Bauchland II

Wir Deutschen wissen, was wir an unserem Bauch haben: ein solides Polster gegen die Wirklichkeit. Sie braucht uns nicht groß zu kümmern, solange er frei entscheiden kann. Als wir in treuer Gefolgschaft des Führers die Welt in Trümmer gelegt und ein Schlachthaus mit 80 Millionen Toten aus ihr gemacht hatten, dauerte es nicht lange, bis uns der Bauch wieder schwoll; wir ließen uns im Wirtschaftswunderland von Ernst Neger „heile, heile Gänsje, ´s wird alles wieder gut“ vorsingen und begannen mit der Wiederbewaffnung.

Von Waffen verstehen wir etwas, deshalb ist es peinlich, daß die Bundeswehr das unzulängliche Sturmgewehr G36 ausmustern mußte, wo es doch made in Germany war. Auch die Volkswagenaffäre liegt uns im Magen, dies allerdings weniger wegen deutschen Ingenieurversagens, sondern weil wir im Gegensatz zu allen anderen Autobauern mit einem saudummen Betrug aufgeflogen sind.

Das Bauchgefühl hat ja nichts mit Anstand zu tun. Es ähnelt eher dem Gewissen. Das Gewissen, hat Mark Twain gesagt, ist die heimliche Sorge, es habe uns vielleicht doch jemand beobachtet. Aus Gewissensgründen können wir beispielsweise nicht unbeschwert bei H & M oder Esprit einkaufen. Deren Klamotten werden in Asien für Hungerlöhne gefertigt, weshalb wir im Facebook zum Boykott solcher Läden aufrufen. Das sorgt für ein gutes Bauchgefühl. Das und das neue Outfit.

An dem Beispiel wird ein besonderer Vorzug des Bauches deutlich: er verkraftet mühelos jede Unvereinbarkeit. Dank seiner können wir uns für die Gleichstellung der Frau und gleichzeitig für Toleranz gegenüber einem offen frauenfeindlichen Islam stark machen. Widersprüche sind für den Bauch kein Problem; wir können strenge Kontrollen der EU-Außen-grenzen mit dem Argument fordern, die deutschen Grenzen seien unkontrollierbar, Aufnahmeobergrenzen können wir selbst angesichts überquellender Flüchtlingsunterkünfte locker ablehnen, wir können besorgte Bürger als Nazis bloßstellen und unserem besorgten Nachbarn unter vier Augen leise zustimmen.

Die Zurückweisung hilfebedürftiger Ausländer wäre unmenschlich. Ihr ungebremster Zustrom ruft andererseits immer mehr Ablehnung im Volke hervor, Ängste, Fremdenfeindlichkeit, Gewalt. Die Situation schreit nach ruhig Blut, nach Realismus und Pragmatismus. Für den Bauch ist es hingegen wichtiger, sich auf der richtigen Seite zu fühlen. Selbst wenn es keine richtige gibt, weil wir vor einem Dilemma stehen.

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