Arbeit!

Der Soziologe Richard Sennett, so ist in der „Zeit“ zu lesen, hält Europas Arbeitsmarktprobleme für einfach zu lösen: man müsse die Arbeit einfach nur umverteilen.

Ich glaube ihm nicht. Ich glaube auch nicht an die „Wirtschaftsweisen“ und ihre Voraussagen. In Fragen der Ökonomie traue ich weder Leuten mit Märchenonkelnamen noch gar Soziologen. Ich denke praktisch. So weise ich seit Jahren darauf hin, daß Arbeit entgegen landläufiger Auffassung keine konstante Größe ist; sie ist auch kein rares Gut, das gerecht und sparsam so aufgeteilt werden muß, daß bloß niemand davon zuwenig oder zuviel kriegt. Arbeit ist kein seltener, gefährlicher Rohstoff, sondern eine Tätigkeit; ein Vorgang, dessen Dauer und Intensität jeder selbst bestimmen kann. Jeder kann soviel arbeiten, wie er will.

Ob er allerdings Geld dafür bekommt, ist eine andere Frage. Sehen Sie mich an: Ich schreibe gerade ein Bühnenstück. Das kann Monate dauern. Ich ackere unaufhörlich und unaufhaltsam, siebzig, achtzig, neunzig Wochenstunden; und wie mancher Sonntag auch dabei draufgeht, ich bringe es zu Ende. Und habe ich einen Auftrag? Einen Arbeitgeber? Nein. Wird mir irgendwer Geld zum Leben geben, wenn ich vor Überarbeitung zusammenbreche oder mein schmerzender Rücken das Schreiben unmöglich macht? Von wegen! Ich bin völlig auf mich selbst gestellt, mutterseelenallein Verlegern und Theaterbetreibern ausgeliefert, die mir knallhart nur dann etwas zahlen werden, wenn die Produktion Profit einbringt. Und was wird das Ergebnis meines Fleißes sein? Eine umwerfend komische, unterhaltsame und herzerwärmende Komödie mit Tiefgang, auf die viele Menschen lange gewartet haben. Also werden die Schauspieler zu tun bekommen, der Regisseur, der Bühnenbildner, Karten- und Getränkeverkäufer, Programmheftgestalter, Rezensenten und so fort – alle werden mehr Arbeit haben und entsprechend mehr Geld verdienen. Und alle werden davon ihre Steuern zahlen, und davon kann man wiederum Politiker ernähren, deren Arbeit es ja auch ist, für mehr Arbeit zu sorgen.

Man sieht: mehr Arbeit ist nicht die Folge von weniger Arbeit, sondern von mehr Arbeit. So, und jetzt muß ich mich erst mal ein bißchen hinlegen.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Arbeit!

  1. Wieder mal mehr als wunderbar, alter Freund! Danke für Deine Notizen und Gedanken, die ich erst neulich im Netz gefunden habe.

    M. I. aus HH

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s