Griechenland, Liebste VI

Meine Fischzüge wurden allmählich etwas ergiebiger. Manchmal reichte es sogar für ein Abendessen. Andonis, der Besitzer der Taverne am Meer, war zuvor als Chefkoch auf einem Schiff gefahren und bereitete mir zu, was ich mitbrachte. Beklagte ich, schon wieder keinen Oktopus gefangen zu haben, ging er nach draußen, schlenderte am Ufer entlang, griff zwischen den Felsen ins Wasser, und da war meine Mahlzeit. Er sprach Englisch; mit ihm verstand ich mich jeden Tag besser. Auch unter den Soldaten gewann ich Freunde. Sie wetteiferten darin, mich Griechisch zu lehren: Kopf – Κεφάλι, Auge – Μάτι, Mund – Στόμα, Nase – Μύτη.

Irgendwie lernte ich, mein verständnisloses Touristengrinsen abzulegen, ich bekam eine leise Ahnung vom sozialen Gefüge der Insel und spürte immer größeren Respekt davor, wie die Menschen ihr Leben auf diesem abgelegenen Felsen meisterten. Alles und jeder schien seinen Platz zu haben, man ging sorgsam mit den Dingen um. Es gab keinen Supermarkt, wo man sich aus vollen Kühltruhen hätte bedienen können; für jedes der seltenen Feste mußten Ziegen geschlachtet werden. Es war eindrucksvoll zu sehen, mit welcher Sorgfalt ein Tier zerlegt wurde wie eine Frucht, und war das Fleisch dann duftend gegart und gewürzt, wußte man es zu würdigen.

Das schönste Fest wurde die Hochzeit meines Freundes Andonis. Sie war von langer Hand vorbereitet. Unter anderem waren zwei Musiker bestellt worden, und für Andonis stand fest, daß ich die beiden begleiten mußte. Mir selbst war mulmig dabei. Es würde ausschließlich Inselmusik gespielt werden, traditionelle Lieder und Tänze, von denen ich keine Ahnung hatte; ich wußte nur, daß mich allein schon ihre Rhythmik überfordern würde. Am Tag der Hochzeit sah ich beim Gang durchs Dorf Stamatia, die Braut, durch ihre offene Haustür. Sie trug bereits ihr weißes Kleid und den Schleier – und weinte. Als sie mein betroffenes Gesicht sah, lachte sie: die Tränen seien Tradition, die Braut müsse zeigen, wie sehr es sie schmerze, ihre geliebten Eltern zu verlassen.

stamatia

____________________________________________

16. Juli. Das griechische Parlament hat den Sparauflagen zugestimmt, Tsipras hat jedoch, wie erwartet, die Regierungsmehrheit verloren. Die Bildzeitung ruft für den Herbst griechische Neuwahlen aus.

Heute war ich im Rathaus, dem Δημαρχείο. Es steht in Kambos, dem Verwaltungssitz der Region. Das Dorf liegt oben in den Hügeln, doch der direkte Weg dorthin ist viel zu holprig für mein kleines Auto, deshalb mußte ich einen Umweg am Meer entlang machen. Am rechten Rand der Sandovaschlucht führt eine asphaltierte Straße den Berg hinauf und stößt oben auf eine größere, die den Süden der Halbinsel Mani mit Kalamata verbindet. Ein paarhundert Meter weiter liegt Kambos verschlafen in der Sonne. Außer dem Rathaus gibt es einen kleinen Supermarkt, eine byzantinische Kirche, eine Tankstelle, Cafés, eine Ölmühle und das Grundbuchamt. Das Grundbuchamt ist ein kleiner Raum voller Regale, in denen vollgestopfte Ordner und vergilbte Bücher lagern. In einem steht irgendwo auch mein Name: Έριχ Φιρχ. Eine umfassende, digitalisierte Liegenschaftskarte gibt es nicht; das Ganze ist eher eine Sammlung ungeprüfter Eigentumserklärungen. Die Ländereien sind anhand von Kaufverträgen und vagen, oft veralteten Grenzbeschreibungen dokumentiert. Bräute bekamen als Mitgift früher ρίζες, „Wurzeln“, Olivenbäume, die dann zum Land des Mannes gehörten – oder auch nicht. Heutzutage werden topographische Zeichnungen erstellt; sie müssen für Baugenehmigungen eingereicht werden, passen aber nicht unbedingt zu den Zeichnungen der Nachbargrundstücke. Schwarzbauten sind natürlich gar nicht registriert. Seit Jahren wird daran gearbeitet, ein Kataster für ganz Griechenland zu erstellen; 3000 Inseln, 15000 Kilometer Küste und 132000 Quadratkilometer Land sind zu erfassen, doch das Dickicht aus Ansprüchen, Rechten, Widersprüchen und Widerständen scheint undurchdringlich.

Wer wissen möchte, wie das Land dennoch in die Währungsunion aufgenommen werden konnte, sollte die Frage an diejenigen richten, die es aufgenommen haben. Es wußten schließlich alle über den Mißstand Bescheid – und nicht nur über diesen. Griechenland, heißt es, habe sich den Euro-Beitritt 2001 mit gefälschten Defizitzahlen erschlichen. Von Schleichen konnte indessen keine Rede sein. Es war kein Geheimnis, daß die Zahlen nicht stimmten; wer es wissen wollte, brauchte nur die Zeitung aufzuschlagen. Man wollte es aber nicht wissen, denn die Aufnahme Griechenlands war nun einmal der innige Wunsch aller Europäer, namentlich jener, die mit dem neuen Mitglied einträgliche Geschäfte machen wollten.

____________________________________________

brautpaar

Für die Kirche zog ich mein bestes Hemd und frischgewaschene Jeans an, zur abendlichen Feier brachte ich meine Gitarre mit. Die beiden Musiker begrüßten mich freundlich. Einer spielte Laouta, ein lautenförmiges Instrument, auf dem er die Töne so anschlug, daß einige Saiten stets offen mitschwangen, der andere war Geiger. Ich bemühte mich, möglichst lautlos zu spielen und zählte im Geiste die ständig wechselnden Takte. Andonis feuerte mich an: „Lauter, Erriko, lauter!“ Es wurde ausgiebig gegessen und getrunken, Geiger und Laoutaspieler nahmen mehr und mehr Fahrt auf, während ich mich von einem Musikstück zum anderen mogelte. „Lauter, Erriko, lauter!“ Es wurde im Kreis getanzt, dann wieder wirbelten einzelne Tänzer, ein Tuch schwenkend, in gewagten Sprüngen in die Mitte und führten die anderen an. Geiger und Laoutaspieler bekamen unentwegt Drachmenscheine zugesteckt, in die Hemdtaschen, in den Kragen, zwischen die Wirbel der Instrumente. Irgendwann gab ich die Taktzählerei auf und spielte einfach mit. Dabei kam mir zugute, daß viele Lieder immer wiederkehrten, so daß sie sich schließlich einprägten. Es half mir auch, daß mein Glas niemals leer war, und daß mir niemand meine falschen Töne übelnahm. Ich verstand von den fröhlichen Gesprächen ringsum kein Wort und gehörte doch dazu.

Die Hochzeit endete dort, wo sie begonnen hatte. Als die Sonne aufging, zog die ganze Gesellschaft durchs Dorf zur Kirche, die Musik vorneweg. Danach fiel ich ins Bett wie ein Stein und schlief bis weit in den Nachmittag hinein. Erst ein Klopfen an der Tür weckte mich. Es waren den Laoutaspieler und der Geiger. Sie brachten mir meinen Anteil an der Gage. Ich wehrte mich mit Händen und Füßen, erklärte, es sei doch mein Freund, für den ich gespielt hätte, ich könne mich unmöglich dafür bezahlen lassen. Aber ausgeschlossen – αποκλείεται, ich mußte das Geld annehmen. Es war eine Menge. Dabei war meine Zeit um, der Sommer war fast vorüber, ich war ein Vierteljahr auf Agathonisi gewesen, ich mußte nach Hause.

Die Panormitis brachte mich nach Samos. Als Abschiedsgeschenk hatte ich unter anderem einen getrockneten Oktopus bekommen, der sein Aroma meterweit um mich verbreitete. Auf Samos war das Vorzimmer des Schiffahrtskontors von Touristen belagert, die keine Passage mehr nach Piräus bekommen hatten, weil das Schiff bereits ausgebucht war. Ich legte einige große Drachmenscheine in meinen Paß, stieg über die Rucksäcke hinweg, ging ins Büro und schloß die Tür hinter mir.

____________________________________________

17. Juli. Der Deutsche Bundestag hat sich für Verhandlungen über neue Griechenland-Kredite ausgesprochen. Tsipras hat alle Gegner des Spardiktats aus seinem Kabinett geworfen. Das Land wird weiter die Medizin bekommen, die es jeden Tag kränker macht.

„Was solls,“ sagt Allaa, „ich hab so oder so kein Geld.“

Ich sehe immer noch auf den blauen Golf von Messenien, und ich bin dankbar dafür. Ich weiß, es gibt viel belesenere Griechenlandkenner als mich, und es gibt andere, die sich dem Land weniger verbunden fühlen und dennoch seine Anziehungskraft spüren; das Internet ist voller begeisterter Reiseberichte. Wieder anderen mag es nur um Strand und Meer, um sonnige Ferien und ein wenig Folklore gehen. Das ist alles in Ordnung. Wir können nicht alle das Gepäck vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte und dazu noch die Probleme der Gegenwart mit uns herumschleppen. Wir dürfen aber dieses wunderschöne, eigensinnige, chaotische Hellas, seine Menschen und seine lange Geschichte nicht in dummen Klischees spiegeln. Es hat Achtung verdient. Es hat Bewunderung verdient. Es ist ein einzigartiges Geschenk für jeden, der es mit Herz und Verstand zu würdigen weiß.

mond

____________________________________________

Zum Abschnitt I der Griechenlandnotizen geht es hier.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s