Alter Hund!

Seit einigen Wochen habe ich einen liebenswerten alten Herrn in Pflege, einen gelben Labrador Retriever namens Toby. Ein netter Anlaß, einige Anmerkungen zu Hundesenioren aufzufrischen.

toby

Wer sich mit dem Gedanken trägt, einen Hund anzuschaffen, wird meist erst einmal ein paar Hundebücher kaufen. Darin geht es um Hundeauswahl, -aufzucht und -erziehung, also besonders um den jungen Hund. Der alte Hund kommt nur im letzten Kapitel vor, wo sich einige wohlmeinende gerontologische Ratschläge finden (nicht zuviel Fett, keine übertriebene Belastung – da wäre man auch selbst drauf gekommen). Das besondere Wesen des Hundeseniors kommt fast überall zu kurz; man muß fast den Eindruck gewinnen, als liege so ein alter Zausel nur noch zahnlos hinterm Ofen, als habe man, kaum daß ein paar Jahre um sind, einen vierbeinigen Greis im Haus. Nun stimmt es zwar, daß ein Hund mit der Zeit ruhiger wird. Die Ursache muß aber nicht gleich Senilität sein. Sehr viel wahrscheinlicher ist Lebensweisheit.

Ein junger Hund nähert sich dem Menschen nur, um ihm spielerisch, aber ausdauernd und schmerzhaft mit spitzen Milchzähnen in die Hände zu beißen. Das liebevoll für ihn angerichtete Leckerfreßchen hingegen, das ihm Kraft und gesundes Wachstum sichern soll, nimmt er nur zögernd an, um dann sofort wieder zum Händebeißen überzugehen. Läßt man ihn allein, wendet er sein Interesse DVDs, Zeitschriften, Grünpflanzen, Büchern und überhaupt allem zu, was man zerbeißen und durch frische Pipipfützen schleifen kann, wobei er selbst vor Konrad Lorenz nicht haltmacht.lorenzDie forschenden Neigungen des jungen Hundes äußern sich also nicht methodisch, doch stets sehr anstrengend für den Halter. Umgekehrt verhält es sich beim alten Hund. Er weiß Bescheid. Zunächst einmal hat er mit Händen mannigfache Erfahrungen gemacht. Ist er ein Familientier, weiß er beispielsweise genug über das forschende Interesse des jungen Menschen, um sich unauffällig seitwärts in die Küche zu schlagen, wenn der achtjährige Hansi naht. (Kinder neigen nun einmal zu Tierversuchen. Falls es der Platz daheim zuläßt, sollten sie deshalb mit einem Hund aufwachsen, der groß genug ist, sich im Bedarfsfall ohne Aufhebens vom Versuchsgelände zu entfernen.) Händen, das hat der alte Hund gelernt, nähert man sich am besten abends, zur Fernsehzeit. Dann weiß der Mensch ohnehin nichts Rechtes damit anzufangen, weil er auf den Bildschirm fixiert ist, von dem er nur ungern den Blick wendet. So kann der erfahrene Hund mittels kleiner, taktischer Störungen beiläufige Streicheleinheiten in jeder gewünschten Form und Menge kassieren, ohne gleich zum Mittelpunkt menschlicher Aufmerksamkeit zu geraten. Letzteres kann nämlich nachteilige Folgen haben. Zum einen ist es dem Hund lästig, allzufest umarmt und gedrückt zu werden, zum anderen sind es gerade solche Gelegenheiten, die Erkenntnisse wie “der Hund müßte dringend mal gebürstet werden” oder “der Hund ist zu fett” provozieren. Das Versiegen des herrlichen Nahrungsflusses aus Wurstresten, Butterbroten, Schokolade, Bonbons etc. aber gehört neben dem Gebürstetwerden an filzigen Stellen zum Unangenehmsten, was einem Hund passieren kann. Am meisten verabscheut er allerdings das Gebadetwerden. Zu seinem Glück ist das Hundebad auch beim Menschen nicht beliebt, weil dabei nicht nur der Hund naß wird, außerdem hat der Mensch währenddessen den Anblick einer unsäglich beleidigten Leberwurst zu ertragen. Der Hund steht mit abgewendetem Kopf auf schrecklich dünnen, nassen Tatterbeinen in der Brühe und weckt im Wäscher das beschämende Gefühl, ein wehrloses, altes Tier seiner Würde zu berauben – mag sich das Mistvieh zuvor auch noch so in der Scheiße gewälzt haben.

Ein Hund mit Lebenserfahrung wird also darauf achten, niemals zur falschen Zeit in den Vordergrund zu treten, und je älter er wird, desto geschickter wird er den richtigen vom falschen Zeitpunkt unterscheiden können. Zu den richtigen Gelegenheiten gehören auf jeden Fall alle Mahlzeiten und Zwischenmahlzeiten der Menschen. Die verpaßt der Hund nie: klapperndes Geschirr, die Kühlschranktür und ähnliche Geräusche holen ihn selbst aus tiefstem Schlaf, regelmäßige Essenszeiten werden zuverlässig vom inneren Hundewecker angezeigt. Kommt es zu Verzögerungen, wird das Tier fürsorglich auf den Mißstand hinweisen, indem es sich unübersehbar im Zimmer aufbaut, mit dem Schwanz wedelt und asthmatisch hechelt. Manche Hunde klopfen mit dem Schwanz auch gegen den Türrahmen, andere führen eine Art Steptanz mit den Vorderpfoten auf, manche fangen nachdrücklich zu bellen an, und manche tun alles gleichzeitig. Ist der Mensch dann bei Tisch, versteht sich eine differenziertere Strategie. Die Herausforderung ist beträchtlich: erstens will Herrchen sein Lachsbrötchen essen, zweitens will er dabei seine Ruhe haben. Der Hund muß ihn nun (mit größtem Feingefühl für die Grenzen des Möglichen) davon überzeugen, daß Herrchen zwar seine Ruhe haben kann – aber nur, wenn er das Brötchen rausrückt. Man sollte meinen, daß speziell in diesem heiklen Fall das alte Tier gegenüber dem Welpen im Nachteil sei. Einem süßen Wollknuddel kann der Mensch schließlich nichts abschlagen. Wahr ist aber: der Mensch zeigt sich noch viel nachgiebiger, wenn er in die hungertrüben Augen eines hinfällig zitternden Hundegraukopfs blickt, auch wenn die Erfahrung hunderttausendfach gezeigt hat, daß der Bettler sofort die Maske fallen läßt, wenn er einen Bissen ergattert hat. Ist der Lachshappen vertilgt (bis auf die Anteile, die nun im Teppich kleben), macht sich der arme alte Hund sofort erneut an die Darstellung der leidenden Tierwelt. Die Aufführung ist immer wieder sehenswert – glücklicherweise, denn ihr Anblick ist nicht zu umgehen. Sperrt man das Tier weg, wird es sehr bald an der Tür zu kratzen beginnen. Bei größeren Hunden klingt das, als wollten sie sie eintreten.

Die einschlägigen Hundebücher empfehlen in diesem Zusammenhang sanfte Strenge und Konsequenz, was beweist, daß die Autoren Schwindler sind, die vermutlich daheim die fettesten Schnorrer unterm Tisch und die zerkratztesten Türen überhaupt haben. Ein intelligenter Hund mit gesundem Appetit bettelt. Auch wenn er pumpsatt ist. Und das sollte für Herrchen eigentlich kein Problem sein; schließlich lebt der alte Hund ansonsten nach der Devise: möglichst flach in der Horizontalen, möglichst dezent und damit ungestört sein.

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