Wer lernt, kann nix und fällt den Mitschülern in den Rücken

Eben noch hat sich Steinbrück wacker geschlagen, da haut Gabriel auf den Käse. Sein jüngster Wahlkampfcoup: er fordert die Abschaffung der Hausaufgaben. Nur einem Schelm kann dabei der gleichfalls erklärte Wunsch der SPD einfallen, das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken. Nein, Sigmar Gabriel geht es ausschließlich um soziale Gerechtigkeit; schließlich könnten Mütter und Väter, die nicht studiert haben, ihren Kindern nicht so gut bei den Hausaufgaben helfen wie Akademikereltern. „Und deswegen will ich, dass das in der Schule stattfindet und nicht im Elternhaus.“

Nun besteht der Hauptzweck von Hausaufgaben bekanntlich darin, daß ein Schüler übt, Aufgaben auch allein zu lösen. Das ist für die Festigung des Gelernten unerläßlich. Kann ers nicht allein, hat er im Unterricht nicht genug begriffen und braucht Nachhilfe (was nicht dasselbe ist wie Hausaufgaben). Außerdem kann die Schule den Kindern vieles gar nicht abnehmen; Vokabeln muß beispielsweise jeder für sich allein lernen, und auch am Selberlesen geht kein Weg vorbei. Wer recht bei Trost ist, wird sich im übrigen fragen, warum man ausgerechnet solche Eltern an der (für den Staat kostenlosen!) Nachwuchsförderung hindern sollte, die dafür besonders qualifiziert sind. Wir wollen aber nicht zu hart sein. Es ist nicht lange her, da galten der SPD von Haus aus aufgeweckte Kinder noch als privilegierte Brut der „Reichen“. Nun spricht sich unter Sozialdemokraten herum, daß nicht Reichtum schlau macht, sondern Förderung.

Das läßt hoffen, daß eines Tages vielleicht sogar die Linke und die Grünen auf den Trichter kommen. Für das Heer der professionellen Schulreformer sind die Aussichten weniger gut. Reformer leben nun mal davon, ständig Neues zu erfinden und an Kindern auszuprobieren. Schreibenlernen nach Gehör, Wiederbelebung der sauerländischen Zwergschule (gemeinsamer Unterricht für Groß und Klein), Abschaffung der Zensuren, Verbot von Diktaten, Versetzung ohne Lernfortschritt, Kompetenzorientierung (was immer das sein mag), individuelle Förderung per Einheitsschule und so fort. So katastrophal die Resultate auch sind – all das muß sein. Wer dagegen ist, kommt an den Pranger. Als sich vor einigen Jahren Hamburger Eltern gegen die Zwangseinführung der „Primarschule“ und für den Erhalt des Gymnasiums starkmachten, brandmarkte man sie im TV-Magazin Panorama (Moderatorin: Anja Reschke) als asoziale Villenbesitzer, die verschworen seien, arme Kinder von den „Fleischtöpfen“ fernzuhalten (so allen Ernstes der Bildungsforscher Ernst Rösner). Zugleich bestritt der „Elitenforscher“ Prof. Dr. Michael Hartmann, daß begabte Schüler in der Einheitsschule unterfordert werden könnten: „Alle wissenschaftlichen Untersuchungen besagen, daß auch die Leistungsstarken entweder davon profitieren, wenn sie mit anderen zusammen sind, aber zumindest nicht darunter leiden“. In Wahrheit existiert keine einzige wissenschaftliche Untersuchung, die das besagt, doch so sehr sich auch die Balken bogen – wo im Namen der Chancengleichheit gelogen wird, verbietet sich jeder Widerspruch.

Anja Reschke immerhin hat dazugelernt. Sie präsentierte kürzlich in einer neuen Sendung Eindrücke, die sie als Hilfslehrerin im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg  gesammelt hatte („Lehrer am Limit„), und zeigte sich von der Schulwirklichkeit total überrascht. Die Kinder taten nämlich nicht, was Frau Reschke von ihnen erwartete, sondern benahmen sich wie Kinder. Sie hingen ihr kein bißchen an den Lippen, hatten kein bißchen Neigung zu freiwilliger Arbeit und ließen es auch an liebevoll demokratischem Miteinander fehlen. Obendrein gab es Eltern, denen das alles völlig schnurz war. Das blanke Entsetzen der Enthüllungsjournalistin wäre verzeihlich, hätte sie die Nation nicht zuvor im Brustton moralischer Entrüstung über die Schule belehren wollen. Zudem war sie auch nach ihren praktischen Erfahrungen zu feige, die nötigen Konsequenzen anzusprechen. Dabei war sie mit der Nase drauf gestoßen worden. Beispiel: Schüler erscheinen nach der Pause grundlos zehn Minuten (!) zu spät zum Unterricht. Damit fehlen nicht nur ihnen diese zehn Minuten, es werden auch alle anderen Schüler gestört und Stunde für Stunde, Tag für Tag um unersetzliche Schulzeit gebracht. Die Lehrkraft hat keinerlei Handhabe, pünktliches Erscheinen zu erzwingen; sie kann die Störer schließlich nicht in Handschellen herbeischaffen lassen. Ihr letztes Druckmittel ist ein Gespräch mit den Eltern – und wenn diese mit den Achseln zucken, dann wars das mit der funktionierenden Schule – auch mit jeder Ganztagsschule. Was wäre also der erste Schritt zur Lösung des Problems?

Richtig: die Eltern gehören auf den Pott gesetzt. Es geht nicht um Nachhilfe bei den Hausaufgaben. Man muß kein Akademiker sein, um die Zukunft seiner Kinder wichtigzunehmen, pünktlichen Schulbesuch und häusliche Schularbeitszeiten durchzusetzen, den aufreibenden Kampf gegen zuviel Fernsehen und Computerspiele zu führen, dafür zu sorgen, daß der Nachwuchs nachts beizeiten heimkommt und so fort – lauter Faktoren, die das schulische Fortkommen massiv beeinflussen. Hier gehts um Grundregeln; nochmals: Eltern haben Pflichten und sind mit allem Nachdruck daran zu erinnern.

Und was geschieht tatsächlich? Eltern, die ihrer Verantwortung nachkommen, werden als privilegierte Hausaufgabenpimper und gesellschaftsschädliche Egoisten diskreditiert. Die anderen entschuldigt man als sozial schwach und erklärt sie gleichzeitig zu unmündigen Deppen, unfähig, ihre elterlichen Aufgaben zu erfüllen.

Hirn an, bitte, Herr Gabriel.

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Ein Gedanke zu „Wer lernt, kann nix und fällt den Mitschülern in den Rücken

  1. Vielen herzlichen Dank dafür!
    Ich beginne schon zu (ver)zweifeln und mich selbst zu hinterfragen.
    Diese grenzenlose Verlogenheit und diese Betroffenheitsmeierei,
    die alles erstickt und vor allem in Wahrheit die Arroganz, Voreingenommeheit und diskriminierende Haltung dieser selbsternannten Besserwisser zum Vorschein kommen lässt,
    lähmt und macht kapputt. Ich bin vollkommen desillusioniert.

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