Soziales Netzwerk – nützliche Perversion

Die künftigen Lasten der jungen Generation sind immer häufiger Thema in den Medien (neulich erst wieder in der “Welt”). Diese Lasten werden tatsächlich früher oder später zu einem schweren Generationenkonflikt führen.

Im Vergleich dazu war der Generationenkonflikt der 60er Jahre, von den damaligen „Revoluzzern“ gern glorifiziert, trotz seiner Tumulte, seiner Aufgeregtheiten, seiner ideologischen Beschwörungsfloskeln und seiner terroristischen Spätfolgen nicht viel mehr als ein geschwätziges Aufbegehren gegen autoritäres Klima und Kurzhaarfrisur. Die Jungen sahen sich einer Generation gegenüber, welche sich eben noch unter lautem „Heil“-Geschrei des millionenfachen Mordes schuldig gemacht hatte, um sich nun von Ernst Neger “Heile, heile Gänsje, ´s wird alles wieder gut” vorsingen zu lassen. Von der Jugend wurde verlangt, sie möge pauken „bis zur Vergasung“ und den Mund halten, „solange du die Beine unter meinen Tisch streckst“. Wir „68er“ hatten mithin allen Anlaß, die Verhältnisse ändern und das Ruder selbst übernehmen zu wollen.

Heute haben wir selbst reichlich Dreck am Stecken, und der Generationenkonflikt, den wir zu verantworten haben, wird sehr viel unangenehmer ausfallen als der letzte. Unsere Opfer sind schließlich unsere eigenen Kinder.

Die Auseinandersetzung wird nicht in nachsichtigem Ton erfolgen, sie wird sich weder mit filigranen Analysen aufhalten noch mit bunten Aufmärschen oder neckischen Farbbeutelwürfen. Sie wird gewalttätig. Was werden die Jungen der erdrückenden Überzahl der Alten vorhalten? Zur Befriedigung alberner Konsumwünsche habt ihr in unfaßbarem Ausmaß Rohstoffe und Energie verschwendet und unsere natürlichen Lebensgrundlagen ruiniert; anstelle einer intakten Umwelt habt ihr uns Berge von Müll hinterlassen; giftige, strahlende, tickende Zeitbomben; ihr habt die Natur rücksichtslos zersiedelt, trotz aller Erkenntnisse über die verheerenden Folgen habt ihr über alle Verhältnisse gelebt und das Land in niegekanntem Ausmaß verschuldet. Ihr wart uns keine Vorbilder, ihr habt uns keine Ideale vermittelt, ihr habt auf dem Rücken eurer wenigen Kinder mehr Streitigkeiten und Scheidungen ausgetragen als jede Generation vor euch, ihr habt uns vernachlässigt und mit idiotischen Fernsehprogrammen alleingelassen. Ihr habt uns die nötige Ausbildung verweigert, ihr habt uns immer weniger und weniger Unterrichtsstunden und Lehrer zugestanden, ihr habt uns in überfüllte Hörsäle abgeschoben, ihr habt der Wissenschaft die Mittel zusammengestrichen, die Lehrstühle mit Schwätzern besetzt und den Rang der deutschen Geisteswissenschaften verspielt, ihr habt eine neue Armut geschaffen, die Gesellschaft gespalten, ihr habt unsere Chancen auf ein menschenwürdiges Leben rücksichtslos vertan und dabei noch lauthals soziale und ökologische Verantwortung geheuchelt. Und jetzt sitzt ihr in euren Plastikwohnungen und Butzemann-Häusern, wehleidig, hundertjährig, und wollt, daß wir euch den Arsch wischen? Verrecken sollt ihr.

Ergänzung: Als ich die kursiv geschriebene Notiz vor 15 Jahren in einem Forum postete, ließ ich das Internet völlig unerwähnt, weil ich mir noch nicht vorstellen konnte, wie sehr gerade dieses neue Medium die hochheiligen sozialen und emanzipatorischen Ziele der sechziger Jahre pervertieren würde. Anders als die traditionellen Medien lebt es von der Aktivität seiner Nutzer, die deshalb das Gefühl haben, Einfluß zu besitzen, obwohl derjenige des namenlosen Users im Vergleich zu jenem der Netzkonzerne gleich null ist. Facebook und Co. bieten insbesondere der jungen Generation einen bunten Tummelplatz, auf dem sie umhertollen und das Leben nachspielen kann wie ein großer Wurf Dackelwelpen. Man weiß zwar, daß jedes Schwanzwedeln, jedes Kläffen und jede Balgerei (ebenso wie jede intime Enthüllung unter “Freunden”) dem Betreiberprofit dient – man macht es sich aber kaum bewußt. Zu kuschelig ist die Netzfamilie, zu unentbehrlich der ständige soziale Kontakt im “sozialen Netzwerk”.

Die Erkenntnis freilich, daß Facebook alles andere ist als ein “soziales Netz”, das einen auffängt, wenn man den gesellschaftlichen Halt verliert, alles andere als ein solidarisches Bündnis von Menschen, die füreinander einstehen – diese Erkenntnis wird die Wirklichkeit beizeiten durchsetzen (s.o.).

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Ein Gedanke zu „Soziales Netzwerk – nützliche Perversion

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