Fotzilein

Ein Phänomen, das nicht aufhören will, mir auf den Zeiger zu gehen: der Rap. Reime, die einem die Zehennägel hochrollen, Inhalte, die so unsäglich blöd sind, daß man ihnen nicht auf tausend Meter nahekommen kann, ohne sich in Grund und Boden fremdzuschämen. Wird das nie ein Ende nehmen? Nein. Gerade eben spricht alle Welt über die beiden Vollpfosten Xavier Naidoo und Kool Savas, die gedichtet haben:

„Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ich bin nur traurig und nicht wütend. Trotzdem würde ich euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“

„Töten, Föten, Klöten“? In geistigen Nöten, Jungs? Ihr habt das Flötenlöten und das Krötentröten vergessen!

Wieder mal Anlaß fürs Posten einer alten Anmerkung. Ich habe sie vor zehn, zwölf Jahren notiert – da war die grandiose Rap-Verarsche der Rodgau Monotones („Was hat ’n da de Babba da? Der hat e Flasch Grappa da, de Babba“) schon mehr als zehn, zwölf Jahre alt.

Fotzilein

Es ist was los in der deutschen Musikszene. So wirkt es zumindest auf mich. Manche meiner älteren Kollegen sehen das anders: „Rap, wo man hinguckt, und das nun schon seit Ewigkeiten – Musik gibt’s kaum noch – man hört zwei Takte, schon quatscht einer dazwischen. Wenn Mutti den Müll runterbringt, kann sie jedesmal froh sein, wenn die Tonne nicht brennt.“

Ich verweise dann immer auf die positiven Seiten: In der deutschen Musikszene bewegt sich eine ganze Menge; denkt nur an Rex Gildo – eben noch Topstar am deutschen Teenyhimmel, und schon wieder weg vom Fenster! Die größte Veränderung, erkläre ich, hat bei den Schlagertexten stattgefunden. Früher wurde stets alles durch die Blume gesagt. Wencke Myhre zum Beispiel hätte niemals Genitalien in den Mund genommen; die sang stattdessen: „Er hat ein knallrotes Gummiboot.“ Und wenn Daliah Lavi stöhnte „Oh, oh, wann kommst du“ – dann war das absolut harmlos gemeint. Oder Conny Froboess – die ließ zwei kleine Italiener zusammen verreisen, das fand kein Mensch anzüglich.

Heute dagegen wird knallhart zur Sache gedichtet. Habe gerade erst eine tolle Nummer gehört von Sabrina Setlur, da geht der Refrain: „Das sind Lieder gegen Schmerz / Das sind Lieder für mein Herz.“ Herz auf Schmerz – da muß man erstmal drauf kommen! Aber die Rapper haben natürlich auch noch ganz andere Wörter drauf. „Kacke“ zum Beispiel und „Scheiße“, und „Arsch“ – und „ficken“ natürlich. Muß ja. Ein Rap ohne Fuck – das wäre ja wie Pampers ohne Nässepuffer.

Übrigens verstehen wir Älteren auch viele Wörter gar nicht mehr richtig. Fotze zum Beispiel. Bei Sabrina Setlur ist ständig von Fotzen die Rede, die motzen und protzen und kotzen und so fort. (Toll, was sich da alles drauf reimt: glotzen, klotzen, rotzen, schmarotzen, strotzen. Da sieht man mal, wie nützlich sich der Rap ausgewirkt hat: seit es den Rap gibt, findet man im Reimlexikon komplette Schlagertexte.) Neulich habe ich Sabrina Setlur bei Harald Schmidt gesehen, der sie gefragt hat, was sie mit Fotze meine. „Ei, Handtasche“, sagte sie. „Grüne Handtasche.“

Grüne Handtasche! Aha! Für einen Moment sorgte ich mich, Fotze könnte womöglich ebensogut ganz unverbindlich „knallrotes Gummiboot“ bedeuten, oder „Marmor, Stein und Eisen“, oder „Hossa!“ Nach kurzem Nachdenken zerstreute sich die Befürchtung aber. Die Wildecker Herzbuben und „Fotzilein,“ nein das sehe ich nicht. Oder Adamo: „Es geht eine Fotze auf Reisen“ – auch nicht. Oder Peter Alexander: „Die kleine Fotze in unserer Straße“ – nein nein, das funktioniert nicht. Sowas kann nur Sabrina. Sabrina ist schon eine ganz besonders grüne Handtasche.

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