Volksverhetzung

Das Griechenlandgestänker der Bildzeitung und anderer deutscher Medien überschlägt sich geradezu, seit das griechische Volk eine Regierung gewählt hat, die es wagt, seine eigenen Interessen gegen die der reichen Europäer zu vertreten. Dabei könnten die Propagandisten von Bild und Konsorten eigentlich jetzt einen Gang zurückschalten, denn ihre Botschaft hat in Deutschland voll eingeschlagen.

Der Haß auf „die Griechen“ ist allenthalben zu sehen, zu hören und zu lesen. Selbst Freunde verblüffen mich neuerdings mit Ressentiments, die ich in keinem halbwegs belüfteten Hirn vermutet hätte. Von einem Bekannten, einem durchaus weltläufigen Arzt, hörte ich gestern, er werde nie wieder „zu diesen unverschämten Menschen“ nach Griechenland fahren. Fragen Sie Ihren Friseur, was er von den Griechen hält, fragen Sie Ihren KFZ-Meister, den Postboten oder egal wen – alle wissen Bescheid und geben unisono empörte Auskunft. Selbst die Prominenz tut sich keine Zurückhaltung mehr an; Wolfgang Kubicki etwa bezeichnet Janis Varoufakis öffentlich als „komplett schizophren“, als einen „Kojak für Arme“, der sich aufführe „wie Rumpelstilzchen“. Die Frage, wer dem FDP-Politiker ins Hirn geschissen hat, erübrigt sich – Bild läßt grüßen. Dieter Nuhr, bisher eigentlich nicht als Volldepp aufgefallen, kommentiert die griechische Forderung nach Reparationszahlungen mit diesem Gag: „Iran stellt Reparationsforderungen an Griechenland wegen der Zerstörungen unter Alexander dem Großen. Wer zahlt das?“

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Ein Riesenkracher. Nee, ist klar, Dieter, das „Dritte Reich“ ist seit zweitausend Jahren Geschichte, genau wie die deutsche Wiedervereinigung, mit der die Zahlungen fällig gewesen wären. Also Punkt, aus, Schlußstrich. Und klar, Kubicki: wenn der Finanzminster eines Landes, das vor der Katastrophe steht, wo das Gesundheitssystem am Ende ist, wo die Mehrheit der jungen Menschen arbeitslos und ohne Hoffnung ist, wo Leute, die zu essen haben, hungernden Nachbarn die Reste ihrer Mahlzeiten an die Mülltonne hängen – wenn ein solcher Finanzminster alles nur Mögliche tut, um die Lage in seiner Heimat zu bessern, dann muß man ihn als schizophrenes Rumpelstilzchen verhöhnen.

Bei dem Wort Volksverhetzung habe ich bisher immer nur an den bewußten Straftatbestand gedacht – und natürlich an die ferne Nazipropaganda und ihre Folgen. Allmählich bekomme ich aber ein deutliches Gefühl dafür, was es damit wirklich auf sich hat.

Brief

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