Griechenland, Liebste II

„Das ist mein Auto“, sagt Nikos, der Tischler, „das habe ich bezahlt. Ich laß mir von niemandem Vorschriften machen, wie ich damit zu fahren habe.“ Er ist mit seinem alten Lieferwagen nicht etwa rasant unterwegs – er vertritt nur bezüglich der geltenden Verkehrsregeln eine Haltung, die viele Griechen zu teilen scheinen. Als ich erstmals in Athen einen Mietwagen in Empfang nahm, fragte ich den Vermieter nach der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit im Lande. Er sah mich irritiert an, dann hob er die Schultern. Das war die ganze Antwort. Eine andere habe ich auch später von niemandem bekommen. Ich hätte es natürlich nachlesen können und habe es inzwischen auch getan: In Ortschaften darf man offiziell höchstens 50 fahren, auf Landstraßen 90, auf Autobahnen 130. Sehr hilfreich ist dieses Wissen aber nicht. Ist die Straße breit und übersichtlich, kann es passieren, daß der Überlandbus hupend an einem vorbeizieht, während man mit 60 durchs Dorf fährt. Tempobegrenzungsschilder nimmt niemand ernst, nicht einmal die Polizei (solange ihr danach ist). Viele Verkehrszeichen sind verwittert und hängen auf Halbmast, viele fehlen ganz; so erkennt man die eigene Vorfahrt manchmal nur an der Rückseite des Stopschildes, hinter dem andere Autos warten, um einen vorbeizulassen. Geparkt wird praktisch überall. Wer etwa dringend am Kiosk Zigaretten holen muß, stellt sein Auto für einen Augenblick direkt davor ab, auch wenn der Wagen die Fahrspur blockiert und sich hinter ihm eine Schlange aufstaut. Tut sich im Gegenverkehr eine Lücke auf, so daß die Schlange vorbeiflitzen könnte, ist das genau der Moment, in dem der Zigarettenkäufer zurückkehrt, die Fahrertür weit öffnet und in aller Ruhe einsteigt. Sowas läßt die Polizei kalt. Einmal, als mein Koffer am Flughafen nicht auf dem Gepäckband erschienen war, sah ich in der abendlich zugeparkten Innenstadt keine andere Möglichkeit, als mein Auto in der zweiten Reihe abzustellen, um kurz vor Ladenschluß wenigstens noch das Allernötigste zu besorgen. Ich klappte die Außenspiegel ein und rannte los. Als ich mit meinen Tüten zurückkam, waren alle anderen Autos weg. Meines stand völlig allein mitten auf der Straße, davor stand ein Motorrad, und auf dem Motorrad saß ein Polizist. Der sah mich ratlos an und sagte: „Warum? Warum?“ Als er merkte, daß er es mit einem Ausländer zu tun hatte, winkte er seufzend: „Hau schon ab.“ Man kann sich als Deutscher vornehmen, die Regeln zu beachten, doch es fällt in diesem Umfeld schwer. Dafür fällt es leicht, auf keine Vorfahrt zu bestehen, sich auf unübersichtlichen Strecken ganz, ganz rechts zu halten und überhaupt ständig mit Unvorhersehbarem zu rechnen. Es kann jederzeit ein Überholer entgegenkommen, jemand kann mitten auf der Fahrbahn in ein Telefonat vertieft sein oder der Oma etwas Wichtiges auf der anderen Straßenseite zeigen wollen.

Das ist nicht unbedingt ein Grund zum Schmunzeln – die griechischen Unfallzahlen sind im Verhältnis viel höher als die deutschen. Ich will auf etwas anderes hinaus: darauf, daß des Tischlers Einstellung zur Straßenverkehrsordnung eine grundsätzlich andere Haltung der Griechen zur Obrigkeit erkennen läßt. Ihr zu mißtrauen und sich ihrer Kontrolle mit allen Mitteln zu entziehen, ist das Volk seit dem Altertum gewohnt, schließlich war es wie kein anderes fremden Mächten unterworfen, Römern, Franken, Venezianern, Genuesern, besonders den Osmanen. Es wäre ein Wunder, wenn die jahrhundertelange Unterdrückung den griechischen Charakter nicht beeinflußt hätte.

König-Otto

Nach der Vertreibung der Türken 1830 belohnten die europäischen Monarchen den Freiheitskampf der Griechen, indem sie ihnen Otto, den zweitgeborenen Sohn Ludwigs I. von Bayern als König schickten (daher das Blau-Weiß der griechischen Flagge), dazu eine Schar bayerischer Beamter, die aus Griechenland einen modernen Staat von Steuerzahlern machen sollten. Wer den Griechen heute die Entsendung deutscher Finanzbeamter andient, sollte wissen, daß schon die Bayern damals kläglich gescheitert sind. Wo Unbotmäßigkeit eine Überlebenstugend ist, hat es die Obrigkeit schwer; sie muß schon drastische Gewalt ausüben, wenn sie sich durchsetzen will, und entsprechend viel Gewalt haben die Griechen erfahren. Ihre letzte Diktatur, das Folterregime der Obristenjunta (zu welcher die konservativen deutschen Parteien enge Beziehungen unterhielten) endete erst 1974.

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Es war 1975. Drei griechenlandkundige Freunde von mir waren in einem VW-Käfer vorausgefahren, aus dem sie die Rücksitze ausgebaut hatten, um Platz fürs Gepäck zu schaffen. Jeweils einer hatte auf der ganzen Reise durch Deutschland, Österreich, Jugoslawien auf Seesäcken gesessen. Wir waren Studenten, ein Mediziner, ein Geologe und ein Jurist, ich selbst studierte Kunst und brannte darauf, endlich die Küsten des Lichts zu sehen. Ich hatte das Geld für meinen ersten Flug und obendrein für eine Spiegelreflexkamera zusammengekratzt. Vor der Landung knipste ich aufgeregt aus dem Fenster die Schiffe im Saronischen Golf. Die drei Musketiere holten mich ab, und als wir ins Freie traten, war es draußen so hell, daß die Umgebung des Flughafens Athen-Ellinikon weiß gleißend verschwamm. Ich hatte nie zuvor einen so rapiden Klimawechsel erlebt; während der Fahrt durch Piräus und die Straßen Athens kniff ich die Augen zusammen und hatte wenig von den flüchtigen neuen Eindrücken, kam erst abends wieder richtig zu mir, als die Sonne fort war und die Hitze nachließ. Wir aßen in einer Taverne, die den Sommer über von Tasso, einem griechischen Freund geführt wurde. Ansonsten ging er seinem Germanistikstudium in Deutschland nach. Sein Deutsch war verblüffend, er hatte eine diebische Freude an deutschen Wortspielen und erfand ständig neue; sein Akzent verlieh ihnen zusätzlichen, unfreiwilligen Witz. Soweit ich weiß, ist Tassos später vermögend geworden, indem er die griechischen Inseln mit Sonnenschirmen und Strandliegen belieferte.

Sein Essen war vorzüglich. Gegrilltes war mir natürlich nicht neu, aber ein ungeahnter Genuß erwartete mich: das „weiße Gold“, wie meine Freunde grinsend sagten. Tsatsiki! Ich mußte versuchen, die Zutaten zu erraten, dann wurden sie ausgiebig erörtert, und nach reichlich weißem Gold und reichlich Wein waren wir uns in der warmen Athener Nacht einig, daß sich mit Tsatsiki in deutschen Supermärkten ein Riesengeschäft machen lassen müsse. Heute steht es dort tatsächlich in den Regalen – dank diverser Konservierungsstoffe mit einer neuen Geschmacksnote.

In den folgenden Tagen bekam ich Athen gezeigt, wobei wir uns noch in vielen weiteren Tavernen stärkten. Wo immer wir eintraten, wurden wir in die Küche geführt. Das fertig zubereitete Essen wurde dort auf großen Blechen lauwarm gehalten, eines einladender als das andere. Ein besonders ungewohntes Gewürz: Κανέλα – Zimt! Ich erfuhr, daß die Vorliebe dafür von Griechen aus Kleinasien mitgebracht worden sei, als sie ihre Heimat dort verlassen mußten. Was die Sehenswürdigkeiten anging, war ich bereits vorab eingenordet worden: keine „Trümmer“, also keine antike Architektur, keine Touristenpfade. Zumindest nicht die ausgetretensten. Damit fiel die Akropolis schon mal flach. Stattdessen durchstreiften wir die Stadt. Ich fotografierte Häuser, Kioske, Türen, Barbierstuben, Losverkäufer, Cafés, wir erklommen den Lykavittos und verschafften uns weiten Überblick, wir fuhren in den holzverkleideten Wagen der Metrolinie 1 nach Piräus, wir grasten den Monastiraki-Flohmarkt in der Athener Altstadt ab. Dort gab es haufenweise bunten Touristenplunder, aber auch überquellende Antiquariate, in denen man stundenlang stöbern und neben Büchern so abwegige Dinge finden konnte wie Standfotos aus alten Filmen, eselsohrige Hochglanzbilder von Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart, Katharine Hepburn und Spencer Tracy. Auf einem Stapel direkt daneben fand ich eine Lithographie, die den „Helden des griechischen Aufstandes von 1821“ zeigt. Er ist entwaffnet, gefesselt und von grimmigen Türken umgeben, im Hintergrund wird bereits ein Feuer entfacht. Es muß sich um den vielbesungenen Freiheitskämpfer Athanasios Diakos handeln. Er führte 1500 Griechen gegen 8000 Osmanen ins Feld; bei den Thermopylen geriet er in Gefangenschaft und wurde hingerichtet.

Heros

Bei einem Trödler kaufte ich ein Reisegrammophon, ein Kästchen aus lackiertem Mahagoni. Man klappte es auf, die Platte wurde mit einer Mutter auf dem kleinen Plattenteller fixiert, die Feder aufgezogen, der Tonarm wurde aufgesteckt, und die Musik spielte.

terpophon

Auf dem Deckel waren unter dem Schriftzug „Τερπόφωνον“ antikisierende Szenen zu sehen, in denen es um Liebe und Schalmeienspiel ging, im Innern stand „Terpophon“. Das sollte offensichtlich „Freudentöner“ bedeuten, es konnte aber kein Grieche etwas dem Wort anfangen. Später stellte sich heraus, daß es ein Kunstwort war, von einer deutschen Firma 1920 fürs griechische oder philhellenistische deutsche Publikum erfunden. Was erklärt, warum im selben Trödel auch eine deutsche Schellackplatte lag. Es war „Herr Lehmann, was macht die Frau Gemahlin in Marienbad“ von Walter Jurmann. Das Lied ist auf äußerst alberne Weise anzüglich und traf genau unseren Geschmack. 1974 waren gerade die Comedian Harmonists wiederentdeckt worden, es gab sie auf Vinyl, wir kannten sie in- und auswendig. Mitten in der altehrwürdigen Wiege der Demokratie, im Angesicht der Antike sangen wir „Mein kleiner grüner Kaktus“ und „Wochenend und Sonnenschein“. Tassos hatte einen Freund, der seinerseits in Piräus den „besten Bouzoukibauer Griechenlands“ kannte. So kam ich zu einem Instrument, das, anders als die schwergewichtigen Bouzoukis, die ich aus Deutschland kannte, federleicht und schön laut war. Darauf konnte ich nun Herrn Lehmann begleiten.

Als wir schließlich zu den Inseln aufbrachen, blieben die gesammelten Schätze mitsamt dem Käfer bei Tasso. Wir bestiegen das Schiff lange vor Tagesanbruch. Im dichten Gedränge unter lauter Griechen mit unterschiedlichstem Gepäck waren auch Rucksacktouristen. Mit denen richteten wir uns auf dem Oberdeck ein, dort waren die besten Plätze schnell mit ausgebreiteten Schlafsäcken belegt. Die Maschinen liefen an, das Schiff erzitterte und legte ab. Mein großer Moment kam mit dem Sonnenaufgang. Ich sollte die „Rosenfingrige Eos“ der griechischen Mythologie mit eigenen Augen sehen. Die Göttin der Morgenröte kündigte sich mit einer kaum merklichen Violettfärbung des Himmels an; er begann sich schwach gegen den dunklen Rücken der Halbinsel südöstlich Athens abzuheben, dann überzog ihn das erste zarte Rosa, breitete sich langsam aus, spiegelte sich und brach sich auf dem Meer, umfing das Schiff, ließ alle Gesichter aufleuchten, wurde kräftiger und kräftiger, immer mehr Farben kamen hinzu, Gelb, Orange, Purpur, Türkis, Tiefblau, eine sanfte Lichtorgie. Und dann kam die Sonne. Ihr glühender Rand erschien über dem letzten Landzipfel, dem Kap Sounio, und schließlich erhob sie sich genau hinter dem Poseidontempel, der dort auf der äußersten Klippe steht. Er war ganz deutlich zu erkennen. „Da bist du platt“, sagte Axel, der Geologe. Ja, das war ich.

sunsetDies ist natürlich kein Sonnenaufgang, sondern Abendrot. An dem bewußten Morgen war ich viel zu platt zum Fotografieren.

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27. Juni. Letzte Nacht hat Regierungschef Tsipras ein Referendum angekündigt. Griechenlands Gläubiger verlangen für neue Kredite weitere, harte Sparmaßnahmen. Nun soll sich das Volk dafür oder dagegen entscheiden – eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Tsipras und seine Minister haben zum Nein aufgerufen und spielen damit auf die Geschichte an. Die Griechen feiern an jedem 28. Oktober den Επέτειος του ΟΧΙ, den Jahrestag des Nein, mit dem Machthaber Metaxas 1940 auf die unverblümte Forderung Mussolinis reagierte, man möge die italienische Armee in Griechenland einmarschieren lassen. Die Italiener kamen trotz des ΟΧΙ, wurden aber zurückgeschlagen. Dann kamen die Deutschen. Ihre blutige Terrorherrschaft ist unvergessen, zumal Deutschland bis heute Entschädigungszahlungen verweigert. So wird das Nein vieler Griechen zu den Sparforderungen ein trotziges Aufbegehren gegen Bevormundung, Repression und Demütigung werden. Nicht, daß es keine Zukunftsangst gäbe – kaum hatte Tsipras das Referendum angesagt, stürzten die Leute auf die Straßen, einige im Pyjama, um an den Geldautomaten soviel Bares wie möglich abzuheben. Heute mittag waren schon viele Automaten leer, vor den anderen standen immer noch lange Schlangen.

Über Kalamata entlud sich derweil ein krachendes Gewitter. Während aus dem dunklen Himmel das Wasser wie aus Eimern herunterklatschte, wurde in den Cafés heftig diskutiert. Den Griechen war zu allen Zeiten selbstverständlich, daß sich ihre Regierenden am Volk bereicherten, niemand war sich je im Unklaren über die herrschende Vetternwirtschaft, die Steuerhinterziehung, die Korruption. Und wer hätte sich folglich im Kleinen nicht schon derselben Mittel bedient? Wer hätte je eine ehrliche Steuererklärung abgegeben, wer möchte nicht so gewieft sein, dem Staat eine frühe Pension abzutricksen, wer hätte noch nie einen kleinen Umschlag über den Tisch schieben müssen in diesem Land, in dem mehr improvisiert wird als geregelt? Wer sich als Zugereister vor abenteuerliche Alltagsprobleme gestellt sieht, bekommt mitfühlend gesagt: „Willkommen in Griechenland.“ Niemand kann so gut auf die Griechen schimpfen wie die Griechen selbst. Es ist letztlich die Familie und es sind Beziehungen, die dem einzelnen Halt geben, und nun gibt es im besten Beziehungsgeflecht keine Familie mehr (Reiche ausgenommen), die nicht von den Folgen des Spardiktats betroffen wäre. Was jetzt? Tι να κάνουμε?

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Zum Abschnitt I der Griechenlandnotizen geht es hier.

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