Heilige Scheiße

Einige ungeordnete Gedanken zum Thema Religion. Ich komme darauf, weil Papst Benedikt der Menschheit kürzlich beschieden hat, Jesus sei ein „Pfand der Liebe Gottes“. Das hat mir zu denken gegeben. Nicht, daß Gott seinen Sohn buchstäblich ins Pfandhaus getragen hätte – der Papst hat natürlich metaphorisch gesprochen und meint mit „Pfand“ sowas wie Gewähr. Wir kennen das aus den Deutschlandlied: Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand. Das deutsche Volk übt Einigkeit, Recht und Freiheit, dafür erhält es eine gewisse Glücksgewährleistung. Umgekehrt betrachtet: ohne Einigkeit und Recht und Freiheit kein Glück. Dem kann ich folgen. Mit dem Papst habe ich hingegen ein Problem. Wenn Gott uns Liebe gewähren wollte, wieso mußte er sich dafür selbst eine Garantie abverlangen? Traute er sich nicht über den Weg? Hätte er nicht besser uns mißtraut? Hätten nicht eigentlich wir ein Pfand hinterlegen müssen? Und wenn es schon unbedingt ein Pfand sein mußte, wieso mußte es Gottes Sohn sein? Hätte nicht irgendwas anderes ans Kreuz genagelt werden können? Ein paar freundliche Gebote meinetwegen oder ein christliches Manifest, oder ein Marzipanherz?

Mir ist die ganze Sache suspekt. Ich muß dabei immer an George Carlin denken, der am Ende lieber Joe Pesci huldigte, weil er Gottes Liebe nicht mit den Zehn Geboten unter einen Hut kriegte. Wer gegen die Zehn Gebote verstoße, so Carlin, komme in eine göttliche Strafanstalt, und dort müßten wir brennen und schreien und heulen und zähneklappern und würden mit glühenden Zangen gefoltert bis in alle Ewigkeit. Und warum? Weil Gott uns liebt!

Das ist tatsächlich seltsam. Immerhin ergibt es so wenigstens Sinn, daß wir Gottes Liebe mit der Kreuzigung seines Sohnes vergolten haben. Völlig verrückt ist wiederum, daß wir ausgerechnet deswegen nun von allen Sünden erlöst sind und doch nicht in die Hölle müssen. Angeblich. Sicher bin ich nicht. Wer weiß schon, wie Gott wirklich reagiert, wenn einer andere Götter wie Joe Pesci neben ihm hat. Das Gebot ist schließlich kompromißlos: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Gebetet wird gefälligst nur zu ihm, dem einen, einzigen Gott.

Und natürlich zu Jesus. Und dann noch zu seiner Mutter, also zur Gottesmutter. Na ja, und zu ein paartausend Heiligen. Als Junge habe ich sehr viel gebetet. Man hat als Kind ja so seine Wünsche. „Lieber Gott, bitte, bitte mach, daß ich in Mathe noch ne Vier krieg!“ Es hat aber nie was genützt. Wahrscheinlich, weil ich protestantisch erzogen war. Katholiken sind gewiefter im Beten, die wissen, daß für Detailfragen jeweils bestimmte Heilige zuständig sind: Sankt Florian für Feuer, die heilige Ottilie für Augenleiden, für Halskrankheiten der heilige Blasius. Kein Witz! Sowas legt der Vatikan ganz offiziell fest. Die heilige Klara von Assisi zum Beispiel ist zuständig fürs Fernsehen. Das hat Papst Pius XII. 1958 proklamiert. Die heilige Klara hatte nämlich Visionen, und das ist ja schon fast Television.

Ich hätte halt wissen müssen, welcher Heilige für Mathenoten zuständig ist. Aber damit kennen sich Protestanten nicht aus. Was nicht heißt, daß ich weniger fromm aufgewachsen wäre. Ich habe meine Kindheit im Sauerland zugebracht, das hieß: der liebe Gott sieht alles. Da war Intimsphäre etwas Unanständiges. Hände auf die Bettdecke, Gebet vor jedem Essen, in der Schule Religionsunterricht, und am Sonntag wurde ich schon frühmorgens im Kindergottesdienst mit Gleichnissen traktiert. An eines davon erinnere ich mich noch heute. Es war im Winter, und es ging um ein Flugzeug. Die Maschine startet, ist auf Kurs, alles läuft bestens – da reißt auf einmal der Funkkontakt ab. Warum? Die Antenne ist vereist! Höchste Gefahr! Just an diesem Punkt schlug der Pastor den Bogen zum Glauben: in höchste Gefahr gerate auch, wer den Kontakt zu Gott verliere! Wie gesagt, es war Winter. Die Bänke waren saukalt, da konnte man die vereiste Antenne geradezu körperlich spüren. Zumindest als Junge.

Heute muß die Kirche zusehen, daß sie sich die Kundschaft warmhält. Alles ist viel lockerer geworden, es gibt Gospelchöre und Rockgottesdienste, moderne Licht- und Tontechnik, Benedetto ist ein Popstar mit Augenringen wie Alice Cooper, ein Event jagt den anderen, und wenn nachts jemand feuchtfröhlich über eine rote Ampel brettert, ist es Frau Käßmann. Und doch – die Kirchenaustritte nehmen zu. Die Kirchengemeinden schrumpfen. Ich glaube, der Klerus wäre besser beraten, wieder mehr Weihrauchschwaden wallen zu lassen, wieder mehr geheimnisvolles lateinisches Brimborium abzuhalten, gelegentlich ein paar Hexen zu verbrennen und vor allem schwelgerisch über Sex und Höllenfeuer zu predigen. Das Publikum wäre ihm sicher.

Die Menschen gruseln sich nun einmal gern und sehnen sich nach irrationalem, feierlichem Mumpitz. Was die Kirche nicht mehr bietet, holen sie sich bei Gurus, Satanisten, Handauflegern, Hellsehern und anderen geschäftstüchtigen Irren. Oder sie gehen zu den Scientologen und glauben, die Menschheit sei vor Jahrmillionen von einem galaktischen Herrscher namens Xenu auf die Erde gebracht worden, der sie in Vulkane gesteckt und mit Wasserstoffbomben in die Luft gesprengt habe, so daß die Überlebenden seither als „Thetane“ durch die Gegend flögen. Bitte, ich habe mir das nicht ausgedacht! Das war der Religionsgründer Ron Hubbard. Ich selbst könnte mir ganz andere Sachen vorstellen. Zum Beispiel könnte der Herrscher des Universums eine riesige galaktische Puddingbrezel sein, die sich vor Jahrmilliarden ein Fahrrad gewünscht hat, und als sie keins gekriegt hat, bums, gabs den Urknall.

Nein, das ist natürlich Quatsch. Der Urknall ist ja wissenschaftlich erforscht. Der Teilchenbeschleuniger in Genf kann den Urknall sogar simulieren, indem er Teilchen nahezu auf Lichtgeschwindigkeit bringt. (Jetzt weiß ich wieder, wie ich auf das Puddingteilchen gekommen bin.) In Wahrheit ist eine Puddingbrezel als Gottheit ungeeignet. Eine Puddingbrezel als Erlöser von allen Übeln ist Blödsinn. Zumal die Übel ständig mehr werden. Klima, Wirbelstürme, Dürre, schmelzende Gletscher – wo soll das hinführen? In die Katastrophe. Weltuntergang, soviel ist sicher. Mit der Einschränkung, daß die Erde selbst nicht untergeht. Auch der Mond ist völlig ungefährdet, die Sonne sowieso, das Kreuz des Südens, die Milchstraße – einfach alles. Alles bleibt! Sogar die Menschen. In gewisser Weise: jeder weiß doch, wie lange das Licht im Weltraum unterwegs ist: vom Andromedanebel aus gesehen hat noch nicht einmal die Geburt der Menschheit stattgefunden, geschweige denn ihr Untergang. Man muß nur in größeren Zusammenhängen denken. Aber genau da liegt das Problem, das will die Bundesregierung nicht. Deshalb werden bestimmte Botschaften, die aus dem All bei uns eintreffen, vertuscht. Weil nämlich die Absender längst tot sind.

Sollten Ihnen jetzt Zweifel an meinem Geisteszustand kommen, lassen Sie uns wissenschaftlich werden und einen Blick auf die sogenannten Pulsare werfen. Pulsare sind Neutronensterne, von denen wir Funksignale empfangen. Das ist zweifelsfrei nachgewiesen. Dem werden Sie jetzt vielleicht zustimmen, werden aber einwenden, Pulsare seien nichts anderes als ehemalige Sonnen, die irgendwann zur Supernova oder zum Schwarzen Loch geworden seien; von dort komme nur noch eine Art Restenergie, eine Art Puls, richtig?

Falsch. In Wahrheit waren die Pulsare ursprünglich ebensolche Planeten wie die Erde. Selbstverständlich nicht von Menschen bewohnt – so darf man sich das nicht vorstellen. Es gab Leben, aber in Form kleiner, länglicher Geschöpfe mit Borsten am Kopf. Sie sahen ähnlich aus wie unsere Zahnbürsten; rot, gelb, blau – freundliche, ordentliche Wesen, die sich ernährten, indem sie die Oberfläche ihrer Planeten abweideten, genauer: abbürsteten. Dort wuchsen nämlich Bakterien. Die Nährstoffe aus diesen Bakterien mußten die Bürsten in Energie umgewandeln – Metabolismus, ganz wie bei uns. Allein, das wurde ihnen zum Verhängnis: das Abfallprodukt ihres Stoffwechsels war nämlich Zahnpasta. Mit Zahnschutzfaktor neun! Wo diese Zahnpasta hinfiel, wuchsen keine Bakterien mehr. Also immer mehr Zahnbürsten, aber immer weniger Nahrung. Man stelle sich vor: Bürsten über Bürsten, eng zusammengedrängt auf schrumpfenden grünen Flecken inmitten endloser, schneeweißer Zahnpastawüsten. Irgendwann fingen die bunten Wesen in ihrer Verzweiflung an, Notrufe ins Weltall abzusetzen. Das war vor Jahrmillionen, und es sind diese Notrufe, die wir heute empfangen! Der geheimgehaltene Wortlaut dürfte ungefähr lauten: „Holt euch die frische Andromed mit Zahnschutzfaktor Neun!“

Die Geschichte klingt absurd, aber sie ist es nicht. Es ist bloß eine kleine Parabel auf die Menschheitsgeschichte. Man braucht sich nur vorzustellen, daß in Millionen von Jahren fremde Wesen im Andromedanebel die Reste unserer Ätherwellen durchstöbern. Wen werden sie finden? Dr. Best.

Ich schweife ab. Zurück zum Thema. Es fällt mir schwer, galaktische Herrscher, Erdstrahlen, nächtliche Engelserscheinungen oder das Raunen Verstorbener ernstzunehmen. Da sind mir Anhänger bewährter Religionen letztlich doch lieber. Vielleicht nicht gerade Christen, aber Buddhisten durchaus. In Deutschland leben 250.000 Buddhisten, lauter ausgeglichene, in sich ruhende Menschen. Viele sind sogar Vegetarier, was nur vernünftig ist: wer an die Wiedergeburt glaubt und Mettwurst äße, hätte womöglich unversehens die eigene Oma auf dem Brötchen. Mit dem Islam auszukommen, finde ich nicht ganz so einfach, obwohl er ebenfalls zu Deutschland gehört – wenn auch eher zu einem Deutschland vergangener Zeiten, in dem Frauen noch züchtig verhüllt waren, eines Mannes Ehre noch zählte und sein Wort noch Gesetz war. Aber was solls, man muß alle Religionen tolerieren. Gleiche Rechte für Christen und Heiden, Moslems und Ungläubige, Buddhisten und Hinduisten, Okkultisten und Spiritisten, Transzendentalisten, Neuheiden und Atheisten – Toleranz, Herrschaften! Und wenn der Imam findet, Mutti gehöre in die Küche und Schwule gehörten aufgehängt – die NDP ist ja auch nicht verboten.

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