Sexismus (oben breit, unten schmal)

In der herrschenden Sexismusdebatte gerät bisweilen außer acht, daß es bei völligem Verzicht auf geschlechtliche Annäherungsversuche keine Liebespaare und schon gar keine Kinder mehr gäbe. Null Sex im Lande – das kann eigentlich niemand wollen. Außer vielleicht Frau Schwarzer. Sonst will es bestimmt niemand. Ich bin sicher, daß selbst Frauen, die über unerwünschte männliche Aufmerksamkeiten klagen, sehr weitgehend einverstanden wären, wenn ihnen ausschließlich von sympathischen, attraktiven jungen Herren Avancen gemacht würden. Mal ehrlich: Rainer Brüderle sind nur drei Dinge vorzuwerfen: erstens hat er sich blöd angestellt, zweitens ist er ein alter Sack, und drittens hat er einen Korb gekriegt.

Stellt sich die Frage, wieso ein erotisierter alter Sack eigentlich gleich Sexist ist. Selbst der feinsinnige, unverdächtige Robert Gernhardt hat mal den Wunsch nach größerer Nähe zwischen älteren Herren und jungen Damen geäußert. Ist letzteren, die Männer bloß wegen ihres Alters herzlos abweisen, nicht ebenso Sexismus vorzuwerfen? Die weiblichen Vorlieben und Ressentiments sind doch evident. Man sehe sich nur an, welche Filmhelden von den Damen angehimmelt werden: nicht einer ist alt, klein und dick. Frauen bevorzugen definitiv große, muskulöse, junge Männer.

Ich habe keinen Zweifel daran, daß wir das so hinnehmen müssen, wir dürfen allerdings fragen: warum ist das so?

„Nun“, hebt jetzt der Anthropologe die Brauen, „das hat seinen Ursprung in Zeiten, als große, muskulöse, junge Männer noch die besseren Ernährer waren, weil sie mehr Fleisch von der Mammutjagd nach Hause brachten als kleine Männer. Körpergröße und Muskelkraft waren damals …“

… Ja, damals! Aber doch heute nicht mehr! Was nützt es einer Frau heute, wenn ihr Mann vor 300.000 Jahren ein toller Mammutjäger hätte sein können? Rein gar nichts! Und trotzdem müssen die Männer Kraftsport treiben, um sich den Damen als Rüsseltöter empfehlen zu können. Das ist lächerlich.

Ganz offenbar tritt die menschliche Entwicklung seit Jahrtausenden auf der Stelle: der Homo sapiens beurteilt sein Gegenüber noch immer anhand körperlicher Merkmale, die in der Steinzeit Erfolgsgaranten gewesen sein mögen, heute jedoch eher vom Gegenteil zeugen. Von einem hochgewachsenen, muskulösen jungen Burschen mit brauner Haut und breitem Lächeln ist jede Frau auf der Stelle fasziniert, dabei spricht sein Aussehen sehr dafür, daß er alles andere als ein zuverlässiger Ernährer ist, sondern eher Bademeister am Baggersee. Da stimmt doch was nicht! Hätte die erotische Entwicklung der Frau mit dem Wandel der Lebensumstände Schritt gehalten, würde sie heute auf ganz andere Signale reagieren. Zum Beispiel auf einen dicken, schwammigen Männerhintern, einen Beweis gesicherter Schreibtischtätigkeit: „Anja, Anja, halt mich fest, ein Beamter!“ Aber – nichts dergleichen! Obendrein legen die Damen längst größten Wert darauf, unabhängige Selbsternährerinnen zu sein, als Quotenfrauen höchste Positionen zu bekleiden und Geld zu scheffeln.

Im Grunde dürften Äußerlichkeiten also überhaupt keine erotische Rolle mehr spielen, schließlich hängt der Erfolg des modernen Menschen von seinen geistigen Fähigkeiten ab. Trotzdem reagieren Frauen bei Männern nach wie vor zuallererst aufs Aussehen. Männer bei Frauen auch, das ist richtig. Aber erklären kann ichs mir nicht. Es will mir einfach nicht in den Kopf, wieso das gegenseitige Interesse der Geschlechter so dermaßen von der Form und Größe des Körpers abhängt. Allenfalls beim Penis wär es noch zu verstehen, aber der wird ja meist nicht gleich als erstes herumgezeigt.

Was hat eine Frau davon, wenn ihr Mann einen „Knackarsch“ hat? Oder Haare? Wozu braucht sie Haare auf seinem Kopf? Und woher kommt es, daß diese Formvorschriften so wahnsinnig genau und eng gefaßt sind? Die männliche Kontur zum Beispiel soll teils breit sein, teils schmal; durchgehend breit oder schmal ist nicht gut. Obendrein ist festgelegt, was wo wie sein soll: wenn einer untenrum breit ist und oben schmal, nützt ihm das gar nichts, im Gegenteil – er muß oben breit sein und unten schmal! Wieso?! Oder die Beine! Die Beine sollen lang sein! Warum?! Warum nicht kurz? Und dann die Form: nicht zu dick, nicht zu dünn, nicht zu gerade, nicht zu krumm, und auf keinen Fall haarige Waden bei den Damen! Noch wichtiger sind bei Frauen die Brüste. Bloß nicht zu groß, bloß nicht zu klein! Das wird extrem genau genommen. Es gibt keine Frau, die mit ihrem Busen zufrieden ist. Geradezu gefürchtet ist der Bleistifttest. Der Bleistifttest ist völlig ausweglos: läßt sich ein Stift drunterklemmen, sind die Brüste zu groß, fällt er runter, zu klein. Meist sind sie zu groß. Und wenn sie zu klein sind, ist die linke trotzdem zu groß. Denkt die Frau! Ein Mann wirft nur einen kurzen Blick, und wenn der Busen soweit ok ist, sagt er: „Sagen Sie … was halten Sie von Martin Walser?“

Hier sind wir jetzt an einem ganz wichtigen Punkt, nämlich dem Gespräch. Das Gespräch dürfte der einzige Hoffnungsschimmer für die intellektuell-erotische Zukunft der Gattung Mensch sein. Im Gespräch ist es möglich, den Partner zum Lachen zu bringen, ihn nachdenklich oder sentimental zu stimmen, einem eventuellen zarten Gleichklang der Seelen nachzuspüren und vor allem die Aufmerksamkeit des Gegenübers geschickt auf den eigenen Witz, die eigene Geisteskraft zu lenken. Wenn es das Gespräch nicht gäbe, säßen wir allesamt noch auf Bäumen und würden uns den ganzen Tag gegenseitig die Knackärsche benoten; eine Situation, die ich mit derjenigen in einer Disco vergleichen möchte. Ich weiß schon, warum ich da als Junge nicht gern hingegangen bin: unter den Augen der gelangweilten Weiblichkeit war jeder meiner Schritte auf der Tanzfläche eine Niederlage – und den zarten Gleichklang der Seelen im Gespräch zu suchen, war wegen des Lärms sowieso ausgeschlossen.

Ich will aber niemandem die Disco vermiesen. Jedem das Seine. Ich neide auch niemandem seine normgerechte Körperform. In meiner Nachbarschaft wohnt ein bildschönes Paar. Die beiden müssen sich in der Disco kennengelernt haben, die brüllen einander unentwegt an.

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