Journalismus von oben

Nach Silvester schien der Beweis erbracht, daß es in Deutschland tatsächlich so etwas wie „Lügenpresse“ gibt; die Kölner Vertuschungsversuche waren nicht zu vertuschen. Eine freie Mitarbeiterin des WDR namens Claudia Zimmermann wurde in einer niederländischen Radiosendung darauf angesprochen und gefragt, ob sie über Flüchtlinge positiv berichten müsse, und gestand: „Wir sind eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt und darum angehalten, ich sag mal, das Problem in einer mehr positiven Art anzugehen.“ Es sei klar, daß infolge der öffentlich-rechtlichen Gebührenfinanzierung eher im Sinne der Regierung als im Sinne der Opposition berichtet werde.

In der Tat, wer jemals für einen öffentlich-rechtlichen Sender gearbeitet hat, kennt das mild-unnachsichtige Klima, das dem Erfolgsstreben eines jeden fürsorglich die Richtung weist. Ich war deshalb kein bißchen verwundert, als Frau Zimmermann sich wenig später für ihre Äußerungen entschuldigte: „Ich habe an dieser Stelle Unsinn geredet. Ich bin niemals als freie Journalistin aufgefordert worden, tendenziös zu berichten oder einen Bericht in eine bestimmte Richtung zuzuspitzen.“ Die Unterwürfigkeit wird ihr nichts nützen. In ein paar Monaten wird sie eine gewesene Mitarbeiterin sein.

Jetzt hat ein weiterer Journalist offene Worte gefunden. Wolfgang Herles, jahrelang in leitenden Positionen beim ZDF, hat vorgestern im Deutschlandfunk erklärt:

„Wir haben ja das Problem – jetzt spreche ich wieder überwiegend vom öffentlich-Rechtlichen – daß wir eine Regierungsnähe haben. Nicht nur dadurch, daß überwiegend so kommentiert wird, wie es der großen Koalition entspricht im Meinungsspektrum, sondern auch dadurch, daß wir vollkommen der Agenda auf den Leim gehen, die die Politik vorgibt. Das heißt: die Themen, über die berichtet wird, werden von der Regierung vorgegeben. Es gibt aber viele Themen, die wären wichtiger als das, was die Regierung – die natürlich auch ablenken will von dem, was nicht passiert, aber das, was nicht passiert, ist oft wichtiger als das, was passiert, wichtiger als die Symbolpolitik, die betrieben wird. Also wir gehen der Agenda auf den Leim, und es gibt tatsächlich – das muß ich jetzt an der Stelle doch noch mal segen, weil es ja eine öffentliche Diskussion ist – es gibt tatsächlich Anweisungen von oben; auch im ZDF sagt der Chefredakteur: „Freunde, wir müssen so berichten, daß es Europa und dem Gemeinwohl dient“, und da braucht er in Klammer gar nicht mehr dazusagen „wie es der Frau Merkel gefällt“. Solche Anweisungen gibt es, gab es auch zu meiner Zeit; es gab eine schriftliche Anweisung, daß das ZDF der Herstellung der Einheit Deutschlands zu dienen habe – und das ist was anderes als zu berichten, was ist. Wir durften damals nichts Negatives über die neuen Bundesländer sagen, heute darf man nichts Negatives über die Flüchtlinge sagen. Das ist Regierungsjournalismus, und das führt dazu, daß Leute das Vertrauen in uns verlieren. Das ist der Skandal.“

Die kritisierten Medien werden das verlorene Vertrauen unbeirrt dadurch wiederherzustellen suchen, daß sie alle Vorwürfe zurückweisen und ihren volkspädagogischen Auftrag umso eifriger erfüllen. Die Rechte darf sich freuen.

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