McMarter

Gelegentlich braucht der Mensch eine Currywurst. Selbst wenn er sonst drei Sterne sehen will. Die Neigung zum Niederen ist nicht einmal ehrenrührig; ihr Eingeständnis verleiht dem unbefangenen Genießer den Ruf überlegener Lässigkeit. Wäre der Begriff „Kult“ nicht gestrig, wäre Currywurst kultig. Definitiv nicht kultig sind Hamburger, doch auch bei McDonald‘s kann sich der Feinschmecker ohne größeren Prestigeverlust sehen lassen. Mich allerdings kriegen keine zehn Pferde mehr da rein, obwohl ich nicht mal Gourmet bin. Ich bin traumatisiert.

Es ist ja so: wer Kinder hat, kommt um den Laden nicht herum. Eltern haben McDonald‘s nicht eher hinter sich, als bis sie dort mindestens ein Kindergeburtstagsessen durchgestanden haben, und das ist ein Erlebnis, das mit Lässigkeit rein gar nichts zu tun hat. So weit meine eigene Erfahrung auch zurückliegt – die Erinnerung schüttelt mich noch heute. Damals gab es bei McDonald‘s für Geburtstagsfeiern eigens ein Séparée, genauer, einen mit halbhohen Stellwänden und einer Plastikkette abgeteilten Eßtisch, an dessen Kopfende eine Art Holzthron prunkte. (Vermutlich ist das immer noch so.) Die kleine Hauptperson durfte darauf platznehmen, wurde mit einer Pappkrone dekoriert und kam sich entsprechend blöd vor. Dazu gabs ein McDonald’s-Werbegeschenk (irgendwas aus Plastik). Auch die anderen kleinen Gäste sollten bunte McDonald’s-Papphütchen aufsetzen, schmissen die Dinger aber sofort in die Ecke. Dann wurde die Bestellung aufgegeben. Da wir zuvor alle im Kino gewesen waren, konnten die Kinder das Erlebte beim Warten aufs Essen nachspielen. Dabei übertrumpften sie sich gegenseitig, indem sie die wüstesten Filmdialoge und die schrillsten Geräusche möglichst laut, möglichst oft und möglichst gleichzeitig wiedergaben. Ihre hohen Stimmen mischten sich mit dem nervtötenden Piepen der Pommesautomaten und dem Lärm des restlichen Publikums, und die Architektur des Raumes steigerte das Ganze ins Unerträgliche: gellend, schneidend, klirrend warfen die riesigen Fensterglasflächen jedes Geräusch hin und her und verstärkten alles in einen quälenden Frequenzbereich hinein. Eine akustische Folterkammer. Der Höhepunkt des Horrors kam mit dem Essen. Auf einen ohrzerfleischenden Verteilungskampf folgte die Anreicherung des Gebrülls mit feuchten Hamburgerbrocken und sprühender Cola aus vollgestopften Backen, die Münder troffen von Ketchup und Fett. Hatte man auch der eigenen Brut mühsam die Benutzung von Messer und Gabel beigebracht – bei McDonald‘s gibts kein Besteck. Man konnte schon dankbar sein, wenn die Kleinen beim Fressen die Hände benutzten und die Klappe beim Kauen nicht so weit aufrissen, daß man den Mageninhalt sah.

Übrig blieben ein zusammengeknüllter Berg Pappe, Serviettenmüllhaufen, klebrige Becher, trüb schwappende Getränkepfützen, durchweichte McDonald’s-Hütchen, ein verschmierter Tisch und, nach der Heimfahrt, glänzende Fettfingerabdrücke auf Armaturen, Sonnenblenden, Türen, Seitenscheiben und Ledersitzen.

Gelobt sei die Currywurst.

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