Gegendarstellung

Ich weiß, ich habe gewissen Anlaß zu meiner Einlieferung gegeben. Ich mache auch keinen Hehl daraus, daß ich mich nicht an alle Einzelheiten erinnere. Zugleich warne ich aber davor, mir jede kleine Gedächtnislücke als Umnachtungsbeweis auszulegen. Ich sage mit allem Nachdruck: das Geschehen ist mir zumindest in groben Zügen so präsent, daß ich der Darstellung des Finanzamtes glasklar widersprechen kann und muß. Ich gebe zu, ich war aufgebracht, es mag auch sein, daß meine Wortwahl barsch war. Ich schließe nicht einmal aus, daß ich kleinere Gegenstände zur Hand genommen und in Richtung des Sachbearbeiters geworfen habe. Der Bürostuhl gehörte jedoch nicht dazu, da bin ich absolut sicher. Den Stuhl habe ich aus reinem Selbstschutz erhoben, um mich gegen Herrn Schultes angreifende Kolleginnen und Kollegen zu verteidigen. Die Behauptung gar, ich hätte „wie ein Wahnsinniger getobt“ und „drei Steuerinspektoren unter einem deckenhohen Regal begraben“, ist absurd; ich bin mit meiner Körperlänge von einszweiundsiebzig weder groß genug für solche Kraftakte, noch bin ich athletisch. Außerdem hatte ich während meines Behördenganges fast ständig eine Aktentasche in der Linken. Wenn Herr Kevin Schulte heute behauptet, in dieser Tasche habe sich der Kanister befunden, so ist das eine glatte Lüge. Die Aktentasche enthielt nichts als Steuerunterlagen, über das Benzin weiß ich nichts.

Übrigens konnte ich im anschließenden Chaos draußen recht gut hören, was Schulte den Psychologen und Seelsorgern über mich erzählte: ich hätte mit heruntergelassener Hose auf dem brennenden Schreibtisch des Amtsleiters gehockt und auf die Ausgangspost gekotet. Ich muß doch sehr bitten. Herrn Schulte ist zwar nachzusehen, daß er zu diesem Zeitpunkt hysterisch gegen die Löschkommandos und die Martinshörner ankreischte; angesichts seiner bizarren Schilderung stellt sich aber schon die Frage, warum ausgerechnet ich einer Zwangseinweisung unterzogen wurde und nicht er. Vermutlich hätte ich nicht offen sagen sollen, daß ich noch immer Instruktionen von John Lennon erhalte, aber hören Sie – in meiner Branche ist jeder zweite dreimal so meschugge wie ich.

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