Drängler und Raser

Zum Thema Drängler und Raser ist wohl so ziemlich alles Erdenkliche schon mal gesagt worden. Trotzdem muß ich noch eine Anmerkung dazu machen. Ich habe nämlich gerade im Tagesspiegel einen sehr dummen Artikel von einer Dame namens Ariane Bemmer gelesen, die eine Höchstgeschwindigkeit von 120 kmh auf Autobahnen mit dem Argument fordert, das Fahren dort müsse angstfreier werden. Das hat mich an etwas erinnert, das ich selbst einmal geschrieben habe:

Die Autobahn ist eine merkwürdige Sache. Hier treffen in ständiger Lebensgefahr die unterschiedlichsten Menschen zusammen: dösende LKW-Fahrer, halsstarrige Senioren, junge Hitzköpfe, angstvoll an die Mittelspur geklammerte Frauen, Männer mit schwelendem Tunnelblick. Die Überholspur ist eine einzige Schlange, da kommst du von rechts nur rein, indem du links einem vor die Nase fährst und ihn zum Bremsen zwingst. Hast du das geschafft, mußt du ganz dicht am Vordermann kleben, sonst schert hinter jedem Laster ein Kleinwagen aus, quetscht sich in die Lücke und zwingt dich selbst zum Bremsen. Derweil blinkt zwei Meter hinter dir ein schwarzer Audi, obwohl der Schafskopf genau sieht, daß vor dir nicht frei ist. Und spätestens, wenn der dich rechts überholt, fällt dein Verstand aus dem Fenster. Ab jetzt gibst du Vollgas und riskierst alles. Du wirst zum Vollidioten, zum rasenden Vollidioten in einem rasenden Konvoi enthemmter, rasender Vollidioten. Ich treffe zwar immer wieder Männer, die das für ihre Person zurückweisen und behaupten, sie seien total gelassene, defensive Fahrer. Das sind die Schlimmsten. Entweder lügen sie nämlich, oder es sind Oberlehrer – die Typen, die sich im Schneckentempo links neben einen Laster heften und schweratmend ganze Vollidiotenkonvois blockieren, bis hinter ihnen die nackte Mordlust ausbricht. (Heideblues, 2005)

Wie Sie sehen, bin ich durchaus autobahnkritisch. Wieso finde ich Frau Bemmers Artikel dennoch dumm? Weil ich dabei an meine alte Tante Auguste denken muß. Tante Gustl hatte panische Angst vor Mäusebissen. Nun kann man gegen Mäuse vieles sagen, aber eines tun sie nicht: sie beißen keine kreischenden alten Tanten. Ich kenne Frau Bemmer nicht; sie ist bestimmt reizend und jung und kreischt nicht. Sie echauffiert sich aber über eine Minderheit von Autofahrern, „die mit 200 Stundenkilometern wie aus dem Nichts angerast kommen und mit einem Knall an den langsameren Autos vorbeibrettern“. Das schaffe „ein grässliches Klima ständiger Bedrohtheit“.

Nicht doch, liebe Tante! Wer 120 fährt und von einem 200-Fahrer passiert wird, hört keinen „Knall“. Eine Geschwindigkeitsdifferenz von 80 Stundenkilometern knallt nicht. Gewiß, ein Porsche Carrera GT schafft 334 km/h, aber man sieht ihn so gut wie nie fahren (schon gar nicht so schnell). Deshalb fühlt sich die Mehrheit auch nicht von ihm bedroht. Die Mehrheit fährt selbst gern mal schneller als 120 (s. o.). Schnellfahrer kommen auch nicht aus dem Nichts. Sie bewegen sich gut sichtbar auf der Überholspur. Dennoch müssen sie immer damit rechnen, daß langsame Fahrerinnen (Männer sind mitgemeint) ihnen die Vorfahrt nehmen und plötzlich nach links ausscheren, ohne auch nur in den Rückspiegel geschaut zu haben. Das passiert jedem Schnellfahrer. Bei jeder Autobahnfahrt. Ständig. Er muß alle naslang in die Eisen steigen und auf 120 runterbremsen, was im harmlosesten Fall seine Bremsbeläge und seinen Sprit kostet. Schuld daran ist er gleichwohl selbst, findet Frau Bemmer: „Nicht selten sieht man hinter einem Raser gleich den nächsten, und das oft, ohne den empfohlenen Abstand auch nur ansatzweise zu wahren.“ Stimmt, sowas gibts, obwohl es verboten ist. Allerdings ist aus gutem Grund nicht das Schnellfahren verboten, sondern das Unterschreiten des Sicherheitsabstandes, und dieses gefährliche Fehlverhalten grassiert in viel größerem Maße, wenn es im Verkehr nicht flott vorangeht, sondern zäh (s. o.).

Ich werde beim Lesen des Bemmerschen Artikels den Eindruck einer gewissen, typischen Mißgunst nicht los, derselben Mißgunst, die manche Langsamfahrer motiviert, Schnellere ohne Not zum Bremsen zu zwingen. Das ist aber kein Niveau, auf dem über das Auto diskutiert werden sollte, denn dafür ist das Thema zu wichtig und zu komplex. Wir leben schließlich in einer durch und durch automobilen Gesellschaft.

Diese Gesellschaft ist durchaus kritikwürdig; ihre ökologischen Defizite sind sattsam bekannt, außerdem gibt es weitaus ungefährlichere Vehikel als das Auto. Es will perfekt beherrscht sein, es verlangt mehr Konzentration, Übersicht, Voraussicht und Selbstdisziplin, als viele Menschen aufbieten können. Ungeschickte Fahrer sind nicht nur selbst gefährdet, sondern auch eine Gefahr für andere. Ein besonders soziales Beförderungsmittel ist es ohnehin nicht; wer zu jung zum Fahren ist oder zu alt, wer schlecht sieht, wer zu krank ist, wer auf starke Medikamente angewiesen ist oder schlicht mittellos, ist aus der großen Fahrgemeinschaft ausgeschlossen. Das kann je nach Wohnort äußerst unangenehm sein, da zu Lasten öffentlicher Verkehrsmittel seit Jahrzehnten Geld in den Straßenbau fließt. Wäre es umgekehrt, könnten wir heute womöglich hochflexible moderne Bahnen und luxuriöse Bahnstationen nutzen, könnten reisen wie Gott in Frankreich, ohne einander und die Umwelt zu gefährden. Vielleicht wären solche Bahnen nun sogar anstelle des Autos maßgeblich für Deutschlands wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand. Es ist aber nicht umgekehrt.

Wir sind nun einmal der Faszination des Autos erlegen, die in seiner individuellen Mobilität besteht, aber auch in seiner Ästhetik. Wenn mich einer fragt, was Kunst ist, sage ich: Sieh nach draußen. Da fährt sie – in allen möglichen Farben und Formen, immer wieder neu, immer wieder anders, faszinierend und begehrenswert. Sie zeigt sich kraftstrotzend hochbeinig, elegant geduckt, glänzend, leuchtend, knuffig, sie hat Gesichter, Ausstrahlung, Witz, Charakter. Sind Autos nicht wunderbar? Am meisten fasziniert uns freilich der Fahrspaß. Nur das Wort ist eine Erfindung der Werbung, der Spaß nicht. Es gibt ihn, er wächst mit der Qualität und den Möglichkeiten des Wagens, und selbstverständlich ist die Geschwindigkeit dabei extrem wichtig. Man komme mir an dieser Stelle nicht mit dümmlicher Volkspsychologie (Phallusersatz, Triebabfuhr etc.). Ein schönes, schnelles Auto macht Freude, das ist alles. Und: daran ist zunächst mal nichts Unmoralisches.

Unmoralisch und verlogen ist vielmehr, wenn eine Gesellschaft, die sich fürs Automobil entschieden hat, die es politisch fördert und quer durch alle Schichten ausgiebig nutzt, die es auf Messen, im Internet, in unzähligen Magazinen und Sendungen leidenschaftlich feiert, die stets die stärksten Boliden als technisches Nonplusultra bewundert und ihnen Rennstrecken baut – wenn ausgerechnet diese Gesellschaft jeden Schnellfahrer heuchlerisch zum Raser stempelt.

Autos sind großartig. Deshalb sind sie ja ein Problem. Und genau deshalb wird es Tante Gustl nicht lösen.

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