Griechenland, Liebste III

Wir saßen im Schatten der Sonnensegel an Deck, genossen die salzige Brise und ließen blinzelnd die Ägäis vorüberziehen. Den Beschriftungen nach, die sich hier und da auf dem Schiff fanden, war es einmal eine Ostseefähre gewesen. Die durfte ihre klapprigen alten Tage nun auf dem Mittelmeer beschließen. In der Mittagszeit erreichten wir Serifos. Damals hingen noch nicht in jedem Reisebüro Bilder von Kykladenhäusern unter knallblauem Himmel, deshalb gingen mir beim Anblick des malerischen Inselhafens die Augen über. Eine zweite Siedlung war hoch oben zu sehen, eine Ansammlung weißer Würfelchen auf dem kahlen Felsenrücken. Als wir anlegten, warteten am Pier bereits Inselbewohner, die den Ankömmlingen Zimmer anbieten wollten. Eine Nacht kostete umgerechnet drei, vier Mark. Während sich die anderen Rucksäcke am Wasser einmieteten, stiegen wir den Berg hinauf und suchten uns dort eine Bleibe. Da oben gab es außer uns keine Fremden; im einzigen Kafeneion saßen nur alte Griechen, spielten Tavli und tranken griechischen Kaffee.

tavli

Wenn wir nicht über die Insel wanderten oder am Strand lagen, taten wir bald ganze Tage lang dasselbe. Ich lernte, daß man Mokka bestellt, indem man „einen Puren“ ordert, „einen Süßen“ oder „einen Mittleren“, und daß das Tavli, die alte griechische Form des Backgammon, in drei aufeinanderfolgenden Varianten gespielt wird. „Das ist kein Glücksspiel!“, betonte Axel, solange er gewann. Zuallererst sollte ich aber „die schönste Bucht der Welt“ sehen. Sie war nur mittels eines langen, schweißtreibenden Fußmarsches zu erreichen, durch sengende Hitze und Zikadengezirpe, über Stock und Stein und Geröll und verdorrtes Land. Aber der Weg lohnte sich. Ich habe tatsächlich nie eine schönere Bucht gesehen. Sie war weitläufig und doch geschützt, man spazierte, aller Kleider ledig, auf feinem gelben Sand in glasklares Wasser. Das Meer bot zwischen Ufer und Horizont alles an Farben auf, was von leuchtendem Gelbgrün über Coelinblau bis Ultramarin überhaupt nur denkbar ist. Außer uns waren, wenn überhaupt,  stets nur zwei, drei andere dort. Kein Wunder bei dem Weg. Einmal bewältigten ihn vier deutsche Studentinnen; sie suchten zunächst Kontakt, fanden uns aber ziemlich bald doof – alberne Kerle, die in der schönsten Bucht der Welt den kleinen grünen Kaktus und Herrn Lehmann besangen.

Andere Wanderungen führten uns zu entfernten Dörfern und Aussichtspunkten, wir sahen uns Kirchen an und Kapellen. Als wir hörten, daß in Panagia in den Bergen ein Fest vorbereitet werde, brachen wir dorhin auf und wurden, kaum eingetroffen, zu Gästen; wir mußten essen und trinken und mitfeiern, Widerspruch zwecklos. Frieder, der Mediziner, erwies sich als sprachgewandtester Gesellschafter. Er verstand den ganzen Abend jedes griechische Wort, nickte lebhaft und sagte: „Ναι, ναι! Ναι!“ Zweifel an seiner Sprachfertigkeit kommen mir gerade erst. Der nächtliche Heimweg war beschwingt. Ich sehe uns noch wie verrückt einen holprigen Maultierpfad hinunterrennen – einfach so, aus lauter Lebensfreude. Keiner sah die Hand vor Augen, aber unsere Sprünge waren sicher wie die von Ziegen.

Irgendwann zog es uns schließlich weiter, und wir bestiegen wieder ein Schiff. Ich weiß nicht mehr genau, welche Route wir nahmen; ich erinnere mich aber gut an Kalymnos. Unser Ziel war Patmos. Die Insel mit ihrem Kloster und ihren pittoresken Gäßchen ist inzwischen so oft fotografiert und beschrieben worden, daß sie keiner Schilderung bedarf. Obwohl damals noch manches anders war. Zum Beispiel gab es in keinem Lokal Musikberieselung, und man konnte sich auch nicht mit Bussen zu jedem beliebigen Strand fahren lassen. Dennoch war Patmos schon damals eine sehr lebendige kleine Welt, ein besonders beliebtes Reiseziel mit zahlreichen Fährverbindungen. Unter den Besuchern waren Briten, Deutsche, Franzosen, Schweden, Holländer, sogar Amerikaner. Ab und zu legte ein Kreuzfahrtschiff an und entließ seine Gäste für ein paar Stunden an Land. Dann verwandelte sich plötzlich jedes Inselhäuschen am Weg in einen Andenkenladen. Tutete das Schiff zum Aufbruch, waren die Kettchen, die Ledergürtel und der Keramiknippes wieder von den Türschwellen verschwunden.

Unsere Zimmer lagen diesmal näher am Hafen. Die Besitzer hatten ihre Wohnung den Sommer über für Touristen geräumt; an den Wänden hingen fromme Wandbehänge und Ikonen, daneben gerahmte Schwarzweißfotos: steife Hochzeitsbilder, die schnurrbärtige Verwandtschaft, handretuschiert, teils handkoloriert. Die Bettgestelle waren betagte metallene Schmuckstücke mit Messingknäufen und anderen Verzierungen. Eines Morgens wurde ich von Gesang geweckt. Es waren schöne, klare Männerstimmen, sie kamen aus dem nahen Priesterseminar. Ich blieb still liegen, hörte zu und stand erst auf, als das Singen beendet war. Wir hatten die Ruhe weg. Wir studierten unsere Reiseführer, ohne hastig Sehenswürdigkeiten abzuhaken, wir folgten unserem jeweiligen Tagesbedürfnis nach Strand und Meer, einer Runde Tavli oder eben neuen Eindrücken. Wir hatten Zeit.

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5. Juli, Volksabstimmung. Die Medien berichten hektisch, was das Zeug hält, allerdings kann niemand das Ergebnis voraussagen. Es gab Demonstrationen pro und kontra; das Volk ist gespalten, heißt es, Befürworter und Gegner des Spardiktats lägen gleichauf. Vor den Geldautomaten standen gestern immer noch Schlangen, die Banken gaben nur an Rentner ein wenig Geld aus. Im Fernsehen wurde ein alter Mann gezeigt, der unter Tränen erklärte, er bekomme keines und habe nichts mehr zu essen. Tsipras hat seinen Aufruf zum Nein bekräftigt; Griechenland dürfe sich nicht länger erpressen lassen. Die Vertreter der Eurogruppe haben dagegen ihr verschmähtes Vertragsangebot als großzügig gelobt. Jean-Claude Juncker, der Präsident der EU-Kommission, hat mit bewegter Stimme erklärt, er fühle sich verraten. Wer vergessen hat, daß Juncker als Luxemburgs Premier alles getan hat, um sein Land zu einer Steueroase für Großkonzerne zu machen, war gerührt. Tsipras’ härtester Gegner, der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, der einst dabei erwischt wurde, wie er sich von einem Waffenhändler einen Umschlag mit 100.000 Mark zustecken ließ, ist auf der Beliebtheitsskala der Deutschen ganz nach oben gerutscht, weil sie davon überzeugt sind, daß er ihr fleißig erarbeitetes Steuergeld rechtschaffen verwaltet. Die korrupten Griechen sollen sitzenbleiben, weil sie ihre „Hausaufgaben nicht gemacht“ haben. Kritische Geister vertreten verhalten die Auffassung, es seien auf allen Seiten Fehler begangen worden. Dafür spricht, daß sich ausnahmslos alle Seiten selbst bedauern. Zumindest die Griechen haben allen Grund dazu. Ansonsten gibt es nichts Neues. Die Presse muß trotzdem unablässig Neuigkeiten abfeuern. Soeben wurde gemeldet: „Ende des Griechenlanddramas nicht absehbar“. Aha.

In Kalamata herrscht die gewohnte Sonntagsruhe. Die Taxifahrer haben kaum zu tun. An ihrem Stand in der Nedontasstraße pflegen sie ein ganz eigenes Sparprogramm. Wer von einer Tour zurückkommt, stellt seinen Wagen vorne an, neue Kunden nehmen den hintersten in der Reihe. Ist der Platz dort freigeworden, wird er ausgefüllt, indem alle anderen Fahrer das leichte Gefälle der Einbahnstraße nutzen, um ihre Taxis ein Stück zurückzuschieben. So muß keiner den Motor anlassen.

An den Stränden herrscht Andrang wie an jedem anderen Julisonntag, auch die Tavernen am Meer sind lebhaft besucht. Die Griechen lieben ihr Wochende. Gut so. Es würde die Lage kein bißchen bessern, wenn alle schwitzend daheimblieben.

Noch etwas Gutes: die Zeit der Stinkwürmer scheint vorüber zu sein. Den kleinen Tierchen ist der Sommer zu heiß und zu trocken. Im feuchten Frühjahr können sie ländlich gelegene Häuser zu Hunderten und Tausenden überfallen, dann bedecken sie die Außenwände und Treppen und schaffen es auch ins Innere. Tritt man versehentlich auf eines drauf, knackt es, und es verbreitet sich ein penetranter Geruch, der an schmorende Elektrik erinnert. Man darf Stinkwürmer keinesfalls mit dem Staubsauger bekämpfen, sonst verwandelt er sich für immer in einen Stinkwolkenstrahler, egal, wie oft man den Beutel wechselt. Die Bezeichnung Stinkwürmer ist zoologisch nicht korrekt, denn es handelt sich eigentlich um Tausendfüßler. Die Griechen nennen sie Βρωμοκουτσέλες, was aber auch nichts anderes heißt als Stinkwürmer. Die anderen Haustiere sind kein Problem. Es gibt Spinnen aller Art, darunter rosafarbene Walzenspinnen von bis zu acht Zentimetern Grüße, doch sie tun einem ja nichts. Sie umgehen die Mückengitter an den Fenstern, indem sie ins Haus spurten, wenn man die Tür öffnet. Gelegentlich tut es ihnen eine Eidechse oder ein Gecko gleich. Schlangen, Skorpione und Skolopender lassen sich selten sehen, Heuschrecken und Gottesanbeterinnen dafür umso zahlreicher, außerdem jede Menge Käfer. Das Daseinssziel des griechischen Käfers besteht darin, eine geflieste Terrasse zu finden, auf der er sich in Rückenlage begeben und aus dem Leben scheiden kann. Letzte Woche hat sich abends eine Fledermaus ins Haus verirrt. Sie flatterte lange darin umher, obwohl ich alle Fenster und Türen aufgemacht hatte und ganz still wartete. Als sie endlich in die Nacht entschwand, war bestimmt eine ganze Spinnenarmee einmarschiert. Letztes Jahr hatten wir Hornissen, eigentlich keine aggressiven Tiere, dennoch eine Warnung: viele Deodorants enthalten Duftstoffe, die bei Hornissen einen Nestverteidigungsreflex auslösen. Dann fliegen sie die desodorierte Achsel an wie Kampfjets und stechen zu.

gottesanbeterin

walzenspinne

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Das dritte Reiseziel des Sommers  steuerten die Musketiere wieder von Athen aus an, diesmal mit dem Käfer. Wir fuhren mit weit offenen Fenstern nach Norden, setzten nach Evia über und nahmen dort die südliche Küstenstraße. An einem weißen Kiesstrand blieben wir hängen; er war so schön, daß wir beschlossen, über Nacht zu beiben. Zwei machten sich auf den Weg ins nächste Dorf, um etwas zu essen und zu trinken zu besorgen, und kamen mit Brot, Wein und Ziegenkoteletts zurück. Die grillten wir abends über einem Treibholzfeuer, würzten sie mit Salz und Zitrone und aßen, während die Sonne unterging, die Dämmerung einsetzte und das Abendrot verblaßte. Dann lagen wir träge auf dem Rücken, rauchten und unterhielten uns. Abgesehen von den Sternen war es stockdunkel, als Jochen, der Jurist, plötzlich sagte: „Das Meer leuchtet.“ Alle setzten sich auf. Es stimmte. Das Meer leuchtete. Magisch! Es schimmerte blaugrün vor dem dunklen Horizont, und wo die Wellen sich auf dem Kies brachen, glomm der Schaum in hellen Streifen auf. Nach einer ungläubigen, sprachlosen Minute sagte einer: „Das ist Phytoplankton, die Algen leuchten.“ Egal, wir mußten ins Wasser. Axel war der erste, der sich in glitzernde Gischt hüllte, wir anderen folgten, schwammen, tauchten unter, ruderten mit Armen und Beinen helle Spuren ins warme Leuchtmeer.

Einem Höhepunkt ganz anderer Art steuerten wir am nächsten Tag zu. Um einen Eindruck vom waldigen Norden der Insel zu bekommen, waren wir lange in einem Geflecht kleiner Straßen und Wege unterwegs gewesen, bis wir gegen Abend wiederum einen großartigen Platz am Wasser fanden. Von einem Felsplateau aus öffnete sich der Blick auf eine Bucht, die in ihrer kühlen Farbigkeit fast ein wenig skandinavisch wirkte.

mückenmorgen

Die neuen Grillkoteletts erwiesen sich indessen als schwer genießbar, das Tier war ein älteres Modell gewesen. Außerdem waren wir müde. Das Aroma von Hammeltalg am Gaumen, zogen wir uns in unsere Schlafsäcke zurück und schnürten sie zu. Nur die Gesichter blieben draußen. Wir schliefen tief und ruhig unter den Sternen, doch das Aufwachen am nächsten Morgen fühlte sich seltsam an. Es war schwer, die Augen aufzubekommen, und es war ein noch seltsameres Gefühl, sie zu reiben. Den Grund erkannten wir, als wir einander sahen. Wir waren überfallen worden – von Stechmücken. Es mußten Hunderte gewesen sein. Wir waren entsetzlich verquollen, auf unmenschliche Weise entstellt. Aus Jochens Augenlidern waren derart vorspringende Wülste geworden, daß er nicht mal seine Sonnenbrille aufsetzen konnte. Es war grauenhaft.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß einer von uns im Leben noch einmal so anhaltend Tränen gelacht hat wie an diesem Morgen.

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6. Juli. Das Referendum hat eine deutliche Mehrheit fürs Nein ergeben. Finanzminister Varoufakis tritt trotzdem zurück, angeblich, um einem moderateren Nachfolger Platz zu machen. Zuvor hatte er den Gläubigern Terrorismus vorgeworfen. Der Generalsekretär der bayerischen CSU ist über das Ergebnis der Abstimmung empört: „Die linken Erpresser und Volksbelüger wie Tsipras können mit ihrer schmutzigen Tour nicht durchkommen.“ Ach du liebes Europa.

Beim Abendessen im Dorf hat sich vorhin ein Freund zu mir gesetzt und das Gespräch sofort auf das Schuldenfiasko gebracht. Es gibt derzeit kein anderes Thema. In gewissem Maße, meinte er, seien alle daran schuld, aber die größte Schuld trage wohl Griechenland. Manchmal zwingen einen bescheidene Sprachkenntnisse, den Punkt zu treffen; ich sagte: „Schuld? Wir sind nicht in der Kirche, Giorgo. Die Frage, die ich mir stelle, lautet: Wo ist das ganze Geld eigentlich jetzt? In Griechenland ist es nicht.“

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Zum Abschnitt I der Griechenlandnotizen geht es hier.

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