Rock’n Roll

Habe gestern nach langer Zeit wieder mal mit einem alten Freund telefoniert, einem Gitarristen, der nicht nur auf unzähligen genialen Tracks Rockgeschichte geschrieben hat, sondern – diskret ausgedrückt – auch in der weiträumigen Umgebung sämtlicher großen Studios und Bühnen unvergeßliche Auftritte hatte.

image Zeichnung: Peter Walkerstorfer

Während wir so redeten, fühlte sich der Begriff Rock’n Roll für eine Weile wieder ein bißchen an wie früher – wie ein volles Brett aus Studiomonitoren, wie das Surren einer Bandmaschine, wie ein übernächtigtes Blueslick, das einem die Tränen in die Augen treibt.

„Sweet, sweet rock and roll …“

Dazu muß ich sagen, daß ich ungeachtet gewisser späterer Erfahrungen eigentlich aus der Liedermacherecke komme, aus Regionen, in denen schlecht gestimmte Akustikgitarren schrammelten und die Männer sanft und soft waren. Wir sollten nicht nur lange, weiche Locken haben, sondern auch ab und zu weinen. Allerdings – auf ihre Weise war auch die Liedermacherszene tough. Wer dort moralisch einwandfrei auf der Bühne stehen wollte, mußte spätestens beim dritten Lied dem Kapitalismus die Maske vom Gesicht reißen und das System geißeln. Man stelle sich vor, damals hätte jemand skandiert:

Ich hab Aggro gegen die Frauen!
Zieh dich nackig aus und fang an zu saugen!
Meine Wohnung soll sauber sein, Nutte, ich hab Hunger!
Nimm dein Kochlöffel und koch mir endlich Hummer!
(Bushido, „Drogen, Sex, Gangbang“
)

Man hätte ihm sofort Erste Hilfe geleistet und ihm dann zu einer Hirnuntersuchung, einem Wörterbuch und einem Reimlexikon verholfen.

Heute ist man als egal welcher Mann automatisch Rock’n Roller. Dabei geht’s nicht mal unbedingt um Musik, es geht mehr um dieses verwitterte, abgetragene Ledergefühl, dieses On-the-road-Feeling: So ist das Leben, Alter, nimm es, wie es ist. Rock’n Roll ist heute, wenn ein Finanzbeamter frühmorgens den Bus verpaßt, weil ihm sein Ohrring hinter die Wickelkommode gefallen ist.

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