Pflichtgefühle

Ich habe kürzlich den Deutschlehrer Krause erwähnt, der sich in der Öffentlichkeit islamkritisch geäußert und den Salafismus als faschistoid bezeichnet hatte: „Als Homosexueller habe ich mehr Angst vor Islamisten als vor Nazis.” Daraufhin war er vom Schuldienst suspendiert worden. Er wehrte sich jedoch vor Gericht dagegen und bekam recht; seine Bezüge für die 16monatige Suspendierung wurden nachgezahlt, und er durfte wieder unterrichten – allerdings nur in der Erwachsenenbildung.

Jetzt ist er erneut unangenehm aufgefallen.

Er hat nämlich beim Radio angerufen – während einer Sendung mit Zuschauerbeteiligung, die der WDR zum jüngsten Holocaust-Gedenktag ausstrahlte. Thema: der Holocaust als Lehrstoff in der Schule. Krause stellte sich als Gymnasiallehrer vor und sagte live: „Mich persönlich interessiert Auschwitz privat überhaupt nicht mehr. Ich beschäftige mich lieber mit dem IS-Terrorismus, mit dem Islamismus. Mir geht sogar emotional die Massentierhaltung viel näher als Auschwitz. Alle 20 Minuten sterben sechs Millionen Tiere, das geht mir emotional viel näher!“

Die Behörde ist alarmiert. „Wir überprüfen, ob Herr Dr. Krause fachlich dazu geeignet ist, Politik zu unterrichten“, erklärt Susanne Blasberg-Bense, die Leiterin der Schulabteilung in der Bezirksregierung Arnsberg.

Nun ist die fachliche Eignung eines examinierten und promovierten Politologen ja recht gründlich nachgewiesen. Frau Blasberg-Bense kann demnach eigentlich nur Dr. Krauses emotionale Eignung prüfen, zumal er sich ausdrücklich auf seine (privaten!) Emotionen berufen hat – und eine solche Prüfung müßte wohl eher ein Psychologe vornehmen.

Ein solcher würde bei Krause vermutlich eine Gefühlslage vorfinden, wie sie unter den Nachgeborenen des Holocausts die Regel ist: angesichts der überlieferten schrecklichen Fakten und Bilder herrscht distanziertes Grauen, Mitgefühl erzeugen Filme wie Schindlers Liste, in der Schule werden die Enkel der Tätergeneration (die ihren Kindern so viel wie möglich verschwieg) derweil so ausführlich mit dem Thema Auschwitz beschäftigt, daß sie es bald leid sind.

Krauses Frevel besteht also weniger in ungewöhnlichen Gefühlen als darin, sie ehrlich zu bekunden. Wir haben unausgesprochene Pflichten: das Wissen um den Genozid reicht nicht, die Überzeugung, daß dergleichen niemals wieder geschehen bzw. zugelassen werden darf, die Überzeugung, daß Deutschland zu seiner Vergangenheit stehen und einer besonderen Verantwortung gerecht werden muß, all das reicht nicht. Wir sollen darüberhinaus auch etwas fühlen, und zwar … was eigentlich?

Nicht wir alle, versteht sich: Henryk M. Broder, dessen jüdische Eltern in Auschwitz bzw. Buchenwald waren, darf sagen: „Vergeßt Auschwitz! Statt Toten nachzutrauern, finde ich es wichtiger, Lebenden zu helfen, am Leben zu bleiben.“ Auch die Nachkommen politisch Verfolgter hätten gewiß das Recht, sich so zu äußern. Der homosexuelle Krause hat es nicht, obwohl in den Konzentrationslagern der Nazis Tausende von Schwulen umgebracht wurden. Was unterscheidet Krause von den Nachkommen der ermordeten Juden, der ermordeten Regimegegner, der ermordeten Sinti und Roma? Er ist kein Nachkomme der Opfer, sondern Nachkomme der Täter. Wie schwul er auch ist, er hat die falschen Gene.

Deutschen mit Migrationshintergrund fehlt der genetische Bezug zu Opfern und Tätern gleichermaßen. Migranten sind komplett raus aus der Nummer. Selbst wenn sie sich zu antisemitischen Demonstrationen versammeln, wie es während der letzten Angriffe Israels auf Gaza der Fall war, als junge Moslems auf deutschen Straßen skandierten: „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“ Muslimische Hetze hat mit dem Holocaust nichts zu tun. Sie wird zwar nicht gerade gern gesehen – aber was willst du machen. In bestimmten Wohngegenden trägst du besser keine Kippa.

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