Augstein voll verstrahlt

Nach der Kölner Silvesternacht ist soviel Blödsinn verfaßt worden, daß ich nicht gedacht hätte, mich könnte noch etwas zum Staunen bringen. Jakob Augstein hats geschafft. Sein gestriger Artikel „Lust der Angst“ auf Spiegel Online ist verblüffend. Und zwar inhaltlich wie sprachlich. Es ist immer die Narrheit am peinlichsten, die am lautesten auf die Kacke haut.

„Wir erleben“, so Augstein, „ein Land im Zustand der sozialpsychologischen Kernschmelze: Kultureller Hochmut gegenüber dem Islam verbindet sich mit der Abwehr des eigenen Sexismus.“

Was ist wohl eine sozialpsychologische Kernschmelze? Explodieren unsere braven deutschen Sozialpsychologen? Ist hochsozialpsychologisches Material unkontrolliert in die Umgebung gelangt? I wo, Augstein hat bloß nach starken Worten gesucht. Und vielleicht ist Hochmut gegenüber Religionen grundsätzlich unangebracht, mag die eine oder andere auch im siebten Jahrhundert steckengeblieben sein und ein entsprechendes Frauenbild pflegen. Wieso sollte ich allerdings nicht meinen eigenen Sexismus abwehren, wenn er mich mal wieder überkommt? Bestimmt sollte ich das; Augstein hat wohl nur Abwehr mit Leugnung verwechselt. Das legt zumindest seine Argumentation nahe.

Sie geht so:

Seit Köln glauben die Deutschen, guten Gewissens Rassisten sein zu dürfen. Beweis: Heiko Maas habe die Übergriffe einen „Zivilisationsbruch“ genannt, „ein Wort, das bislang für die Shoa vorbehalten war“. Ein weiterer Beweis: Cem Özdemir habe die Taten als „grässlich“ bezeichnet. „So, als seien in Köln Frauen verspeist, nicht beraubt und bedrängt worden.“ Wer Frauen Gräßliches antun will, muß sie demnach schon schlachten und fressen; sie bloß einzukesseln und festzuhalten, ihnen die Kleidung herunterzureißen und sie im Schritt zu befingern, reicht nicht, das ist nicht gräßlich.

Beim somit sauber nachgewiesenen deutschen Rassismus bleibt es aber nicht; es kommt noch schlimmer – er verschmilzt mit dem deutschen Sexismus! Letzteren belegt Augstein so: „Das deutsche Sexualstrafrecht ist rückständig. Es wäre ein Leichtes, die Istanbul-Konvention zu ratifizieren. Jede nicht einverständliche sexuelle Handlung wäre dann endlich unter Strafe gestellt. Das ist in Deutschland immer noch nicht der Fall.“ Zwar ist das in Deutschland sehr wohl der Fall, so Thomas Fischer, Bundesrichter in Karlsruhe. Allein, als Politologe und Theaterwissenschaftler hat Augstein einen anderen juristischen Horizont, und so kann er folgern: „Das Interesse an Gesetzen, die Frauen wirksam vor männlicher Zudringlichkeit schützen, ist nur dann groß, wenn es um die Zudringlichkeit von Ausländern geht. ‚Unsere’ Frauen missbrauchen wir bitte selbst. So sieht es aus, wenn Sexismus und Rassismus sich treffen.“

Augstein, kann es sein, daß Dir so langsam die sozialpsychologischen Brennstäbe schmelzen?

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