Voll gejaucht

Der griechische Finanzminister hat Deutschland am Sonntag den Stinkefinger gezeigt.

Hat er? Nein.

Der griechische Finanzminister hat Deutschland vor zwei Jahren den Stinkefinger gezeigt.

Ja? Auch das stimmt nicht ganz.

Nicht der Minister hat Deutschland den Stinkefinger gezeigt, sondern der Privatmann Varoufakis.

Hat er wirklich? Wieder nicht die ganze Wahrheit.

Auch der Privatmann Varoufakis hat Deutschland nämlich vor zwei Jahren nicht den Stinkefinger gezeigt. Vielmehr hat er vor zwei Jahren Zuhörern erklärt, er habe Griechenland im Januar 2010 empfohlen, Insolvenz anzumelden und Deutschland den Finger zu zeigen.*

Das hat Griechenland bekanntlich nicht getan. Wieso glaubt dann heute ganz Deutschland, der griechische Finanzminister habe ihm am Sonntag den Stinkefinger gezeigt? Weil Günter Jauch das Belegvideo für seine Sendung ein wenig „aufbereiten“ ließ:

Man sieht Varoufakis, hört jedoch einen deutschen Sprecher:

„Varoufakis will den Griechen neues Selbstvertrauen geben.“

Jetzt hört man Varoufakis englisch reden; eingeblendet wird die deutsche Übersetzung:

„Griechenland sollte einfach verkünden, dass es nicht mehr zahlen kann …“

Varoufakis’ Ton wird ausgeblendet, der deutsche Sprecher fährt fort:

„… und steht für klare Botschaften, besonders an Deutschland.“

Nun hört man wieder Varoufakis’ Stimme und sieht die Einblendung:

„… und Deutschland den Finger zeigen und sagen: Jetzt könnt ihr das Problem alleine lösen.“

Das Ganze ist untermalt mit dramatischen Klavierklängen. Eine wahrlich niederträchtige Bastelarbeit: Der deutsche Sprecher suggeriert, Varoufakis spreche als Minister, „um den Griechen neues Selbstvertrauen zu geben“ und zeige Deutschland als Minister den Finger. Und jetzt setzt Jauch noch einen drauf. Er weiß selbstverständlich, daß Griechenland im Januar 2010 noch gar keine Hilfszahlungen erhalten hatte; trotzdem tut er, als vergelte Varoufakis Deutschlands edle Spenden mit einer Beleidigung:

„Der Stinkefinger für Deutschland, Herr Minister. Die Deutschen zahlen am meisten und werden dafür mit Abstand am meisten kritisiert. Wie paßt das zusammen?“

Tja, da paßte wirklich gar nichts zusammen. Leider war Janis Varoufakis’ Antwort auf die Attacke sehr ungeschickt. Gewiß, am Video war herumgedoktert worden, und dies in unverkennbarer Absicht – aber vielleicht war der Hinterhalt zu perfide gelegt, um eine passende Reaktion zuzulassen. Jedenfalls steht jetzt nicht Jauch, sondern der Minister als Lügner da.

Würde ich nun verlangen, daß Deutschlands Großmoderator sich für seinen ekligen Trick, für seinen Schmuddeljournalismus bei Varoufakis entschuldigt, hätte ich wenig Aussicht auf Erfolg. Deshalb mache ich was anderes. Ich spreche eine Empfehlung aus. Ich empfehle der ARD, Günter Jauch einen gewaltigen Tritt in den faltigen Arsch zu geben, und während ich dies gerade schreibe, bewege ich kräftig meinen Fuß zur Veranschaulichung.

Sollte ich in zehn Jahren zufällig Minister sein, kann Jauch somit behaupten, ich träte Deutschland.

* Wörtlich sagte Varoufakis: „My Proposal was that Greece should simply announce that it is defaulting – just like Argentina did – within the Euro in January 2010, and stick the finger to Germany and say: well, you can now solve this problem by yourself.“

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