Die Erzählung der Protagonisten

Eines der klangvollsten Modewörter ist gegenwärtig die Erzählung – Erzählung nicht im Sinne der Literaturgattung, sondern im Sinne des lateinischen Narrativs, das wiederum auf den griechischen Mythos zurückgeht. Von diesem Bedeutungsursprung hat sich die Erzählung jedoch weitgehend gelöst. Wenn etwa Gesine Schwan in der „Zeit“ die griechische Sicht der Schuldenmisere als „griechische Erzählung“ bezeichnet, will sie den Griechen nicht etwa Realitätsferne unterstellen, sondern meint mit Erzählung ganz einfach „Vorstellung“, „Sicht der Dinge“. An einer Stelle spricht sie sogar von der „Sicht der griechischen Erzählung„, was viel intelligenter aussieht als die „Sicht der griechischen Sicht“.

Wo wir gerade wieder bei den Griechen sind: an allen Ecken trifft man derzeit Rudel von Protagonisten. Das Wort stammt aus dem antiken Drama; dort gab es einen ersten, einen zweiten und einen dritten Akteur, die entsprechend durchnumeriert waren: Protagonist, Deuteragonist und Tritagonist. Außerdem gabs noch den Antagonisten, den Gegenspieler. Heute sind alle Akteure gleichermaßen Protagonist, alle sind erster. Somit ist keiner mehr diskriminiert, und die Autoren sind der schwierigen Aufgabe enthoben, bis drei zu zählen.

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