Griechenland, Liebste V

Gisela war entsetzt: „Was?! Fahrts da bloß ned hin!“ Auch Joachim riet uns dringend ab: „Agathonisi ist total unwegsam, da gibts rein gar nix, nur inzestuöse Deppen und Sadisten.“ Gisela und Joachim waren ein tiefgebräuntes, faltiges Ehepaar aus München, das wir am Strand kennengelernt hatten. Gisela schüttelte sich. „Die ham da kaum Wasser, und Toiletten hams gar keine.“

Wir lasen im Reiseführer nach. Laut Grieben von 1973 war Agathonisi eine „kleine, oft unbewohnte Weide- oder Leuchtturminsel“. Konnte man dort wohnen? Wassilis Sohn Michalis war davon überzeugt und ging los, um für uns zu telefonieren. Er kam strahlend zurück: „Have sleep, have eat!“

Vor der Abfahrt saßen wir bis um drei Uhr nachts im Delfini. Wassilis schenkte uns für die Reise ein Riesenstück Schafskäse, acht hartgekochte Eier und eine Flasche Tsipouro. Um halb vier erschienen die Lichter der Panormitis, und nach vielen Umarmungen stiegen wir ins Boot, um uns hinüberrudern zu lassen. Eine Reihe von Fischerbooten passierte uns; sie hatten große Lampen an Bord, mit denen die Fische angelockt werden sollten. Hilde sah zurück auf das schwach erleuchtete Lipsi und sagte leise: „Tausendundeine Nacht“.

Patmos, Arki, dann Agathonisi. Wir liefen in eine weite Bucht ein, dort gab es vier, fünf Häuser am Wasser, auf dem Berg rechts ein kleines Dorf, auf dem Hügel links gegenüber ein winziges Dorf. Als die Ruderboote längsseits kamen, rief ein Mann, der uns mit unserem Gepäck bereitstehen sah: „Αυτό δεν είναι Σάμος ακόμα!“ – „Das ist noch nicht Samos!“ Am Ufer wurden wir aber erwartet, schließlich waren wir telefonisch angekündigt. In Μεγάλο Χωριό, dem „großen Dorf“, wartete ein wunderschönes weißes Häuschen mit zwei großen Zimmern auf uns, mit Toilette (!) und einem weinlaubbeschatteten, abgeschlossenen Hof davor. Ein grünes Lattentörchen führte von dort nach draußen. Das mußte ich malen.

pforte

Αγαθονήσι heißt „gute Insel“, und das war sie, obwohl sie weder über Elektrizität noch fließendes Wasser verfügte. Oben gab es ein Lädchen, man bekam auch griechischen Kaffee, zum Essen mußten wir hinunter ans Meer. Gleich am ersten Abend saßen wir, obwohl eigentlich todmüde, so lange auf der kleinen Mole direkt am Wasser, bis der Vollmond hoch am Himmel stand und die ganze Bucht silbrig schimmern ließ.

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12. Juli. Europa tagt und tagt. Schäuble hat gestern einen auf fünf Jahre befristeten Grexit vorgeschlagen. Die italienische Tageszeitung „Il Messaggero“ titelt „Berlin zieht die Mauer wieder hoch“ und zitiert Ministerpräsident Matteo Renzi, der gesunden Menschenverstand einfordert. „Zu Deutschland sage ich: genug ist genug.“ Aus Amerika sind befremdete Stimmen zu hören. Man wundert sich darüber, daß Berlin eisern daran festhält, den Griechen mittels Rezession auf die Beine helfen zu wollen, und betont Griechenlands geostrategische Bedeutung. Es müsse doch möglich sein, ein Land vom wirtschaftlichen Gewicht Hessens in der Eurozone zu halten. 80% der Deutschen ist das schnurz: die Griechen haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht.

Sie machen sie gerade schon wieder nicht, sondern bevölkern den Strand. Wie können sie sich den leisten? Ich habe vorhin (am Sonntag!) das Auto waschen lassen, μέσα και έξω, innen und außen. Drei Griechen haben bei 32 Grad im Schatten eine Dreiviertelstunde lang gewaschen, gewienert, gesaugt und gewischt. Preis: acht Euro.

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Gleich im Jahr darauf zog es mich wieder nach Agathonisi. Ich fand alles unverändert, die wenigen Häuser am Meer, den kleinen Laden, den Weg hoch ins Dorf, die Leute am Ufer, die auf frisches Brot, Getränkenachschub und die Post warteten. Zwei, drei Gestalten standen bis zu den Knien im Wasser. Wie sich herausstellte, waren es keine Touristen, sondern auf der Insel stationierte Soldaten. Sie hatten ihre Uniformhemden über der Brust zusammengeknotet und trugen ansonsten nur Badehosen. Agathonisis Einwohnerzahl lag immer noch bei 120, dazu kamen vereinzelte Rucksacktouristen, die nur kurz blieben. Noch kürzer waren die Aufenthalte der Sportsegler, die ein, zwei Tage in der Bucht ankerten, um mal an Land zu essen und die Eingeborenen zu fotografieren. Im Dorf oben bekam ich ein Zimmer mit einer kleinen Terrasse davor, unter der sich die Zisterne befand. Man hob einen Deckel und schöpfte das Wasser mit einem Blecheimer heraus. Neben dem Bett stand eine Petroleumlampe.

Daß ich diesmal alleine gekommen und der einzige Fremde war, brachte mich in eine ungewohnte Situation. Das wurde mir Ende der zweiten Woche klar. Alle freundlichen Fragen, alle Antworten waren ausgetauscht. Meine neue Gitarre war bewundert worden, meine Spielkünste weniger. Das griechische Musikempfinden ist ganz und gar melodisch orientiert; verzwickte Harmoniewechsel und kniffliges Fingerpicking stoßen auf taube Ohren. Außerdem hören auch Griechen am liebsten Lieder, die sie schon kennen. Mir fiel als einziges „Ein Schiff wird kommen“ ein, und selbst das wurde recht bald nicht mehr verlangt. Gespräche, die über simpelste Zusammenhänge hinausgingen, waren wegen meiner mangelnden Griechischkenntnisse unmöglich, also saß ich Tag für Tag still da, sah aufs Meer, klimperte vor mich hin oder las. Dabei streiften mich mehr und mehr spöttische Blicke. Ich war eindeutig dabei, mich zum Inseldeppen zu entwickeln. Kein Wunder – ich konnte nur wenige Worte stammeln, grinste jedermann an und war offenbar zu keiner sinnvollen Tätigkeit fähig.

Die Wende kam, als mein letztes sauberes T-Shirt aufgebraucht war. Ich hatte Wasser, ich hatte Waschmittel, jetzt fehlte noch ein Bottich. Ich trug zwei Frauen meinen Wunsch vor. Sie sahen sich mein pantomimisches Wäscherubbeln breit lächelnd an und ließen es sich mehrfach vorführen, obwohl sie mich garantiert schon beim erstenmal verstanden hatten, dann holten sie eine Zinkwanne. Als ich damit abzog, prusteten sie unterdrückt. Ich hörte auch verhaltenes Kichern, während ich das Ding aufstellte, den Zisternendeckel hob und den Eimer hinunterließ. Die Erklärung: die Wanne war undicht. An den Nähten lief unten heraus, was ich oben einfüllte. Ich gab mich ungerührt und begann zu waschen. Die Wanne leerte sich, ich füllte nach, wusch, sie leerte sich, ich füllte nach und stand in einem See aus schäumendem „Rei in der Tube“. Entzückte Juchzer von ferne. Da kam mir ein Gedanke. Ich schlenderte ins Haus und wühlte ein Zaubermittel aus dem Seesack: Zweikomponentenkleber. Damit bestrich ich die offenen Nähte und wartete gelassen, bis er ausgehärtet war. Danach wusch ich meine T-Shirts, meine Jeans, meine Unterhosen, Hemden, Socken, Handtücher, einfach alles. Das Kichern war verstummt. Als meine Wäsche sauber auf der Leine hing, brachte ich die Wanne mit unbewegter Miene zurück.

Am nächsten Tag war ich im ganzen Dorf gefragt. Ich dichtete Plastikschüsseln und Wannen, Petroleumlampen, Fensterscheiben, reparierte sogar eine Harpune. Mein Ruhm strahlte von Haus zu Haus heller. Vangelis, der Junge mit der Harpune, zeigte sich erkenntlich, indem er mich zum Schnorcheln einlud.

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13. Juli. Tsipras hat weiteren, extraharten Sparauflagen zustimmen müssen, um Verhandlungen über ein weiteres „Hilfspaket“ für sein Land in Aussicht gestellt zu bekommen. Wie es heißt, liegt der griechische Bedarf bei 86 Milliarden Euro. Davon sollen 50 Milliarden aus dem Verkauf griechischen Tafelsilbers bestritten werden und in einen Treuhandfonds wandern, von dem die griechischen Schulden abgetragen werden. Der Rest dürfte vor allem für Zinszahlungen draufgehen wie bisher; für Investitionen sind nur 12,5 Milliarden vorgesehen Die deutschen Medien begrüßen den „Kompromiß“, im Ausland ist eher von Erpressung die Rede. Bleibt abzuwarten, wie die griechische Linke reagiert. Einige Minister haben schon ihre Ablehnung angekündigt, fast 30 Syriza-Abgeordnete haben sich angeblich von Tsipras abgewandt. Eine Parlamentszustimmung, von der EU schon für übermorgen gefordert, wird nur mit den Stimmen der Opposition zu machen sein.

15. Juli. Thomas Strobl, Chef der CDU in Baden-Württemberg, hat in einem Interview erklärt: „Der Grieche hat jetzt lang genug genervt.“ Die öffentliche Diskussion in Deutschland hält sich hartnäckig auf Grundschulniveau, als bestehe das Problem darin, daß die Griechenklasse sich frech aufführt, der Giannis das Hemd wieder nicht in der Hose hat und der Alexis sein Heft nicht ordentlich führt.

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Die Dorfjugend unter Wasser zu begleiten, war eine famose Erfahrung. Schon damals war der Fischbestand der Ägäis geschrumpft, aber die Jungs wußten immer, wo Beute zu finden war, sie kannten jeden Fisch, ihnen blieb kein Oktopus verborgen, mochte er seine Farbe noch so geschickt den Felsen anpassen. Anfangs noch als staunender Beobachter dabei, wurde ich bald zum Gehilfen der Schnorchlergang; es erwies sich nämlich, daß ich von allem am tiefsten tauchen konnte. Ich bekam den Oktopus gezeigt („Mann, da unten sitzt er doch, siehst du den nicht? Da, direkt vor deiner Nase!“), ich bekam die Harpune, und ab gings in die Tiefe. Zuvor hatte man mir gruselige Geschichten von Tauchern erzählt, die von starken Fangarmen auf dem Meeresgrund festgehalten worden seien. Dorthin kam ich zunächst nur mit viel Gezappel. Der Körperauftrieb behinderte mich. „Du brauchst einen Bleigürtel, Ερρίκο!“, sagte Vangelis. Der nächste Fischer, der mit seinem Boot das nahe Samos ansteuerte, bekam Geld mit und den Auftrag, den Gürtel und gleich auch noch neue Flossen und eine Harpune für mich zu besorgen. Damit war ich unabhängig und konnte auch auf eigene Faust Wasserwanderungen unternehmen. Manchmal stieg ich schon morgens ins Meer, erkundete ein langes Küstenstück und kehrte erst nachmittags zurück. Während solcher Touren mußte ich viele Male zitternd vor Kälte an Land klettern und mich auf dem nächstbesten Felsen in der Sonne aufwärmen. Danach ging es jedoch stets mit unverminderter Leidenschaft weiter. Daß meine Ausbeute armselig war, störte mich nicht. Ich glitt schwerelos durchs Wasser und freute mich über jede Flosse, die ich sah. Der Spott der Fischer war gutmütig: „Na, Erriko, guter Fang?“ – „Πόσα κιλά έχεις?“ Ich hob grinsend meine ein, zwei Fischchen und stieg zähneklappernd an Land.

Irgendwann hatte ich genug gefroren und fuhr selbst auf einem Kaiki mit nach Samos, um mir einen Neoprenanzug zu kaufen. Es gab auf der ganzen Insel nur einen einzigen, wie sich zeigte, und der war mir zu groß. Ich nahm ihn trotzdem, dann wartete ich im Boot auf die Rückfahrt. Es wurde spät, es wurde Abend; als die Nachtkühle kam, blieb mir nichts anderes übrig, als in die schwarze Gummimontur zu steigen. Ich wollte schon einschlafen, als ich endlich Schritte hörte. Es waren aber nicht die Fischer, sondern zwei Touristinnen, die schreiend das Weite suchten, als ich mich erhob. Meine Leute kamen erst am nächsten Morgen.

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Zum Abschnitt I der Griechenlandnotizen geht es hier.

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