Irrealis und Schweine

Zu den geheimnisvollsten Phänomenen der deutschen Sprache gehört der Irrealis. Schon sein Name raunt wundersam von metaphysischer Unwirklichkeit, von unauslotbaren Bedeutungstiefen. Der Irrealis lockt den Leser in Sphären, wo alles vermeintlich Greifbare körperlos und flüchtig wird, wo jede Orientierung versagt, wo sich Abgründe auftun und jede Formulierung ins Ungewisse führt.

So sieht ihn zumindest ein Großteil selbst jener Autoren, die stolz darauf sind, noch um die Existenz zweier Konjunktive zu wissen und sie voneinander unterscheiden zu können. Dabei gibt es eigentlich kein Geheimnis.

Ich nehme ein Schwein und erkläre, es fliege gern. (Konjunktiv I)

Sie werden einwenden, daß Schweine nicht fliegen können.

Ich nehme meine Behauptung zurück und erkläre, das Schwein flöge gern bzw. würde gern fliegen. (Konjunktiv II)

Damit sind Sie einverstanden, oder? Das Schwein fliegt ja nicht. Sehen Sie, genau das beschreibt das Wort Irrealis: das Schwein fliegt nicht. Es mag davon träumen, aber in Wirklichkeit, realiter fliegt es nicht.

Wohlgemerkt: der Irrealis hat nichts damit zu tun, daß Schweine keine Flügel haben. Die Natur spielt für die Grammatik keine Rolle. Wenn Sie erklären, ein Schwein fliege gern, kann es fliegen. Sagen Sie, es flöge gern, fliegt es nicht. Es liegt an Ihnen. Sie entscheiden.

Wer das für Haarspalterei hält, möge sich klarmachen, daß der Unterschied zwischen Plus und Minus bedeutsam sein kann, und daß es nicht um die Beachtung willkürlicher Regeln geht, nicht um sprachliches Wohlverhalten, sondern um die Beherrschung eines nützlichen Werkzeugs.

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