AUFSCHREI (wg. zu enger Hütchen)

Soeben im NDR: Franz Dinda. Dazu muß ich jetzt einfach mal was sagen, nehmts mir nicht übel: Liebe Kollegen Künstler, ich bitte Euch herzlich, ja, flehentlich – hört endlich, endlich auf, diese bekloppten zu engen Hütchen zu tragen. Es ist würdelos und … nein, tun sie nicht! Scheiße, nein! Sie sehen nicht gut aus, absolut nicht, sie sehen bekackt aus, machen aus dem schönsten Menschen einen Vollidioten, einen Dorfdeppen, einen Hanswurst, einen peinlichen Clown!

Vorschlag: laßt uns gemeinsam eine Initiative starten und das ganze Gekrempe und Gedeckel den verbliebenen Piraten andrehen. Die sehen dann endlich alle so aus, wie sie sind.

Soweit meine Notiz vom Dienstag, dem 19.02.2013. Dazu schreibt mir gestern ein Freund:

„Erich, wir werden halt alt! Ich find diese Cicero-Delay-Mode zwar auch nicht vorteilhaft, beim alten Leo Cohen sieht Hut eben besser aus, auch weil er passt. Jetzt kommt aber beim alten Polit-Greis wie beim flotten Likurekuola- Teenager (linkskurzrechtskurzobenlang) noch die modische Brikett-Brille dazu! Lass gut sein! Wenn wir etwas aus der deutschen Geschichte gelernt haben, dann: Schlaghosen sehen Scheiße aus. Aber Du und ich, wir haben sie getragen!“

Du hast natürlich recht, Peter. Wir werden alt, und ja, wir haben Schlaghosen getragen. (Über letztere möchte ich nicht reden.)

Dennoch sehe ich nicht ein, warum wir uns nicht altersgemäß äußern sollten. Jungen Leuten steht jugendliches Verhalten zu, alten das ihre. Es muß halt jeweils passen: Wer, noch feucht hinter den Ohren, der Welt weise Ratschläge erteilt, muß sich altklug nennen lassen, wer als alter Sack den Jungspund zu geben versucht, ist ein Esel. Behält einer mit knapp achtzig (wie Cohen) oder mit bald siebzig (wie Lindenberg) in geschlossenen Räumen den Hut auf und singt gar noch dazu, tut er nicht nur aus Gründen der Durchblutung gut daran, den Deckel nicht zu eng zu wählen: unprätentiöse Optik sollte erkennen lassen, daß es bloß darum geht, den schütteren bzw. kahlen Schädel vor Zug und mitleidigen Blicken zu schützen. So ist die Sache vertretbar, denn Haarausfall ist ein ernstes Problem. Ich habe schon zu Dollys Zeiten darauf aufmerksam gemacht, daß es viel sinnvoller wäre, Haarwurzeln zu klonen als Schafe. Das Geschäft mit geklonten Haarwurzeln könnte heute ganze Staatshaushalte retten.

Clownshütchen bringen dagegen gar nichts. Dazu gleich noch ein Wort, zunächst aber die Frage, wieso sich unsere Generation eigentlich so scheut, dem Jungvolk Weisheiten und Empfehlungen ans Herz zu legen. Im Grunde sind wir dafür doch ebenso prädestiniert wie vorzeiten der Rat der Alten im Stamme der Cree, dem wir den Hinweis zu verdanken haben, daß man Geld nicht essen kann. Dieser Altenrat sprach selbstbewußt aus reicher Erfahrung und wurde vom Nachwuchs entsprechend ernstgenommen. Hätte er befunden: „Es ist wider die Natur und den Großen Geist, zu enge Hütchen und Brikettbrillen zu tragen“, hätte die Indianerjugend sofort alle Hütchen und Brikettbrillen ins Feuer geschmissen.

Warum ist man als betagter Deutscher also so zurückhaltend? Meine Vermutung: wir hatten es in unserer eigenen Jugend mit den falschen Alten zu tun. Wer 1963 lange Haare trug, konnte an jeder Straßenecke ungefragt die Auskunft bekommen, er gehöre ins Arbeitslager. So haben wir uns schon in der Pubertät vorgenommen, dereinst als Greise die Klappe zu halten, um niemals, niemals als senile Deppen dazustehen.

Daran geht zwar auf Dauer trotzdem kein Weg vorbei, doch noch sind wir nicht so weit, noch wissen wir, was paßt. Ein Beispiel: Ich fand die Frisuren der Beatles klasse, aber ihre Schlipse und Anzüge fand ich von Anfang an daneben. Ihre Phantasieuniformen gefielen mir besser, schließlich hieß das zugehörige Album Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, und die Livepräsentation von „All You Need Is Love“ mit Blumen, Luftballons und bunten Jacken paßte perfekt in die Zeit und zum Song. Was aber sollen Hütchen und Brikettbrillen signalisieren? Am ehesten wohl verwegenen Intellekt. Allein, harmoniert das mit dem Zeitgeist, mit der Musik und den Texten? (Ich verzichte auf Zitate.)

Nein, ich bleibe dabei: Liebe Kollegen Künstler, hört auf, zu enge Hütchen zu tragen.

hutles

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