ins Stadion zu gehen. Papa hat vom Fußball keine Ahnung, und Menschenmassen, die sich in Stadien zusammenballen, empfindet er als bedrohlich. Aber der kleine Dany bettelt und bettelt. Da liest Papa den Hinweis auf ein Turnier in der Alsterdorfer Sporthalle. Die kennt er; da hat er Velvet Underground gesehen, Toto, Dire Straits – so übel kanns dort nicht werden.

Dany ist begeistert. Als es soweit ist, hat er hochrote Backen, hält sein Ticket fest in der Faust. Das Foyer sieht aus wie immer, es gibt Würstchen, Bier, Cola, Eis; im Innern der Halle leuchtet ein hübsches, grünes Spielfeld. Der Raum füllt sich. Hinter Vater und Sohn läßt sich ein Haufen Anhänger des FC Karl Zeiss Jena nieder. Alle sind mit entsprechenden Hemden, Mützen, Schals etc. dekoriert und haben sich anscheinend schon im Bus warmgeschrien. Die Kehlen klingen wie Müllaster und riechen auch so. Dem Bierdunst auszuweichen, ist unmöglich: Die Menschen drängen sich jetzt dicht an dicht, das Turnier beginnt.

Bei der Durchsage der ersten Mannschaftsaufstellungen wird das Publikum munter. Die Nachnamen der angekündigten Spieler werden von den gegnerischen Fans jeweils in mächtigem Chor mit „Arschloch“ überbrüllt. Dann das erste Spiel. Das Geschehen auf dem Feld wird von der Menge mit Wogen von Gejohle begleitet. Einzelne Fans haben sich gut sichtbar postiert und wenden sich unentwegt nach hinten, um den Ton für Gesänge und Sprechchöre anzugeben. Die Halle bebt unter dem vielstimmigen, röhrenden Lallen.

Dany ist blaß geworden. Mit gesenktem Kopf und offenem Mund betrachtet das Kind die enthemmten Erwachsenen rundum. Hinter ihm läßt der Einpeitscher des FC Karl Zeiss Jena einen bierfeuchten Schal kreisen und grölt: „Judensau! Der Schiedsrichter is ne Judensau!“ Die anderen Jenaer reagieren aus Leibeskräften: „Judensau! Judensau!“ Papa dreht sich verdutzt um. Der Einpeitscher nickt ihm anfeuernd zu; seine Augen sind glasig: „Stimmt echt! Der Schiedsrichter is echt ne Judensau!“

Papa ist hilflos. Weder kann er mit dem Mann ein Gespräch führen noch ihn zurechtweisen, noch wird irgendein Ordner oder sonstwer dem Pöbel den Mund verbieten. Betreten nimmt Papa den verstörten Dany bei der Hand und geht.

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