Künder, Mahner, Missionare

Kürzlich habe ich im Facebook einen Artikel über einen Kölner Lehrer verlinkt, der sich in der Öffentlichkeit islamkritisch geäußert und den Salafismus als faschistoid bezeichnet hatte: „Als Homosexueller habe ich mehr Angst vor Islamisten als vor Nazis.” Daraufhin war er vom Schuldienst suspendiert worden. Er hatte sich jedoch vor Gericht dagegen gewehrt und recht bekommen. Ein gutes Urteil im Sinne des Grundgesetzes, fand ich, ahnte aber schon, daß dies Anstoß erregen könnte.

Tatsächlich monierte eine Dame, der Artikel wolle suggerieren, Islamkritik sei „salonfähig”.

„Nicht salonfähig” bedeutet bekanntlich unanständig, verpönt. Vorzugsweise wird rechtsextreme Hetze als nicht salonfähig bezeichnet. Was aber ist an berechtigter Religionskritik unanständig oder gar rechtsextrem? Nichts. Kritik an den christlichen Kirchen gilt nicht nur als salonfähig, sondern in weiten Kreisen sogar als Zeichen besonderer Aufgeklärtheit. Wer sich zur Vielfalt (Neudeutsch: Diversity) bekennt und sich gegen die Diskriminierung Homosexueller einsetzt, darf die katholische Einstellung zur Schwulenehe1 nach Herzenslust geißeln, Kritik an der Schwulenfeindlichkeit des Islams indessen ist in denselben Kreisen tabu und wird entrüstet angeprangert.

Von konsequentem Eintreten für Minderheitenrechte kann bei den so Empörten demnach nicht die Rede sein. Auffällig ist hingegen ihr Bestreben, sich moralisch überlegen zu zeigen. Man will die eigene Toleranz demonstrieren und tut dies, indem man jeden als Ausländerfeind schmäht, der auch von Moslems die Achtung des Grundgesetzes erwartet.

Diskussionen des Themas verlaufen entsprechend irrational. Du magst erklärter, ungetaufter Atheist sein – man wird dir unweigerlich die Kreuzzüge vorwerfen, und deine Frage, was die Mauren in Spanien und die Osmanen in Österreich zu suchen hatten, verhallt ebenso ungehört wie dein Hinweis, daß derzeit keine Kreuzzüge stattfinden. Geht es konkret um Homosexualität, führen belesene Freunde des Islams gern an, daß dieser auf eine tausendjährige homoerotische Kultur zurückblicke und erst durch westliche Einfüsse verdorben worden sei. Damit ist einem Jugendlichen, der heute in Deutschland von Moslems als Schwuchtel attackiert wird, natürlich sehr geholfen.

Es wäre wohlgemerkt ein Fehler, allein die Defizite des Islams zu kritisieren. Es ist aber auch ein Fehler, allein die Defizite des Islams nicht zu kritisieren. Kritik ist an jeder Religion geboten, die Anlaß dazu gibt – ganz besonders, wenn sie sich Kritik verbittet. Damit meine ich nicht nur den Islam, sondern mehr noch das quasireligiöse Künden und Wirken, das sich aus der Political correctness entwickelt hat. Es verschleiert Mißstände, schafft unsinnige Zwänge, Denkverbote und zugleich grenzenlose Freiräume für weltfremden Mumpitz. Wer der Einführung männlicher Professorinnen in Deutschland tiefen emanzipatorischen Sinn beimißt, sollte diesen mal einem griechischen Arbeitslosen, einem albanischen Wanderarbeiter oder einem syrischen Flüchtling zu vermitteln versuchen. Ich garantiere fassungslosen Unglauben.

Der Mahner und Künder indessen schwebt in höheren Sphären und weist auch sonst alle Anzeichen frommen Glaubens auf.

Erstens: Er ist im Besitz der Wahrheit und damit berufen, andere zu belehren und gegebenenfalls an den Pranger zu stellen.

Zweitens: Er fühlt sich schuldig. Dafür, daß er ein Auto und einen Flachbildfernseher hat, während anderswo Kinder verhungern. Es ist höchst fraglich, daß diesen geholfen wäre, wenn er sich VW und RTL versagen würde, doch ein Sünder ist er trotzdem. Die Schuldgefühle dürften ein Relikt aus Zeiten sein, als selbst der Unbefleckteste noch mit schlechtem Gewissen in den Beichtstuhl schlich. Heute findet die Beichte öffentlich statt: „Wir beuten die Dritte Welt aus! Wir verpesten das Klima! Wir verkaufen Waffen in Krisengebiete!” Jeder deutsche Hansel ein Ausbeuter und Waffenschieber? Wohl kaum, aber Geständnisse erleichtern die Seele und reinigen Gewissen wie Weste.

Drittens: Der Mahner und Künder missioniert.

Viertens: Er vertritt stets einen ganzen Kanon von Glaubenssätzen, die sich auf Umwelt, Frieden, Migranten, Frauen, Kinder oder Ernährung beziehen können. Die eingangs erwähnte islamophile Dame etwa erwies sich, nicht überraschend, gleich auch noch als leidenschaftliche Kämpferin für geschlechtergerechte Sprache2 und veganes Hundefutter. Artgerechte Tierhaltung, lesbares Deutsch – egal, am Glauben ist nicht zu rütteln. Die Linke glaubt felsenfest, daß man Frieden und Demokratie nicht herbeibomben könne, obwohl wir allesamt noch heute „Heil Hitler” schreien und uns für Herrenmenschen halten würden, wäre Deutschland nicht von den Alliierten in Schutt und Asche gelegt worden.

Fünftens: Religion kennt kein Dilemma. Auf jede Frage gibt es eine richtige Antwort, für jedes Problem eine einfache Lösung, notfalls reicht eine fromme Weisung. Das heißt zum Beispiel für Syrien: „Das Regime muß kapieren, daß es abgelöst werden muß“ (Claudia Roth). Ihr Rezept für die Zeit nach einem Sturz Assads ist vorhersehbar: „Die Sieger müssen kapieren, daß das Massaker an Aleviten und Christen aufhören muß.“

Wo Glaube ist, herrschen auch Gebote. Das erste lautet: Du sollst nicht „Neger” sagen. Auch nicht „Negerkönig”, und schon gar nicht „Negerin”. Nein, auch nicht im Scherz, und ironisch erst recht nicht. Ein weiteres Zeichen eifernder Religiosität: Humorlosigkeit. Würde heute jemand „Am Abend hilft die Jägerin dem Jäger in die Negerin” reimen wie einst F. K. Wächter, man erschlüge ihn auf der Stelle mit der Rassismuskeule. Du sollst den Eiertanz heiligen und allenfalls vom N-Wort sprechen! Das nächste Gebot lautet: Du sollst keine Frau anbaggern. Da verstehen Frauen keinen Spaß. Bring bloß keine zum Lachen! Frauen wollen auch keinen Sex. (Weiß der Himmel, warum sich die Mädels kreischend zusammenrotten, sobald irgendwo ein Schwänzchen wie Justin Bieber auf der Bühne erscheint.) Du sollst die alleinerziehende Mutter ehren, das sollst du! Was das Kind angeht – das Kind braucht rund um die Uhr Liebe, Nachsicht und Verständnis, besonders, wenn es frühmorgens vollgekotzt aus der Disco heimkommt. Hauptsache, die „Schule für alle” macht Spaß. Das ist vielleicht das wichtigste Gebot von allen: Du sollst kein Kind benachteiligen. (Es sei denn, es ist intelligent.) Daß die ostentative deutsche Kinderliebe in krassem Gegensatz zur Kinderzahl steht, juckt keine reine Seele.

Ich glaube, neben der missionarischen Verbissenheit geht mir am meisten die Verlogenheit auf den Geist.

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1   „Schwulenehe” ist ein ähnlich merkwürdiges Wort wie “Frauenfußball”. Fußballerinnen spielen schließlich dasselbe Spiel wie Fußballer, und Heterosexuelle können schlecht eine Schwulenehe eingehen. Fußball ist Fußball, und Ehe ist Ehe. 

2     Die Christenheit ist bereits mit einer „Bibel in gerechter Sprache” beschenkt. Man kann sich gut vorstellen, wie der Islam auf einen geschlechtergerecht überarbeiteten Koran reagieren würde.

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Ein Gedanke zu „Künder, Mahner, Missionare

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