Korrekt verklemmt

Kürzlich war ich in einem Elektromarkt, um ein Kabel zu kaufen, und wie ich so suchend vor der Wand mit den Strippen und Steckern stand, sagte eine freundliche Stimme neben mir: „Kann ich Ihnen helfen?“ Ich drehte mich dankbar zu ihr um – und fuhr erschrocken zusammen. Die Stimme gehörte einem rabenschwarzen Mann. Mein Erschrecken dauerte nur eine halbe Sekunde, dann schlug es in angenehme Überraschung um, denn ich sah in ein kluges, sympathisches Gesicht. Allerdings konnte ich ihm ansehen, daß der junge Verkäufer mein Zucken nicht nur bemerkt hatte, sondern auch diskret darüber hinwegzusehen suchte. Ich war sehr peinlich berührt. Ich habe nicht den geringsten Vorbehalt gegen dunkelhäutige Menschen, ich hatte nur an diesem Ort nicht mit dieser tiefen Schwärze gerechnet. Einen Augenblick lang erwog ich zu sagen: „Entschuldigen Sie, ich war nur erschrocken, weil Sie so schwarz sind.“ Ich schwieg aber. Die Erwähnung der Hautfarbe erschien mir taktlos.

Inzwischen bin ich mir dessen nicht mehr so sicher. Gewiß wäre es taktlos, einen erschreckend dicken oder erschreckend pickeligen Menschen auf seine körperlichen Mängel anzusprechen, denn es wäre ihm mit Sicherheit unangenehm. Dunkle Haut ist aber kein Mangel. Im bewußten Fall war sie sogar auffallend makellos. Weshalb hätte ihre Erwähnung dem jungen Mann also unangenehm sein können?

Der harmloseste Grund wäre wohl das Empfinden einer Verletzung der Privatsphäre. Auf die wird allerdings in vielen Ländern gerade beim ersten Kontakt wenig Rücksicht genommen. In Griechenland etwa wird ein Fremder seit jeher ganz selbstverständlich gefragt, wo er herkomme, welchen Beruf er habe, ob er verheiratet sei, wieviele Kinder er habe und ob er seine Glatze nicht lieber mit einem Hut beschatten wolle. Und das ist gut so, denn hinter den Fragen steckt nicht nur Neugier, sondern vor allem der Wunsch, höfliche Zuwendung zu zeigen und sich mit dem Gegenüber vertraut zu machen. In Deutschland ist man zurückhaltender, dennoch – rabenscharze Haut ist hierzulande etwas Besonderes; warum sollte also  die Fremdheit oder vermeintliche Fremdheit nicht Anlaß einer höflichen Frage oder Bemerkung sein dürfen?

Weil manche Schwarzen weiße (genauer: schweinchenrosafarbene) Menschen vielleicht viel schöner finden als schwarze und deshalb die eigene Farbe eben doch als Makel betrachten? Die Möglichkeit ist nicht auszuschließen. Wahrscheinlicher ist aber, daß viele Schwarze mit der Erwähnung ihrer Hautfarbe Diskriminierung verbinden. Man denke etwa an die rassistischen Kommentare, die der schwarzen „Germany’s Next Topmodel“-Kandidatin Aminata ins Facebook geschrieben wurden („Quotenneger“, „gorilla fresse“, „Germanys Next Top Baumwollpflückerin“), man denke an die tätlichen bis mörderischen Angriffe auf Schwarze in Deutschland.

Wie meist schon an der sprachlichen Qualität der Anfeindungen erkennbar ist, stinkt dieser Rassismus aus den untersten Schubladen der Gesellschaft, atmet dumpfe Bildungsferne und den Ausdruck von Minderwertigkeitsgefühlen. Für bessergestellte Deutsche mit sozialem Gewissen stellt dies insofern ein Problem dar, als in den untersten Schubladen der Gesellschaft lauter Benachteiligte versammelt sind, die man dafür nicht gut tadeln kann. Wie behilft man sich? Man sucht das Übel in den eigenen Kreisen, kontrolliert einander messerscharf und faßt den Begriff Rassismus so weit, wie es immer nötig ist, um fündig zu werden. Resultat: das Wort Neger wird bei Strafe verboten und darf allenfalls noch als N-Wort zitiert werden, der Negerkuß wird in Schaumkuß umbenannt, aus bildungsbürgerlichen Kinderbüchern werden Wörter wie Negerkönig und Negerlein getilgt. So zeigt man besten Willen und kann sich überdies irgendwie stellvertretend betroffen fühlen. Manche kriegen sogar persönliche Betroffenheit hin: Kürzlich ist mir ein Schneewittchen aus wohlsituiertem Hause begegnet, das sehr darunter litt, „als Frau rassistisch diskriminiert“ zu werden.

Der schwarze Kabarettist und Schauspieler Marius Jung schreibt in seinem Buch „Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde“, ihn nerve „der Glaube, man schaffe unangenehme Sachverhalte aus der Welt, indem man sie nicht mehr benennt und aus dem Sprachschatz tilgt.“ Zur Strafe wurden Buch und Autor vom studentischen „Referat für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik“ (sic!) der Uni Leipzig als rassistisch gerügt.

Das ist einerseits zum Lachen, andererseits ärgerlich. Schließlich ist noch kein Mensch zum hirnlosen Rassisten und Totschläger geworden, weil man ihm als Kind zuviel Astrid Lindgren und Otfried Preußler vorgelesen hätte. Müssen andererseits vernunftbegabte Leute einander unentwegt beteuern, daß niemand nach seiner Hautfarbe zu beurteilen oder gar ihretwegen zu benachteiligen sei? Wenn ja, haben die Blockwarte der Political Correctness genau den Konsens demoliert, der die selbstverständliche Grundlage unseres ungezwungenen Umgangs miteinander sein sollte.

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