Anonyme Briefe

Noch vor zwanzig Jahren gehörte das Schreiben anonymer Briefe in Deutschland zum Widerlichsten und Schmierigsten, was einer tun konnte. Anonyme Briefe standen für Rufmord, Gerüchte, Lügen, Verleumdungen, Beleidigungen und feige Drohungen, sie standen für die Verletzung der Privatsphäre, für Belästigung, Nötigung, Erpressung und Denunziation. „Das größte Schwein im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“, sagte der Voksmund.

Seit jeder Hansel im Internet als „Märchenfee“ oder „Bockwurst“ auftreten kann, gibt es keine anonymen Briefe mehr. Der anonyme Brief wurde zum Posting geadelt und steht nun für eine freie, kritische und offene Gesellschaft. Was nicht heißt, daß nicht mehr anonym verleumdet, beleidigt und denunziert würde – im Gegenteil, die feigen Unappetitlichkeiten treiben im Internet kriminellere Blüten denn je, haben sich sogar ganz neue Felder erschlossen. So nutzen Hacker die Anonymität auf ganz eigene Weise, um der freien, offenen Gesellschaft zum Siege zu verhelfen; gleiches gilt für die Freunde des Shitstorms, für Kinderpornographen, Gewaltfetischisten, Datenspanner und viele, viele andere, allesamt geeint in der wohligen Überzeugung, das wichtigste, wertvollste Merkmal der Demokratie sei Anonymität – schließlich seien demokratische Wahlen anonym.

Demokratische Wahlen sind aber nicht anonym, sondern geheim. Niemand geht vermummt ins Wahllokal. Kein Demokrat verschweigt seinen Namen, um öffentlich das Maul aufreißen zu können. Es ist umgekehrt: er sagt offen seine Meinung und nennt seinen Namen, um sodann frei und geheim abzustimmen. Freie und geheime Wahlen sind selbstverständlich der ganzen Welt zu wünschen, aber es nützt weder chinesischen noch iranischen Dissidenten, wenn Märchenfee und Bockwurst einander ganz doll mobben, es nützt keinem Dissidenten, wenn Märchenfee und Bockwurst lügen und drohen, verleumden und beleidigen, wenn sie nach Herzenslust Hoteliers, Friseure, Arbeitgeber, Kollegen und Gott weiß wen in Grund und Boden denunzieren oder sonstwie den schmierigen, alten anonymen Briefschreiber geben. In einem demokratischen Rechtsstaat haben anonyme Briefe nichts verloren.

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Ein Gedanke zu „Anonyme Briefe

  1. „In einem demokratischen Rechtsstaat haben anonyme Briefe nichts verloren.“
    Und deshalb waren anonyme Briefe schon immer verboten und deren Verfasser wurden unabhängig vom Inhalt strafrechtlich verfolgt… ?

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