Gema verbietet Senioren das Singen

Kürzlich durchfuhr die Medien helle Empörung: die Gema hatte von einem Kreis singender Senioren Gebühren verlangt. Wo doch alte Menschen bettelarm sind und kaum mehr andere Freuden im Leben haben als Volksmusik und Volkslieder! Volkslieder stammen außerdem gar nicht von Gema-Komponisten und Gema-Textern, sondern vom Volk. Und falls doch mal irgendwo hoch auf dem gelben Wagen ein Künstler involviert war, ist er längst tot und hat nichts mehr zu melden. Die Gema soll also mal schön die langen Finger stillhalten. Wer als Verwertungs-gesellschaft und geldgieriger Kinderkriminalisierer berüchtigt ist, läßt sich besser nicht auch noch beim Seniorenabzocken erwischen.

Letzteres fanden sogar viele Komponisten und Texter, wie ich im Facebook lesen konnte. Die Künstler wünschen sich zwar alle eine Vergütung ihrer Arbeit, doch möchten sie auch den Wünschen des Publikums entsprechen. Wer mit Liedern Erfolg haben will, muß nämlich den Geschmack der Masse treffen und darf sich keinesfalls mit ihr anlegen. „Don’t ever mess with the public – or you’ll go down the toilet“, hat Sammy Davis Jr. gesagt. Zumindest in einer Hinsicht ist der Geschmack der Masse heute leicht zu treffen: sie will die Musik billig, am liebsten umsonst. Deshalb wird die Vertretung der Künstler, die geldeintreibende Gema, seit vielen Jahren haßerfüllt von Raubkopierern, Clubs, Discos, vom Hotel- und Gaststättengewerbe und überhaupt von jedermann nach Herzenslust angeschwärzt, der Musik billig oder gratis haben möchte. Piraten, Downloadportale, Youtube, Streamingdienste, sie alle bestehlen und bescheißen die Urheber nach Kräften. Deren Durchschnittseinkommen liegt laut Angaben der Künstlersozialkasse denn auch gerade mal bei zwölfhundert Euro im Monat, und diese Zahl ist vermutlich noch schöngefärbt, weil sie von den wenigen Großverdienern hochgepitcht wird, die den Massengeschmack musikalisch zu treffen wissen. Die Mehrheit der kleinen Urheber dürfte selbst von Bezügen wie denjenigen der singenden Senioren nur träumen können. Und doch – wann immer die Gema mit Geldforderungen öffentlich auffällt, ergreift den Künstler ein Unbehagen, ein irrationales Schuldgefühl, die Angst, ganz und gar ausgestoßen zu werden. Man will doch beliebt sein!

Kollegen, seid nicht so bescheuert. Wer kassiert, und sei es noch so zu recht, wird nie dafür geliebt. Sogar das Finanzamt ist unbeliebt, dabei gäbe es ohne Steuern weder Straßen noch Schulen noch Parlamente noch Konzerthäuser, das Volk säße verblödet auf der Wiese und bliese auf dem Kamm. Zum Glück ist es dem Finanzamt scheißegal, ob einer ungern zahlt – er wird gezwungen, fertig. So ist es zumindest gedacht, und das ist gut so. Und genau so soll auch die Gema kassieren. Das ist ihre Aufgabe. Schönes Wetter ist nicht ihre Aufgabe. Und wenn ein Veranstalter es für unnötig hält, ihr auf Anfrage mitzuteilen, daß es sich bei seinem Altengesinge nicht um öffentliche Aufführungen, sondern um privates Gemümmel handelt, soll er eben die geforderten 24 (!) Euro abdrücken. Die Gema hat nicht den geringsten Grund, verschämt aufzutreten.

Gerade eben haben wir am Beispiel der Lokführer vorgeführt bekommen, wie man gutes Recht selbstbewußt einfordert. Claus Weselsky hatte nicht nur die Bahn und damit die Bundesregierung gegen sich, sondern ganz Deutschland. Insbesondere der letzte Ausstand schien das Faß zum Überlaufen zu bringen – schon wieder ein Streik! Den letzten fanden alle schon dreist genug, und nun auch auch ein unbefristeter! Über Pfingsten! Weselsky führte ihn solange wie sinnvoll, mochte die Volksseele auch kochen, mochten Wut und Häme auch brodeln. Welch ein Stehvermögen! Lieber Gott, schenk der Gema, ihren Anwälten und allen Künstlern ein Weselskyrückgrat.

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