Die Stones

Die Stones feiern ihr fünfzigjähriges Bühnenjubiläum, ja leck mich am Arsch. Ganz ehrlich, wenn ich damals zu entscheiden gehabt hätte – ich hätte Jagger statt Lennon erschießen lassen. Was waren die Beatles für eine Riesenband! Zwei Stimmen, die ihresgleichen suchten, traumhafte Schnulzen, Ohrwürmer, Rock´n Roll jedweder Stilrichtung, Einfälle über Einfälle – ein jahrelanges Feuerwerk. Selbst mit der Auflösung kam nicht das Ende.

Es gab freilich schon in den Sechzigerjahren einfältige Naturen, die die Stones für besser hielten; wer unmusikalisch oder hörbehindert war, hatte halt mehr davon, Jagger mit dem Gürtel die Bühne peitschen zu sehen als Lennon/McCartney singen zu hören. Und Frauen (für sie ist die Musik ohnehin oft zweitrangig) hingen Mick aus ganz anderen Gründen an den Schlabberlippen. Heterosexuelle Männer, die mitansehen mußten, wie das Lustobjekt der Damen in langen Unterhosen geschäftig die Bühne auf und ab hampelte, identifizierten sich eilig mit Keith Richards und raunten einander mit wissendem Nicken zu, er sei der meistunterschätzte Gitarrist überhaupt. Deshalb sind die paar Licks, die der Gute zustandebringt, heute so überbewertet wie nichts sonst auf der Welt. Ich will nicht behaupten, daß die Stones nie einen guten Gitarristen hatten – sie hatten mal einen, aber der ist 1969 im Pool ersoffen.

Realistischerweise ist anzumerken, daß Elektrogitarrengeräusche für den Normalhörer gar nicht detailliert erfaßbar sind. Gut oder schlecht ist da überhaupt nicht die Frage; insbesondere Frauen werden ein Solo oft nur vage daran erkennen, daß nach dem zweiten Refrain immer diese gniedelige Stelle kommt. Einen lang ausgehaltenen Akkord können sie eventuell daran identifizieren, daß er nach Staubsauger klingt, aber das wars auch schon – und das ist auch gut so, schließlich ist Keith Richards nicht der einzige Saitensadist. Man denke nur an George Harrisons Solo in „Let It Be“. Daß nicht schon damals jemand zur Pistole griff, kann nur daran gelegen haben, daß Harrison immer so weinerlich klang. Das mußte ja Mitleid wecken.

Aber, wie gesagt, was aus den Gitarren rauskommt, ist für Laien nicht so wichtig. Mit Singstimmen ist es eine andere Sache: die kann auch der Normalhörer identifizieren, da entwickelt er sogar ganz dezidierte Vorlieben. Das ist das eigentlich Erstaunliche am Erfolg der Stones, denn ihr Sänger ist Mick Jagger, und seine Stimme war und ist bekanntlich eine Art gequetschtes Quaken, ein gequaktes Quetschen, das sich in erregten Momenten zu einem gequakten Quieken aufquetscht (womit das Ausdrucksspektrum umrissen wäre). Wenn ein Bandwurm singen könnte – dies wäre haargenau die Stimme, die er hätte. Auf der Bühne hätte ein Bandwurm gegen Jagger aber trotzdem keine Chance, weil ein Bandwurm weder mit den Lippen schlabbern noch in langen Unterhosen auf und ab rennen kann.

Und so werden die Rolling Stones immer und immer wiederkommen. Sie werden in Stützstrümpfen auf der Bühne umhertorkeln (zum Playback, was sie hinterher wieder bestreiten werden), Jagger wird gequetscht quaken und quieken, die Journalisten werden sich nicht einkriegen können über seine Performance, die Fans werden sprachlos sein über die total echte Authentizität und das echt total unverwechselbare Feeling, und die Freizeitklampfer werden einander mit wissendem Nicken zuraunen, Keith Richards sei der meistunterschätzte Gitarrist überhaupt.

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