Vom freien Schweben der Gedanken über dem Meer

Seltsam: im Winter, wenn die Tage kurz und dunkel sind, die Bäume kahl, die Luft naßkalt und die Kleider klamm, müßte man sich eigentlich in die Sonne sehnen. Stattdessen sehnt man sich an den Kamin. Die Sehnsucht nach Sonne und Meer wird ausgerechnet dann wieder wach, wenn die kalten Zeiten vorbei sind und die Frühlingssonne zu scheinen beginnt. Oder geht das nur mir so? Falls ja, liegt es daran, daß ich in den Aufbruchsjahren des deutschen Nachkriegstourismus zu den ersten Kindern gehörte, die dabei sein durften.

Mein Vater war nämlich verrückt. Zumindest aus heutiger Sicht. Wer gegenwärtig in den Urlaub reist, hat Flug und Unterkunft in der Regel pauschal gebucht und erwartet an seiner „Destination“ wohlorganisierten Service – Begrüßungscocktails, Büffets, frohsinnsprühende Animateure und so fort. Verwegenere Urlauber steuern mit Wohnmobil, Wohnwagen oder Van einen Campingplatz an, im Gepäck komfortable Polyesterzelte mit Panoramafenstern und Sitzgarnitur. Festverwurzelte campen mit dieser Ausrüstung in der Heimat, viele immer auf demselben Fleck. Kaum jemand wird heute noch auf die Idee kommen, seine Familie mitsamt Luftmatratzen und einem winzigen, zusammengerollten Hauszelt in einen VW-Käfer zu pressen und den Brenner raufzufahren. Aber damals gab es solche Touristen. Sie wurden freilich auch da schon für Spinner gehalten.

VW

Ich besuchte damals die Volksschule im Sauerland. Wenn die Sommerferien in Sicht kamen, geriet ich unter Strom, setzten gar Reisevorbereitungen ein, wurde die Spannung unerträglich. Am aufregendsten war es vor der ersten Ferienfahrt. Da wurden Planen genäht, Schlafsäcke an- und ausprobiert, Mutti bekam einen Sonnenhut und meine große Schwester einen Bikini. Im Keller entstand ein kombinierter Wäsche-Küchenschrank aus Sperrholz und Preßpappe, gefertigt von penibler väterlicher Hand. Die Kiste war aufklappbar und in Fächer aufgeteilt. Man konnte sie auf Böcke stellen und erhielt so einen Tisch für den Spirituskocher, aber der Clou war: das Ding paßte haargenau in den leeren Raum hinter der Rückbank des Käfers.

Auch die Fahrtroute wurde genau festgelegt. Der ADAC hatte Kartenmaterial geschickt, lauter Streckenabschnitte, die einzeln abgeheftet und umgeblättert werden konnten. Daneben standen Hinweise und Erklärungen zu den Sehenswürdigkeiten, die am Wege lagen, und alle wurden vorab im Geiste ausgiebig besichtigt.

Vermutlich habe ich auf den langen Fahrten fürchterlich gelitten, immerzu vertröstet mit der Aussicht, bald ins Meer zu dürfen. Es muß höllisch heiß und eng gewesen sein auf der Rückbank neben meiner großen Schwester und tausenderlei Utensilien; ich saß meist hinter meinem Vater, der sehr unduldsam wurde, wenn ich zappelte und quengelte. Trotzdem habe ich die Tortur fast gänzlich vergessen. Nur ein Streckenabschnitt ist mir als qualvoll im Gedächtnis. Das war in Spanien. Wir bogen um die millionste Kurve, und plötzlich war es da, unglaublich leuchtend schön – das Mittelmeer! Das Ufer lag aber stets weit unterhalb der gewundenen Küstenstraße an Fuß der Felsen, ultramarin- und türkisfarbene Buchten, von gelbem Sand gesäumt. Ich bettelte, ich flehte, ich weinte – vergebens. Vati war nicht zum Anhalten zu bewegen. Er hatte eine Ortschaft kurz hinter Tarragona als Bestimmungsort vorgesehen und blieb unerbittlich, während tief unter meinen sehnsüchtigen Augen die herrlichsten Strände vorüberzogen. Zuguterletzt kam ich aber ans Ziel meiner Träume. Als das kleine Zelt in einem luftigen Pinienhain stand, als die Rücksitz-Einbauküche und der Kocher aufgebaut waren, die Luftmatratzen aufgepumpt und die Klappstühle aufgeklappt, folgte eine lange Reihe wunderbarer Tage am Meer.

Da ich erstens schwimmen und zweitens weder im Wasser noch im Sand viel kaputtmachen konnte, verzichtete man darauf, mich allzu scharf zu beaufsichtigen. Mein Vater spielte Boule mit anderen Männern und radebrechte in allerlei Sprachen, die Damen konzentrierten sich intensiv darauf, braun zu werden. Es hatte sich ein Geheimtip herumgesprochen: Olivenöl. Vielleicht deshalb, weil die Reiseführer neben dem Stolz der Spanier auch gern deren „Oliventeint“ erwähnten, einen angeblich typisch mediterranen Hautton. Zu sehen gab es Olivenhaut aber nur ölglänzend am Strand. Der Wind trug einem dort zuweilen ein Aroma wie aus einer spanischen Küche zu.

Ungewohnt duftete auch die Campingküche. Muttis Gerichte schmeckten ganz neu. Am Salat fand sich unverhofft Knoblauch, an allen Speisen war Olivenöl. Und einige Male geschah etwas, das daheim sündhafter Luxus gewesen wäre: wir gingen ins Restaurant. Weißgedeckte Tische mit Tellern, Untertellen und Weingläsern, Siphonflaschen mit Sodawasser. Dann frisch gefangene Fische, Weißbrot, Muscheln, Tintenfisch, Garnelen mit Safranreis. Wir sahen in den Sonnenuntergang und aßen, und wenige Meter weiter schaukelten die hölzernen Fischerboote an der Mole.

Tagsüber am Strand tat ich, was alle Kinder tun, ich baute Kleckerburgen und Kanäle, ich strampelte in den Wellen, verlor die Taucherbrille und sammelte Sepiaschulpe. Ich paddelte mit meiner Luftmatratze auf dem Wasser, bis Achselhöhlen, Hals und Kinn wundgescheuert waren, und bekam den braunsten Rücken von allen. Das, was ich unbewußt in vollen Zügen genoß, war vermutlich der Hauptgrund für die späteren Heereszüge von Nordmenschen in den Süden: das Gefühl, in Licht und Wind und Wärme und Wellen geborgen und zugleich frei zu sein. Ich mußte meinen Körper gegen nichts Feindliches mit Mantel oder Mütze oder schweren Schuhen wappnen, ich war leicht wie ein Vogel. Ich konnte, solange ich Lust hatte, einfach nur im warmen Sand liegen und meine Gedanken übers Wasser schweben lassen. Ich war glücklich.

Sonnenbrände waren damals übrigens völlig harmlos. Man wurde krebsrot, warf Blasen, pellte sich, wurde ausgelacht, und das wars. Ein “Ozonloch” gab es nicht. Ozon war reichlich vorhanden, und zwar daheim im Wald; dort atmete man beim Sonntagsspaziergang tief ein und sagte: “Aaaaaaah, Ozon! Herrlich!”

Und heute? Heute gibt es unten zuviel Ozon, oben zuwenig, und von der Sonne bekommt man Hautkrebs. Deshalb buchen die Menschen heute Aktivurlaube, in denen Sport, Abenteuer oder gar Kultur das Wichtigste sind. Da wird getrekkt, gebikt, geraftet, da werden in unwegsamen Urwäldern archaische Tempel erforscht, da werden in den Großstadtdschungeln der Erde Museen erkundet bis in den letzten Winkel. Alle Achtung vor dem Unternehmungsgeist, dem Wissensdurst, der Energie der Erlebnis­touristen. Ich bewundere sie. Oder nein, gelogen: ich hasse sie! Sie vermitteln mir nämlich ausgerechnet dann das Gefühl zu versagen, wenn mir am wohlsten ist: beim Nichtstun. Wenn ich endlich, endlich mal wieder reglos mit freischwebenden Gedanken im Schatten sitze und aufs blaue Mittelmeer sehe. Oder bis zum Hals im kühlen Wasser stehe. Oder mir inwendig kühle Flüssigkeiten gönne. Sollte ich stattdessen nicht eigentlich trekken, biken, raften oder die Uffizien kreuz und quer und rauf und runter rennen?

Nein, verdammt!

Aber sollte ich dann nicht wenigstens die Welt kennenlernen? Zum Beispiel – wenn es schon das Meer sein muß – die Karibik? Nein. Die Karibik habe ich ausprobiert. Die Gegend fand ich nicht mal schlecht – türkisfarbene Buchten, interessante Vegetation, interessante Kühlflüssigkeiten. Aber die Eingeborenen! Hochgewachsene, schlanke Männer mit unglaublich breiten Schultern und gertenschmalen Hüften; strahlend weiße Zähne in ebenmäßigen Gesichtern und überall unglaubliches, herrliches Muskelspiel unter dunkler Haut. Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so klein und fett und fahl gefühlt.

Wer will denn das? Ich nicht. Ich will mit freischwebenden Gedanken im Schatten sitzen und aufs blaue Mittelmeer sehen. Das klingt sehr einfach, viel einfacher als Tempel in der Wildnis oder Kunstgeschichte in Florenz. Und ist doch viel schwieriger, manchmal sogar unmöglich.

Nehmen wir den günstigsten Fall eines jungen Alleinreisenden. Er mag mit Brustbeutel und Schlafsack von Ort zu Ort ziehen, bis er ein sauberes Fleckchen Küste gefunden hat, so ruhig, abgelegen und schattig, daß die Gedanken eine Schwebechance haben. Die Suche nach so einem Platz kann jedoch ganz schön dauern, denn in der Regel ist der Strand dreckig und der Schatten längst voller anderer Schlafsäcke. Entsprechend kreisen die Gedanken dort eher um Fragen wie diese: wo kann ich hier im Dunkeln reinen Fußes kacken gehen, warum hat der Herrgott die Stechmücke geschaffen, wann hört das englische Pärchen endlich auf zu stöhnen und so fort. Ähnliche Überlegungen bestimmen das Denken von Wohnmobilreisenden, es sei denn, sie suchen Campingplätze auf. Und dort bleiben freischwebende Gedanken bereits im Vorzelt des Nachbarwohnwagens hängen.

Wer aus dem Schlafsackalter heraus ist, kann sich in einer Unterkunft am Wasser einmieten. Hier gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: auf der einen Seite die Pension bzw. das Hotel, auf der anderen den sogenannten Club. Die Übergänge sind natürlich fließend; generell ist das Hotel aber die ruhigere Wahl.

Die ruhigsten Hotels sind deshalb die ruhigsten, weil die Gäste so alt sind. Dort kommt man sich leicht vor wie in einem Seniorenstift, und es kann jederzeit passieren, daß jemand auf die Terrasse gestürzt kommt und ruft: “Ein Arzt! Ein Arzt! Ist ein Arzt anwesend?”

Das ist, nebenbei, ein Punkt, der mich ärgert. Obwohl die Medien nun schon seit Jahrzehnten unaufhörlich auf die Ärzte eindreschen, genießen Mediziner im Notfall ungeminderte Wichtigkeit. Dagegen habe ich noch niemals erlebt, daß irgendwer auf die Terrasse gestürzt wäre und gerufen hätte: “Ein Satiriker! Ein Satiriker! Ist ein Satiriker anwesend?”

Je jünger das Publikum, desto lebhafter geht es im Hotel zu. Familien mit Kindern sind für ihre Umgebung besonders anstrengend, und am anstrengendsten sind Kinder, wenn es die eigenen sind. Kaum sind sie aus dem Alter heraus, in dem man sie unentwegt davor bewahren muß, die Treppe hinunterzufallen, zu ertrinken oder Zigarettenkippen in den Mund zu stecken, wollen sie auch schon in das Hotel mit der 90 Meter langen Wasserrutsche. Dort holen sie sich im Dreckwasser eine Ohrenentzündung, und die Eltern müssen am Krankenbett wachen und lernen, was Halsnasenohrenarzt auf spanisch oder griechisch heißt. (Es ist übrigens in beiden Fällen dasselbe Wort: “Otorhinolaryngologos“.) Drei Jahre später ist der Nachwuchs rein geschlechtlich orientiert und empfindet die Eltern nur mehr als störend. Die fragen sich nun ständig, wo das Kind sein mag, warten unruhig bis tief in die Nacht und trinken derweil für teures Geld billigen Wein. Fast überflüssig zu sagen, daß für Halbwüchsige ein Seniorenhotel überhaupt nicht infrage kommt. Womit wir beim Thema Club wären.

Ein Club ist ein Hotelkomplex mit zugehörigem Strand sowie Sport- und Freizeitanlagen. Weiter gehört eine Mannschaft aus Animateuren zur Ausstattung. Das ganze ist rundum eingefriedet, die Zufahrt mit einer Schranke gesichert. Wer es dennoch nach draußen schafft, findet sich in einer völligen Einöde wieder und muß schwitzend und zähneknirschend zurück. Ich weiß es; ich habe mehr als einen Fluchtversuch hinter mir.

Nie werde ich den sündhaft teuren Club auf Fuerteventura vergessen, in dem wir drei Wochen lang einsaßen. Gleich bei der Ankunft wurden wir auf die Anstaltsregeln vergattert. Ein kräftiger Animateur ließ die Neuen mitsamt Koffern antreten und erklärte vernehmlich: “Ich bin der Heiko. Hier duzen wir uns alle und essen zusammen an großen Tischen, weil wir uns kennenlernen wollen und zusammen Spaß haben.” Die Essenszeiten, so Heiko, waren unbedingt einzuhalten, “sonst kriegt ihr nichts mehr, haha.” Ich hob den Finger. Heiko zeigte auf mich und sagte:

“Ja? Du bist der … ?”

“Erich Virch,” antwortete ich. “Ich würde Sie gern bitten … ”

“… genau,” sagte Heiko und sah in die Runde, “also, wenn irgendwas ist, wenn ihr irgendwelche Fragen oder Probleme habt oder so, dann könnt ihr jederzeit zu mir kommen – alles klar, Erich?”

Beklommen machten wir uns auf den Weg zu unser Unterkunft; endlose Gänge, Hinweisschilder, Fassadenfluchten. Dann die Zimmer: nicht gerade Meeresstimmung, aber eine kleine Veranda mit zwei Plastikstühlen; gegenüber die Treppen und Klofenster eines anderen Trakts.

Eine weitere Überraschung war der Speisesaal, eine riesige Halle, über deren Eingang eine bayerische Fahne hing. Wie wir später feststellten, wechselte das Dekor täglich: mal war es bayerisch, mal griechisch, mal karibisch, mal italienisch, und das Tollste: das Personal war jeweils passend kostümiert! Nur das Essen war immer das gleiche. Das lagerte in rauhen Mengen auf riesigen Selbstbedienungsbüffets: Berge von kleingeschnippelten Salaten, mächtige Warmhaltewannen mit kleingeschnetzeltem Fleisch in dicken, braunen Soßen, Pommes, kleingeschnippelte Salate, Soßen, Pommes, kleingeschnetzeltes Fleisch …

Gekocht wurde teilweise direkt im Saal, und die Hitze war gewaltig; den Köchen lief der Schweiß in Strömen. Einmal fragte ich einen, was er da zubereite.

“Ragout,” sagte er, und als er seinen karibischen Piratenhut aus der Stirn schob, merkte ich: es war gar kein Koch, sondern Heiko.

“Daß es Ragout ist, seh ich selber,” beharrte ich. “Was drin ist, will ich wissen!”

Heiko zuckte die Achseln: “Du, was soll schon drin sein – Ragout eben.”

An die Haupthalle waren einige kleinere Speisesäle angegliedert. Sie hatten zwar Fenster, doch die waren fest verschlossen. Die Tische waren rund und riesig, und es paßten an jeden acht bis zehn Leute – damit sich alle kennenlernen und zusammen Spaß haben könnten. Von Spaß konnte aber keine Rede sein, denn wenn eine Gruppe gerade mit der Hauptspeise begann, schwärmte die zweite aus, um Nachtisch zu fassen, während sich die dritte just vom Tisch erhob, um der vierten Platz zu machen, die schon mit dem Vorspeisenteller in der Hand Schlange gestanden hatte.

Wenn andere Urlauber sich irgendwo in hübschen Örtchen an einer Mole, wo Fischerboote auf den Wellen schaukeln, ein luftiges, kleines Restaurant suchen und in aller Ruhe landestypische Kleinigkeiten bestellen, stürzt der gepeinigte Clubgast schon wieder schweißnaß aus der bayerischen Karibik ins Freie. Freies Schweben? Kein Gedanke.

Schließlich gaben wir ein Vermögen an Schmiergeld aus für ein Zimmer mit Meerblick. Dann, als es dunkel wurde, kaufte ich an der Bar eine Flasche Rotwein und trug sie quer übers Gelände auf unseren Balkon. Dort öffnete ich den Schraubverschluß, füllte unsere Zahnputzbecher, und während wir tranken, versuchten wir, unsere Gedanken über die hohe Brüstung und das nachbarliche Ballermannmusikgerumpel hinweg aufs Meer hinausschweben zu lassen. Wir fröstelten. Wir konnten noch nicht wissen, daß Salmonellen Fieberschübe auslösen.

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Ein Gedanke zu „Vom freien Schweben der Gedanken über dem Meer

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