Große Kunst und dicke Titten

Was fasziniert uns eigentlich an großer Kunst? Die meisten können doch einen Picasso nicht von einem Unfallschaden unterscheiden. Warum quetschen wir uns in unbequeme Garderobe und erdulden stundenlange Wagneropern, wo wir uns mit demselben Sachverstand und demselben Genuß ganz bequem daheim die Klospülung anhören könnten?

Weil wir in die Aura des absonderlich Entrückten eintauchen wollen? Wagner war Hitlers Lieblingskomponist, Beethoven war taub, van Gogh hat sich ein Ohr abgeschnitten. Das macht uns schaudern und staunen. Wieso aber ist die Kunst selbst oft so obskur und unbegreiflich? Und wieso ist das so selbstverständlich? Es gibt Kompositionen, die von Sadisten ersonnen worden sein müssen und doch gehört werden, und als 2008 eine Konservendose bei Sotheby’s versteigert wurde, die der Künstler Piero Manzoni 1961 vollgeschissen hatte, brachte sie 132.000 Euro. Warum ist das so? Was ist der Grund?

Bezüglich der Bildenden Kunst hätte ich eine Erklärung: Sex.

„Das ist doch Quatsch“, hör ich jetzt, „Kunst war schon immer schwer verständlich – wegen ihrer mythologischen, metaphorischen, symbolischen, allegorischen Sinnhaftigkeit. Gerade die verborgene Bedeutung macht sie ja so wertvoll!“

Wie mans nimmt. Sehen wir uns eine der bekanntesten Allegorien an. Die zentrale Frauenfigur in Delacroix´ “La libertè guidant le peuple“ („Die Freiheit führt das Volk an“) versinnbildlicht – wie wir schon ahnten – die Freiheit. Auch die Hinweise auf die glorreichen Tage der französischen Julirevolution von 1830 sind offenkundig, und die Qualität der Malerei ist unübersehbar. Warum aber hat sich die Freiheit obenrum freigemacht? Wieso sieht man ihre Möpse?

freiheit

Ganz einfach, weil Sex das Publikum schon immer am meisten fesselte. Er zieht sich unübersehbar durch die gesamte Kunstgeschichte, ja sogar die Vorgeschichte: die Venus von Willendorf stammt aus dem Jungpaläolithikum, und was immer die Forscher in ihr sehen wollen – sei es naturreligiöses Zeugnis oder Fruchtbarkeitsidol – fest steht: die Dame ist nackt und üppig. Dabei ist zu bedenken, daß das erotische Leben selbst keineswegs zu allen Zeiten freizügig war. Im prüden 19. Jahrhundert dürften die entblößten Brüste der Freiheit durchaus aufregend gewirkt haben, weshalb die Betrachter gewiß froh waren, ihr Interesse als heißes Kulturverlangen ausgeben zu können.

Nichts gegen kunstvoll dargestellte Geschlechtlichkeit. Der Sex selbst ist nicht das Problem – die Heuchelei ist es. Sie scheint nämlich in der Kunstbetrachtung auf fatale Weise bis heute fortzuwirken: ließ sich das Publikum einst bereitwillig auf den Schmarren ein, daß nackte Körper in Öl oder Stein reine Kunst seien und nichts mit Sex zu tun hätten, so muß es heute hinnehmen, daß jeder Fettbatzen, jeder Blumenpott  zum Kunstwerk erklärt werden kann. Dabei kommt nun nicht einmal mehr die Fleischeslust auf ihre Kosten, denn die ausgestellten Stücke, Installationen oder was auch immer sind meist völlig uninteressant – Spekulationsobjekte, ungelenke Bastelarbeiten, aufgeblasene Belanglosigkeiten und schale Kalauer, im besten Falle dekorativ, ständig aber umschwirrt von dichten Wolken hochwichtiger Nebelschwafler, die den Marktwert pushen und daran verdienen. Das haben wir nun davon.

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