Uhren, Uhren

Rolex

Wußten Sie, daß der Dalai Lama Rolex trägt? Er tut es. Das ist kurios, gehört aber zu den Dingen, die man nicht wissen muß. Warum ich es weiß, muß ich kurz loswerden.

Vor drei Monaten fiel mir im Internet eine Werbung ins Auge, eine puristisch gestaltete Armbanduhr: sparsame, klare Formen, edel wirkende Oberflächen, die Anmutung geschliffener Präzision. Bei näherer Betrachtung erschien mir die technische Eleganz allerdings überspitzt. Ich überlegte, wem so etwas stehen könnte, und es kamen mir nur Bilder aus Modemagazinen in den Sinn. Die kleine Begehrlichkeit, die sich in mir geregt hatte, verflog. Dafür fragte ich mich nun unversehens, was für eine Uhr eigentlich zu mir passen könnte.

Unversehens deshalb, weil ich mir die Frage vierzig Jahre lang nicht gestellt hatte. Nach meiner Konfirmationsuhr (die schnell verloren war) hatte ich als Student noch mal eine zeitlang eine andere, aber gebraucht habe ich beide nicht. Die Welt ist voller Uhren; jeder hat eine, überall in der Stadt sind welche in Sicht, jedes Auto hat heute eine, das Handy sowieso. Es gibt keinen zwingenden Grund, eine zu tragen, im Gegenteil – man hat was Überflüssiges am Handgelenk, unterm Leder schwitzt man, ein Metallband ziept an den Armhaaren, und wenn man ständig damit herumspielt wie ein Grieche mit seinem Klapperkettchen, verliert man die zweite ebenso rasch wie die Konfirmationsuhr. Sei’s drum, macht nix.

Als Quarz­uhren aufkamen, war ich nicht beeindruckt, Digitaluhren fand ich scheußlich, Uhren, deren Zeiger einsam über einem leeren Zifferblatt kreisen, ohne die genaue Zeit zu verraten, fand ich albern. „Rolex“ gar war ein Synonym für neureiche Angeberei; gelegentlich stieß ich auf Abbildungen edelsteinbesetzter, monströs verschraubter Armbandbullaugen, deren Anblick meinen Eindruck bestätigte. Ansonsten interessierten mich Uhren einfach nicht. Kein bißchen. Bis vor drei Monaten.

Ich habe keine Ahnung, warum ich auf einmal nicht mehr aufhören mochte, mir welche anzusehen. Die meisten gefielen mir ja nicht einmal; ich suchte eher nach der idealen einen, nach der perfekten. Ich durchstöberte Herstellerwebsites, Auktionsseiten, Uhrenforen, entschied mich heute für diese, morgen für jene. Ich lernte, daß die einst so gefragten Quarzuhren heute zweite Wahl sind, während höchste mechanische Qualität höchstes wie höchstbezahltes Ansehen genießt, und stellte fest: das gefällt mir! Ich lernte, daß anstelle der zierlichen Uhren der Vorquarzära heute viel größere Exemplare gefragt sind, und daß die meisten davon sogenannte Diver sind: Taucheruhren. Uhren, die es ihren Trägern gestatten, auf die Sekunde genau festzustellen, wie lange sie im Büro oder in der Fußgängerzone unter Wasser bleiben können. Bei Taucheruhren ist das Zifferblatt von einer besonders wuchtigen Lünette umschlossen, einem breiten Ring mit Minutenskala; alle Zahlen und Zeichen sind unter Wasser gut ablesbar, groß, erhaben und oft leuchtend bunt, auch wenn das Vorbild James Bonds schwarze Rolex Oyster Perpetual Submariner war. Daß man im Büro schon Kopf und Uhr ins Goldfischglas tunken müßte, um diese Vorzüge praktisch zu nutzen, spielt keine Rolle, denn, wie gesagt, wenn es bei Uhren nur auf Alltagstauglichkeit ankäme, bräuchte man keine. Und James Bonds Submariner nähme ich sofort.

Eine weitere wichtige Uhrenform sind Chronometer. Das griechische Wort bedeutet nichts anderes als Zeitmesser, doch werden damit besonders präzise Uhren bezeichnet, wie sie früher für die Navigation von Schiffen und Flugzeugen eingesetzt wurden. Mit Chronometern berechnete man Durchschnittsgeschwindigkeit, Treibstoffverbrauch, Steig- und Sinkflugraten etc. Das kann man  heute auf elektronischem Wege besser, schneller und bequemer, aber noch einmal: darum geht’s nicht. Je schwieriger das Ablesen der Uhrzeit, desto wohlgefälliger schweift der Blick über das undurchdringliche Gewirr der Skalen und Indizes von Rechenschieber, Tachymeter, Zeitzonen … Chronometer können die Zeit meist auch stoppen, sind dann zugleich Chronographen (Zeitschreiber), es ist aber nicht jeder Chronograph ein Chronometer.

Bevor es zu unübersichtlich wird: Natürlich gibt es auch noch die klassisch einfache Uhr, die nur Stunden und Minuten anzeigt. Und Sekunden, gern noch Datum. Und Wochentag. Und vielleicht noch Gangreserve. Und Mondphase. Muß aber nicht sein: für Entschleunigungsjünger gibt es sogar Uhren mit nur einem einzigen Zeiger, der alle 24 Stunden gemächlich eine feine Skala aus Zehnminutenschritten umrundet.

Daß heute immer größeren Modelle gefragt sind, liegt zum einen daran, daß die Menschen früher kleiner waren. Der große Old Shatterhand, so erinnere ich mich, war ein „Hüne von einem Meter achtzig“. Damit käme er beim Schulbasketball heute höchstens in die Mittelstufenmannschaft. Der zweite Grund ist das gewandelte Männerbild. Die Zeit der Softies und zarten Locken liegt weit zurück; ein echter dreitagebärtiger Kerl, sei er Manager, Fitneßtrainer, Steuerprüfer oder Fernfahrer, will was Maskulines am Arm, der trägt kein zierliches Ührchen.

Das hat die Designer vor neue Herausforderungen gestellt. Wenn man nämlich eine wohlproportionierte, schlichte Uhr von 34 Millimetern Durchmesser einfach vergrößert, wird eine Küchenuhr draus. Hier kommen die Diver ins Spiel: sie ermöglichen mit ihrer großen Lünette Formate von weit über 40 Millimetern Durchmesser, ohne daß das Zifferblatt dafür übermäßig wachsen muß. Bei großen Uhren mit schmalem Rand muß der Raum dazwischen attraktiv gestaltet werden. Den preziösesten Weg geht dabei die Firma Nomos Glashütte: sie betont die Leere; Zeiger wie hauchdünn ausgestreckte Spinnenbeine bewegen sich über weite Flächen, langgezogene Ziffern zeichnen sparsame Linien. Die italienische Firma Panerai baut dagegen mächtige Brummer, an denen alles riesig ist, jedoch sind alle Details so geschickt aufeinander abgestimmt, daß es wirkt, als betrachte man eine kleinere Uhr durch ein Vergrößerungsglas. Die Hamburger Manufaktur Hentschel pflegt hanseatische Zurückhaltung und kombiniert edles klassisches Design mit maritimen Elementen wie Schiffsschraubenbronze. Viele Hersteller bieten „Flieger“ an, die sich an der Gestaltung alter Pilotenuhren orientieren und militärisch sachlich auftreten: schwarze Zifferblätter, helle, deutlich lesbare Ziffern und Zeiger mit besonderer Leuchtkraft im Dunkeln. Im Gegensatz zu Fliegern und Tauchern müssen Dress Watches zur feinen Garderobe passen und geben sich eher goldglänzend und konventionell. Unter ihnen findet sich das riesige Segment der nostalgischen Schnörkler. Diese feiern hemmungslos die Ornamentik vergangener Stilepochen – oft mehrerer gleichzeitig. Auch die unterschiedlichen Uhrensparten werden bunt gemischt. So ist die Vielfalt unermeßlich; vom spartanisch strengen bis zum randvollgestopften, überbordenden Zifferblatt, vom flachen glatten bis zum gezahnten, eckigen, bucklig prollig prall kraftstrotzenden Monstergehäuse gibt es nichts, was es nicht gibt.

Letzteres wird nicht unbedingt von den Großen der Welt geschätzt. Bill Clinton trägt Nomos, Gerhard Schröder ebenso, sogar Silvester Stallone und Alice Schwarzer wurden schon mit den zarten Spinnenzeigern am Arm gesehen. Barack Obama hingegen trägt gern einen soliden Diver von Seiko. Der Dalai Lama hat seine goldene Rolex Day-Date übrigens als Junge von Franklin D. Roosevelt bekommen. Und Günter Jauch trägt eine Uhr, die ihm seine Tante zum Abitur geschenkt hat.

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Ein Gedanke zu „Uhren, Uhren

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