Griechenland, Liebste IV

Die Heimfahrt schafften wir in einem Rutsch, da wir einander am Steuer abwechseln konnten. Jetzt schliefen natürlich immer zwei auf Seesäcken, umgeben von Bouzouki, Grammophon und anderen Mitbringseln. Daheim angekommen, lief ich anfangs recht verloren umher. Meine Freundin Hilde fand mich ziemlich aufgewühlt. Ich brachte die gelben Kodak-Filmkapseln zur Entwicklung, wartete ungeduldig auf die Dias, staubte meine Gitarren ab, suchte in der Akademie meine Aquarellpinsel wieder in den Griff zu bekommen und schilderte meinen Mitstudenten, was ich erlebt hatte.

Mein Kommilitone Jan war sofort fasziniert, und als ich ihm die ersten Fotos zeigte, war für ihn klar, wo seine nächste Reise hinführen mußte. Er war ein exzellenter Maler, seine kleinformatigen Bilder waren perfekt durchkomponierte Farbwunder. Ich habe ihn nach dem Studium nie wiedergesehen, habe seinen Namen auch nie im Zusammenhang mit Ausstellungen gehört, trotzdem bin ich überzeugt, daß er sein Leben lang unermüdlich weitergemalt hat. Und noch jemanden steckte ich mit meiner Begeisterung an: Bernd, den Musikstudenten, mit dem ich gemeinsam Gitarrenstücke und Lieder schrieb. Wir spielten als Duo auf Kleinkunstbühnen, halfen im Mainzer „Unterhaus“ aus und produzierten regelmäßig Musikbeiträge fürs ZDF. Auch der Kontakt zu ihm riß nach dem Studium ab. Vor drei Jahren war seine Stimme plötzlich am Telefon. Dachte ich. Es war aber sein Bruder, der mir stockend mitteilte, daß Bernd gestorben war. Ihn hätte ich gerne wiedergesehen. Zu spät.

Damals aber waren alle und alles lebendig, und gleich im Jahr darauf fuhren wir zu dritt auf die Dodekanes, das Archipel der Zwölf. Wir flogen nach Athen, von dort nach Rhodos, und dann ging es Insel für Insel nach Norden. Im folgenden Sommer mußte auch Hilde mit; sie glühte nicht gerade vor Reiselust, doch sie vertraute mir. Ich legte ihr festes Schuhwerk und sachlich-robuste Kleidung nahe. Ihr Rucksack war das einzige ordentliche Gepäckstück, alles andere war ein wildes Sammelsurium, was daran lag, daß wir diesmal auch malen und musizieren wollten. „Du brauchst einen Malstuhl“, hatte mir Jan erklärt, „du kannst nicht malen ohne Malstuhl.“ So wurden Seesäcke, Gitarrenkoffer, eine Kiste mit Aquarellutensilien und zwei Campingklappstühle zu bizarren Bündeln verschnürt. Als es soweit war und ein abenteuerliches Ensemble nach dem anderen auf dem Gepäckband des Frankfurter Flughafens hinter der Gummiklappe verschwand, wechselten wir unsichere Blicke. Mit Recht. Außer Hildes Rucksack kam nichts in Athen an.

Statt in Piräus unser Schiff zu besteigen, suchten wir uns Hals über Kopf ein einfaches Hotel. Von dort aus fuhren wir mit Taxis kreuz und quer durch die Stadt, um Schmincke-Aquarellfarben und Marderhaarpinsel aufzutreiben. Das war ungefähr das Dümmste, was man im Athener Hochsommer tun konnte, denn es gab weder das eine noch das andere. Immer wieder fuhren wir zum Gepäckschalter am Flughafen. Tagsüber schwitzten wir uns so von einer Enttäuschung zur anderen, nachts erschlugen wir Moskitos und komplettierten das ohnehin schon blutige Tapetenmuster der Hotelzimmer. Ich war nervös und unduldsam, Hilde, vergib mir. Nach vier quälenden Tagen waren endlich alle fehlenden Gepäckstücke eingetroffen.

bernd

Am Tag darauf ging ein Schiff nach Folegandros, und wir konnten der Absteige Adieu sagen. Während der Überfahrt wunderten wir uns über die ungewohnt große Zahl der Rucksacktouristen. Einige stiegen aus, als wir in Kythnos, Serifos und Sifnos anlegten, noch mehr in Milos, die allermeisten aber gemeinsam mit uns in Folegandros. Dort wurden wir tiefnachts in randvollen Booten an Land gerudert. Am nächsten Morgen trafen wir an jeder Ecke andere Rucksacktouristen, hörten neben englischem viel rheinischen, hessischen, schwäbischen Zungenschlag. Als sich im Kafeneion am Nebentisch zwei Tübinger Studenten über ihre Seminararbeiten ausließen, brauchten wir einander nur zuzunicken, und es war klar: wir fahren weiter.

Den Kykladen den Rücken kehrend nahmen wir gleich am folgenden Nachmittag die Achilleus nach Kalymnos. Morgens um neun waren wir da, und dann kam Schwung in die Sache. Beim Frühstück am Hafen erfuhren wir von Booten, die uns noch am selben Tag nach Leros und weiter nach Lipsi bringen konnten. Der Taxifahrer, der uns auf Leros von Boot zu Boot fuhr, deutete unterwegs vielsagend aus dem Fenster: „Die Verrückten!“ Die Insel war nicht nur für ihre elenden psychiatrischen Anstalten berüchtigt, sie hatte auch der Obristenjunta als Konzentrationslager gedient. Zum Glück wartete das Kaiki wirklich, klein, mit einem orangeroten Sonnensegel.

jan

Im offenen Wasser wurden wir von Delphinen begleitet. Sie schwammen vor uns her, tauchten auf und ab, legten sich immer wieder auf die Seite, um zu uns heraufsehen zu können. Wir lagen am Bug auf dem Bauch und sahen zu ihnen hinunter. Erst kurz vor unserem Ziel drehten sie ab.

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8. Juli. NTV meldet, Athen habe in Brüssel neue Rettungshilfen beantragt und wolle morgen neue Reformvorschläge übermitteln. Fürs Wochenende ist ein allerletztes Gipfeltreffen angekündigt. Danach ist endgültig alles zu spät. Auf griechisch: spät.

Heute früh habe ich mich lange vor einem Geldautomaten angestellt und anstandslos den üblichen Maximalbetrag bekommen. Den bekommen Griechen nicht. Ich habe mich mit meinem Reichtum verstohlen davongemacht und im Café in Akrogiali gefrühstückt. Das Geschirr dort ist neu, die Teller bestehen nicht mehr aus dickem griechischem Ionia-Porzellan, sondern kommen aus China. Die Firma Ionia ist pleite und Geschichte. Unverändert stehen auf den Tischen die in ganz Griechenland verbreiteten Serviettenständer aus Blech. Sie bergen neben den kleinen Papiertüchlein gläserne Salz- und Pfefferstreuer und Zahnstocher. Der Serviettenstapel steckt, diagonal gefaltet, so im Halter, daß man nur mit größter Kunstfertigkeit eine einzelne herausziehen kann; man erwischt fast immer mehrere oder gleich alle. Gut so! Soll so bleiben.

Es ändert sich schon genug. Akrogiali war noch bis vor kurzem nur durch eine schmale Straße vom Meer getrennt. Ihren Rand bildete eine Betonmauer, gegen die jeden Winter riesige Brecher wüteten und fußballgroße Steine auf die Häuser schleuderten. Alle meerseitigen Türen und Fenster mußten mit dicken Bohlen geschützt werden. Ließ der Sturm nach, mußte ein Radlader kommen und den Weg wieder freiräumen.

steine

Mit der Gewalt des messenischen Golfes ist nicht zu spaßen. In Kardamyli, elf Kilometer weiter südlich, gibt es einen Anleger, ein Betonplateau, das im Dezember 1988 während eines wütenden Sturmes in regelmäßigen Abständen von einer fürchterlichen Woge überflutet wurde. Drei junge Polizisten machten sich damals den tollkühnen Jux, mit einem Jeep auf die Platte zu fahren, um im letzten Moment vor Anrollen der Riesenwelle Gas zu geben und wieder zu verschwinden. Dies ist die Gedenktafel, die an die drei erinnert.

Gedenktafel

In Akrogiali war die Mole einmal so demoliert, daß sie wochenlang nicht mit dem Auto befahrbar war. Nun hat man sieben mächtige Wellenbrecher ins Meer hinaus gebaut und die Zwischenräume ein ganzes Stück weit mit Steinen und Kies aus dem Fluß gefüllt. Wo zuvor Wasser war, gibt es jetzt Parkplätze und neue Sonnenschirme und Tische. Dagegen sprechen höchstens nostalgische Gründe, und die zählen angesichts solchen Winterwetters nicht. Immerhin sprechen sie für unpraktische Serviettenständer. In vielen Lokalen stehen trotz Rauchverbotes auch Aschenbecher auf den Tischen. Ich versteige mich nicht zu der Behauptung, Griechenland sei das einzige Land, in dem das Rauchen noch gesund sei, merke nur an, daß die in Kalamata produzierten Zigaretten der Firma Karelia ausgezeichnet sind. Daß Kalamatas Olivenöl ausgezeichnet ist, habe ich schon gesagt. Nach Brüsseler Vorschrift dürfte mir der schnauzbärtige Wirt meines Stammlokals das, was er auf dem Grundstück nebenan erntet, eigentlich nur in einem „besonders verschlossenen und nicht wieder auffüllbaren Gefäß“ hinstellen. Er hat aber zum Glück noch alle Tassen im Schrank – und Ölkaraffen obendrein. Gut so! Soll so bleiben.

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Lipsi war, was wir erhofft hatten. Es gab einen kleinen Hafen, eine freundliche Taverne namens Delfini, unzählige Stellen, die zum Malen einluden, abgelegene Orte, an denen Bernd seine Querflöte auspacken und üben konnte, es gab einen wundervollen Sandstrand (allerdings war auch dieser nur nach langem Fußmarsch erreichbar), und wir fanden eine Unterkunft in einem alten Häuschen. Wer Griechenland kennt, weiß, daß sich alte Häuschen dort nicht durch sanitären Luxus auszeichneten. Unsere Dusche war der Gartenschlauch, was nicht weiter schlimm war; unangenehm war hingegen, daß das Abwasserrohr der Toilette zu eng war, um Toilettenpapier aufzunehmen. Deshalb stand dafür, wie überall auf den Inseln, ein Eimer bereit. Der Gedanke daran ist unschön, aber ich kann ihn ehrlicherweise nicht unterschlagen. Immerhin habe ich kein Wort über Schiffsklos verloren und werde es auch nicht tun.

Jede Schiffsankunft war eine Sensation. Die Menschen strömten ans Wasser, jeder Ankömmling wurde gründlich in Augenschein genommen, Waren wurden ausgeladen und eingeladen, es kamen Zeitungen, es kam die Post, es kamen Neuigkeiten aus der fernen Welt. Ein Morgen ist mir besonders in Erinnerung, an dem das Schiff schon von weitem mit klagenden Rufen begrüßt wurde. Laut weinende Frauen sammelten sich an der Mole, dann schwoll das Wehgeschrei an: ein Zinksarg wurde aus dem Schiff ins Boot gehoben, an Land gerudert und in großem Zuge zur Kirche getragen. Ein junger Inselgrieche war als Gastarbeiter in New York zu Tode gestürzt und nun am Ende seiner letzten Heimfahrt.

Sich der Inselgemeinschaft zu entziehen, war unmöglich. Man wurde ganz selbstverständlich gefragt, wo man herkam, welchen Beruf man habe, ob man verheiratet sei, ob man Kinder habe und so fort. Hinter den Fragen steckte nicht nur Neugier, sondern vor allem der Wunsch, Zuwendung zu zeigen und sich mit dem Gegenüber vertraut zu machen. Ein wildfremder Grieche konnte kopfschüttelnd vom Nebentisch aufstehen und einem vorführen, wie der Fisch richtig zu essen sei. Ein anderer leitete das Gespräch jeweils ein, indem er uns Gurken schenkte. Wir nahmen sie mit zum Malen oder aßen sie am Strand.

Natürlich gab es außer uns noch andere Rucksacktouristen, aber nicht übermäßig viele. Zwischen Hilde und mir trat zeitweilig eine gewisse Kühle ein. Sie hatte feststellen müssen, daß sie unter lauter modisch leichtgeschürzten Mädels die einzige sachlich-robuste Frau mit festem Schuhwerk war.

An einem Abend, als die anderen bereits schlafen gegangen waren, saß ich lange mit dem Wirt des Delfini zusammen. Ich habe wohl danach gefragt, jedenfalls kamen wir auf den Krieg zu sprechen und darauf, was auf den Inseln geschehen war. Mir wurde wieder bewußt, daß ich in meiner ganzen Schulzeit nichts darüber erfahren hatte, wo Deutsche überall eingefallen waren und was sie angerichtet hatten. Die Lehrer hatten nicht darüber gesprochen, mein Vater auch nicht. Auch Wassilis erzählte nur zögernd. Ein deutscher Fallschirmjägerangriff war ihm schmerzlich in Erinnerung. „Alles voller Fallschirme“, sagte er und breitete die Arme zum Himmel aus. „Die armen jungen Kerle. Die meisten noch in der Luft totgeschossen.“ Deutsche Greueltaten ersparte er mir. Er sah keinen Sinn in späten Schuldzuweisungen. Der ganze Krieg war ihm ein Grauen, mit dem meine Generation nichts zu tun habe. Lieber sprach er über den aufblühenden Inseltourismus. Nach Samos kämen die Leute jetzt schon von überallher mit dem Flugzeug und brächten Geld in die Hotels und Geschäfte – eine gute Sache. Ich stimmte zu, meinte aber, es sei zu hoffen, daß das Geld auch auf den Inseln bleibe und nicht nur in die Kassen großer Touristikkonzerne flösse. Er grinste und verschwand einige Minuten in der Küche. Dort richtete er eine Platte mit roten und weißen Melonen für uns an. Als er sie auf den Tisch stellte, sah ich, daß er er aus den einzelnen Stücken ein Bild gelegt hatte: Hammer und Sichel. Sie wurden restlos verputzt.

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10. Juli. Tsipras hat den Gläubigern gestern nacht ein vom griechischen Parlament abgesegnetes neues Verhandlungsangebot geschickt. Die deutschen Medien zeigen sich baß erstaunt, denn angeblich sagt er nicht nur ja zu allem, was er vor dem Referendum abgelehnt hat, sondern geht sogar darüber hinaus. Dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble reichen die Vorschläge trotzdem „bei weitem nicht“. Man wisse im übrigen nach all dem Hin und Her ja gar nicht, was die Griechen überhaupt wollen. Schäuble seinerseits hat das großzügige Angebot der EU glatt vergessen.

Immerhin ist erst einmal alles wieder offen – bis auf die Banken. Der griechische Geldverkehr kommt zum Erliegen, das Benzin geht aus, Nahrungsmittel und Medikamente werden knapp, heißt es in Deutschland. In Kalamata merkt man nichts davon. Die Last-minute-Buchungen deutscher Urlauber sind trotzdem um ein Viertel zurückgegangen. Mein Freund Hans-Werner, seit 30 Jahren Wahlgrieche, will im Nachbardorf seinen 70sten Geburtstag feiern und hat halb Deutschland dazu eingeladen. Selbst er bekommt nun Absagen. Von den Festvorbereitungen hält ihn das nicht ab; gestern hat er sich von seinem Nachbarn Dimitri einen Pickup geliehen, um mehr Tische und Stühle zu besorgen. Dabei hat er gemerkt, daß dem Wagen die Rückspiegel fehlen. Kein Problem, sagt Dimitris: er fährt nie rückwärts.

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Zum Abschnitt I der Griechenlandnotizen geht es hier.

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