Griechenland, Liebste I

Juni 2015. Ich sehe über hügelige Olivenhaine hinweg auf den blauen Golf von Messenien. Rechts liegt die Stadt Kalamata, links auf dem gegenüberliegenden Arm der Peloponnes liegt Koroni, weit, weit dahinter liegt Libyen. Ein winziges Segelboot kreuzt mitten in der Bucht, ein Schlangenadler1 läßt sich vom Aufwind in den wolkenlosen griechischen Himmel tragen, in den Bäumen ringsum sirren Zikaden, die Fenstervorhänge bewegen sich leicht im Wind.

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Illusionen mache ich mir trotzdem nicht. Dem Land geht es schlecht. Überall stehen Geschäfte und Betriebe leer, überall sieht man blinde Scheiben, und wer den ganzen Tag im Café sitzt und sich an einer Tasse Kaffee festhält, ist nicht faul, sondern arbeitslos. Im fernen Deutschland höhnt die Bildzeitung derweil: „Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen“. Alle Medien diskutieren seit Monaten den Grexit, das Ausscheiden Griechenlands aus dem Euroraum. Exportweltmeister Deutschland würde dem Land, dem er so viele teure Kredite, Panzer, U-Boote und weiß der Himmel was alles angedreht hat, zu gern die Daumenschrauben weiter anziehen, doch die Regierung in Athen wehrt sich verbissen, schlägt Haken und gibt sich unbeeindruckt vom wachsenden Termindruck. Dabei droht Ende des Monats der griechische Staatsbankrott. Vielleicht sollten sich die anderen Europäer klarmachen, daß es für Griechen kein „zu spät“ gibt. Es existiert in der griechischen Sprache nicht. Zu spät, zuviel, zuwenig, zu groß, zu klein – nichts davon gibt es. Es gibt nur spät, viel, wenig, groß und klein. Außerdem ist Griechenland im Grunde seit 2010 pleite. Und das nicht zum erstenmal: schon 1893 hat ein griechischer Ministerpräsident, Charilaos Trikoupis, einmal sagen müssen: „Δυστυχώς επτωχεύσαμεν“ – Leider sind wir pleite“. Das Leben geht weiter, auch nach Börsenschluß. Es ist hartnäckig. Nicht weit von hier machen sich Afrikaner auf überfüllten Kähnen auf den Weg nach Europa, weil sie leben wollen. Auf den griechischen Urlaubsinseln Lesbos und Kos begegnen promenierende Touristen neuerdings Syrern, die leben wollen. Wir werden noch vielen begegnen.

Ich selbst kenne allerdings bisher nur einen Syrer. Er ist mein Nachbar am Meer. Er hat insofern Glück, als er schon vor langer Zeit hergekommen ist und sich einleben konnte. Er ist ständig auf der Suche nach Gelegenheitsjobs, um seine griechische Familie durchzubringen, obendrein sieht er als Immigrant mit Sorge die Umtriebe der „Goldenen Morgenröte“, der griechischen Nazis, von denen es viele in der Gegend gibt. Vor allem aber bangt er um seine christlichen Verwandten in der Heimat Syrien, die zum Schlachthaus geworden ist.

All das hindert ihn aber nicht daran zu lachen, sooft er kann. Er lebt. Gut so! Er liebt Gesellschaft, er ißt und trinkt leidenschaftlich, und seine Gastfreundschaft ist wahrhaft orientalisch. Ganz besonders schätze ich seinen Sinn für Komik. Ich habe ihm mal erzählt, daß ich ein Taxi zum Flughafen nehmen müsse. Er war empört: „Wieso fragst du nicht mich, ob ich dich hinfahre?“
Ich wollte ihn nicht ausnutzen, außerdem fehlte es mir, ehrlich gesagt, an Vertrauen in seine Rostlaube. Ich sagte: „Danke für das Angebot! Nächstesmal frage ich dich.“
„Wieso nächstesmal? Wieso fragst du mich nicht jetzt?“
„Was denn – jetzt?“
„Ja, jetzt! Du kannst mich doch jetzt fragen. Frag mich jetzt!“
Ich wand mich. „Du meinst jetzt gleich?“
„Ja, jetzt gleich!“
„Also gut, ich frag dich. Fährst du mich zum Flughafen?“
„Nein.“

Natürlich hat er mich gefahren. Er war in der Abflughalle übrigens der einzige mit nacktem Oberkörper. Dies eine rein persönliche Note – andere Syrer sind sicherlich anders. Sein Name ist Allaa und hat mit Allah nichts zu tun, sondern spricht sich wie der erste Bestandteil des Namens Aladin, um den es sich auch handelt, wie ich begriffen habe. Allaa ist ein ausgezeichneter Erklärer, geduldig und nachsichtig. Er würde einen guten Lehrer abgeben. Und einen ebensoguten Koch. Die Griechen wissen weiß Gott, wie man Oliven einlegt, aber Allaas Oliven sind besonders gut. Es liegt an seiner Gewürzmischung und am Zitronensaft, den er benutzt. Essig käme nicht infrage: „Essig ist verdorbener Wein. Sowas nimmt man nicht zu sich.“ Weise ich darauf hin, daß er mit dem Tresterbrand Tsipouro selbst gern verdorbenen Wein zu sich nimmt, zuckt er die Achseln: „Και?“ Na und? Natürlich sind vor allem die Oliven selbst von besonderer Qualität. Die Ελιές Καλαμών, die Kalamataoliven, sind weltberühmt, Kalamataöl ebenfalls. Zu recht. Es ist köstlich. Am köstlichsten ist es kurz nach der Pressung, wenn es noch ganz grün ist. Man gießt hier ein wenig auf ein Tellerchen, gibt ein paar Körner Salz darauf und tunkt Weißbrot hinein. In Deutschland wird das auch in feineren italienischen Restaurants angeboten, aber mit italienischem Öl. Italienisches Olivenöl wird vielfach in Griechenland, Tunesien und anderswo billig eingekauft, in großen Betrieben mit ranzigem Lampantöl gemixt und als italienische Spitzenqualität exportiert, kaltgepreßt, extra vergine. Dagegen ist es den Griechen anscheinend nicht gegeben, ihr echtes Spitzenöl zu Spitzenpreisen zu vermarkten. Was nützt da der Weltruhm?

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In Deutschland ist es allerdings mit dem griechischen Weltruhm wegen der „Krise“ eh nicht weit her, und schon vorher dachten beim Stichwort Griechenland viele nur an weiße Rosen aus Athen, an die Akropolis, Tsatsiki, Souflaki, Krautsalat, Strand und Augusthitze. Es ist aber auch in Griechenland nicht das ganze Jahr über August, man kann im Winter ausgezeichnet frieren. Hier am Golf von Messenien gibt es überdies fürchterliche Gewitter.

gewitter

Wenn sich die schwarzen Wolkengiganten mit ihren Regenfahnen über die Bucht wälzen, überziehen Blitze kilometerweit den Himmel, andere zucken ins Meer, der Donner läßt die Fensterscheiben beben, dann ist das Monster plötzlich über einem, der Regen rauscht in dichten Kaskaden, und dann fällt gern der Strom aus. In solchen Momenten denkt man nicht an Krautsalat.

Überhaupt habe ich in Griechenland noch nie vorgefertigten Krautsalat gegessen. Die Speisen hier sind nicht die gleichen wie die in der deutschen Taverna Dionysos. Hier ist der Salat immer frisch, es gibt rote Bete mit Knoblauch, scharfe Schafskäsecreme, würziges Zucchiniblütengemüse, Auberginenfrikadellen, gefüllte Auberginen, Tomaten und Paprikaschoten, Moussaka (der übrigens auf der letzten Silbe betont wird), dann das wunderbare Stifado aus Kaninchenfleisch und Zwiebeln und vieles mehr. Man sollte freilich die griechischen Bezeichnungen kennen. In vielen Restaurants bringt die Bedienung zwar eine Speisekarte, in der alles auch auf englisch verzeichnet ist, doch bei der Lektüre stellt man schnell fest, daß man, was Speisen angeht, im Englischunterricht außer SteakChips und Salad nicht viel gelernt hat. Also bestellt man, was einem bekannt vorkommt. Dann kann es gut sein, daß der Kellner leicht den Kopf hebt und dabei die Augen schließt. Das ist ein höfliches Nein: das gewählte Gericht gibt es an diesem Tage nicht. Die Karte, der Κατάλογο, listet nämlich alles auf, was die Küche übers Jahr bieten könnte, doch gibt es keineswegs jeden Tag alles. Kleine Tavernen können insbesondere die vielen Backofengerichte wie Moussaka oder Pastitsio nicht alle gleichzeitig vorhalten. Am besten fragt man also, was vorhanden ist, dann bekommt man sofort alles genannt, was in der Küche wartet, und wenn es um Fleischgerichte geht, zeigt der Kellner auch gern am eigenen Körper, aus welchem Teil des Lamms, der Ziege, des Kaninchens das Gericht besteht. Bei der Bestellung darf man sich ruhig Zeit lassen. Griechen diskutieren jede Entscheidung ausführlich miteinander und mit dem Kellner. Gut essen will Weile haben.

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Grundsätzlich gilt: Fisch gibt es direkt am Meer, Fleischgerichte eher im Hinterland. Das Hinterland braucht in dem Fall nicht weiter als hundert Meter vom Wasser entfernt zu sein. Meine persönliche Neigung: am hellen Tage eher mal Fisch, abends eher Fleisch. Nicht aus Geschmacksgründen, sondern weil man im Dunkeln das Meer nicht sieht. Was Speisefische betrifft, kann ich keine Ratschläge geben. Ich bin froh, daß ich mir meine Lieblingsarten merken kann. Vor Jahren habe ich mal einen Wirt in holprigem Griechisch gefragt, was für Fische er habe. Die Antwort kam in Form einer heruntergerasselten langen Liste, dann die mokante Schlußbemerkung: „Die kennen sie alle, wie?“ Schön blöd von mir. Bei Fisch läuft die Sache nämlich anders. Wie in alten Zeiten, als man noch jede Speise in der Küche aussuchte, geht man auch heute dorthin, um sich zeigen zu lassen, was in den Kühlschubladen auf Eis liegt. Man entscheidet nach Appetit und Personenzahl, dann wird das Gewählte gewogen. So kann man gleich den Preis erfahren. Das ist gut, denn das Überfischen der Gewässer hat zu einer starken Teuerung geführt. Ab und zu muß ein schöner, großer Fisch aber auf den Tisch, mit Muße gegrillt, Zitrone und Kräuteröl dazu, knusprige Kartoffeln aus der Pfanne, frisches Weißbrot und Weißwein. So eine Mahlzeit dauert, und es kann in ihrem Verlauf vorkommen, daß der Kellner irgendwann ungefragt eine neue Karaffe Wein bringt und beiläufig etwas sagt wie από μας, von uns, geht aufs Haus. Niemand soll dürsten. Alle bedienen sich von allen Platten und Schüsseln, das macht das Essen abwechslungsreich und lebendig und erspart außerdem umständliche Einzelabrechnungen. Einer bezahlt am Ende alles und läßt sich von den anderen jeweils einen gleichgroßen Anteil wiedergeben. Es sei denn, er ist Grieche. In dem Fall bezahlt er alles und nimmt womöglich anschließend von niemandem einen Cent. Will man beim nächstenmal selbst Gastgeber sein, muß man sich sehr geschickt anstellen. Ich habe gegen Ende eines Essens mal behauptet, ich müsse meine Mutter anrufen, und habe in der Küche stickum die Rechnung beglichen. Das geht nun nicht mehr; vor einigen Monaten ist meine Mutter – immerhin hundertjährig – gestorben. Allaa hat mir sein Beileid ausgesprochen und mir warmherzig erklärt, ich möge nicht traurig sein – er werde mir dafür Lela schicken. Lela ist seine griechische Schwiegermutter.

Manchmal esse ich aber auch abends gern am Meer, und zwar in der Stadt. Kalamatas Strandpromenade ist kilometerlang und von erleuchteten Tavernen, Kiosken, Cafés und Bars gesäumt, manche traditionell, manche hochmodern und elegant. Dort pulsiert im Sommer ungeachtet der Krise das Leben. Überall schlängeln sich Kellnerinnen und Kellner mit vollen Tabletts zwischen den Autos hindurch, von den britischen Gästen respektvoll „Kamikaze waiters“ genannt. Für rollatorgewohnte deutsche Augen sind besonders die vielen jungen Leute ein erfrischender Anblick – flanierende Gruppen von Mädchen mit prachtvollen schwarzen Lockenmähnen, Jungs mit Tattoos und wüsten Haarschnitten; Blickwechsel, Begrüßungsküsse, ein ständiges Hallo. Von den älteren lassen einige die ganze Παραλία wissen, daß sie ein brüllend lautes Motorrad besitzen, das sich aufbäumen kann wie ein Mustang. Dann müssen die Alten in den Tavernen kurz ihr Gespräch unterbrechen – Ja ja, die Jugend.

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1 Hier der Schlangenadler:

vogel

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