Rassismussismus

Anfang 2014 fiel auf, daß sich unter den Sternsingern, die von Kanzlerin Merkel empfangen wurden, kein König Balthasar mehr befand. Zumindest kein schwarzer. Auch zu uns ins Haus kamen die Weisen aus dem Morgenland ohne den Mohren.

Überraschend war das nicht, denn im Jahr zuvor waren Rassismusverortungen geradezu Volkssport gewesen. Es begann mit der öffentlichen Empörung gegen die Inszenierung von Herb Gardners „Ich bin nicht Rappaport“ des Berliner Schloßparktheaters mit Dieter Hallervorden und Joachim Bliese. Letzterer spielte darin einen Schwarzen und war entsprechend geschminkt. Der Aufruhr im Internet war beträchtlich: Theaterleitung und Regieteam wurden als „dumm und rassistisch“ beschimpft, die Initiative Schwarze Deutsche (ISD) sah eine „völlige Ignoranz betreffs rassistischer Traditionen“, und eine eigens eingerichtete Facebookseite namens „Schluss mit rassistischen Blackface-Aufführungen“ hatte ebenso lebhaften Zulauf wie Output. In den folgenden Monaten verlegte man sich auf den Genuß ausgiebiger Entrüstung über Kinderbücher, in denen Wörter wie Neger oder Türke vorkamen, und überwachte die von vielen Verlagen bereits eilfertig in Gang gebrachte Grundreinigung der Texte. Den Abschluß lieferte die weihnachtliche Wetten-Dass-Sendung aus der Heimat der Augsburger Puppenkiste. Zwecks „Stadtwette“ forderte Moderator Lanz die Augsburger auf, mit geschwärzten Gesichtern als Jim Knopf in der Halle zu erscheinen. Der Sendung folgte ein Aufschrei, wobei tatsächlich jene Dame zu den Lautesten gehörte, die schon mit dem Hashtag #aufschrei auf sich aufmerksam gemacht hatte und nun twitterte: „Erneut gebührenfinanzierter Rassismus“.

Lanz wie Hallervorden mußten sich vorwerfen lassen, sie führten die rassistische Schauspieltradition der Minstrelshows des 19. Jahrhunderts fort. In diesen traten Weiße mit geschminkten Gesichtern auf und stellten Schwarze als fröhliche Deppen dar. Jim Knopf  aber ist ebensowenig ein Depp wie der schwarze Midge in Rappaport. Jim ist im Gegenteil der Held zweier großartiger, preisgekrönter Kinderbücher, und seine dunkle Haut verdankt er gar seiner Abstammung vom schwarzen der heiligen drei Könige (!).

Hallervordens und Lanzens rassistisches Vergehen bestand also aus nichts anderem als wertfreier Schminke. Schwarz sein, da kennen stramme Antirassisten kein Vertun, dürfen nur echte Schwarze. Selbst Günter Wallraff, der monatelang mit einem Kamerateam als schwarzgetürkter Somalier durch Deutschland tourte, um den weiß Gott handfest existierenden Rassismus im Lande zu dokumentieren, bekam zu hören, er äffe unterdrückte Minderheiten nach, um Profit daraus zu ziehen.

Interessanterweise gilt nur schwarze Schminke als rassistisch, keine andere. Niemand hat bisher verlangt, Turandot dürfe nur noch von Chinesen gespielt werden. Auch die falschen Rothäute in Bad Segeberg und Elspe hat meines Wissens noch niemand beanstandet. Vielleicht, weil es in Deutschland nur wenige Chinesen und noch weniger Indianer gibt. Allerdings – Eskimos gibt es bei uns gar nicht, und doch dürfen wir sie korrekterweise nur noch „Innuit“ nennen. Dabei hatte das Wort Eskimo bei uns nie eine abfällige Bedeutung. Immerhin dürfen wir uns als Eskimos verkleiden, ohne als Rassisten dazustehen, weil Eskimos nicht schwarz sind.

Der Rassismus des Schwarzschminkens ließe sich natürlich auch heute noch auf die Spitze treiben, wenn Schwarze wie in den alten Minstrelshows obendrein als fröhliche Deppen dargestellt würden – zum Beispiel als Negertunten. Ein Orkan der Entrüstung bräche los! Anders als im Falle von Indianertunten, wie „der Schuh des Manitou“ gezeigt hat. Über den fröhlichen Homodeppen Winnetouch hat sich ganz Deutschland unbekümmert schlappgelacht.

Ein Freund von mir – zwar kein Indianer, aber schwul – ist ungehalten: „Von Diskriminierung versteh ich was. Deshalb gehen mir die unentwegt öffentlich betroffenen Berufsbimbos maßlos auf die Eier.“

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3 Gedanken zu „Rassismussismus

  1. Pingback: Schlimmer als Blackfacing | Virch

  2. Den Jim Knopf-Kult im TV finde ich tatsächlich rassistisch. Ich habe einige Fernsehbeiträge über die Augsburger Puppenkiste gesehen, die durch die Bank so getan haben, als sei Jim Knopf der absolute Superstar der Augsburger Puppenkiste gewesen. Hier darf ich mitreden, hier bin ich Zeitzeuge. (Jg.59)

    Von uns Kindern hatte damals keiner etwas gegen Jim Knopf. Aber die Stars waren andere: Kalle Wirsch, 3:0 für die Bärte (mit Sabor), und die Blechbüchsenarmee, 234, marschieren wir, … , schaun mit List, wo Feind ist. Und natürlich Bill Bo. Danach erst kam das Urmel. Warum wird Jim Knopf so emporgehoben?

    Beim Thema Rassismussismus hätte auch der Graf Coudenhove-Kalergie eine Erwähnung verdient. Ihm hat seine rassistischen Phantasien – wie die alten Ägypter, weissagt das edle Blaublut, werden die durchmischten Europäer dereinst aussehen – keiner übelgenommen. Statt dessen ist er der erste Träger des Karlspreises. Aus eigenem Erleben weiß ich, daß seine sehr lesenswerten Schriften kurz vor Merkels Karlspreis aus den öffentlichen Bibliotheken verbannt worden sind. Die sind doch zu starker Tobak für die Herde, die gemäß Walter Lippmann zu grasen hat, anstatt sich mit wesentlichen Dingen zu beschäftigen.

    • Jim Knopf dürfte in den Medien deshalb mehr Beachtung finden als andere Figuren der Puppenkiste, weil Michel Endes zugrundeliegende Bücher so bekannt sind. Zu recht – sie sind äußerst phantasievoll und fesselnd, ich habe sie meinen Kindern beide mehrfach vorgelesen. Markus Lanz wird Jim Knopf zum einen wegen dieser Bekanntheit gewählt haben, zum anderen, weil es die einfachste „Verkleidung“ war. Ein bißchen schwarze Farbe reichte. Weder in den Büchern noch in der Puppenkiste noch bei Lanz wird die Figur abschätzig betrachtet. Von Rassismus kann daher nicht die Rede sein (darum ging es mir in meiner Notiz). Mit Blick auf Coudenhove Kalergi hier ein ganz anderes Beispiel für derlei Wunschdenken: der „Black Skinned Blue Eyed Boy“ der Equals (s. Youtube). Rassismus?

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