Nochmal Schmähkritik

Ein Facebookfreund hat mich auf einen Artikel aufmerksam gemacht, den der Jurist Alexander Thiele (Uni Göttingen) zur Causa Böhmermann verfaßt hat. Thiele geht die Sache etwas anders an als die anderen todernsten Verfechter der Meinungsfreiheit, gerät am Ende aber auf denselben Holzweg wie sie. Er wertet das Gedicht zunächst ganz richtig als völlig realitätsferne („fiktive“) Schmähkritik und versteift sich auch nicht auf den Begriff Satire. Für letzteres gibt es ja auch keinen Anlaß, denn wie ich schon einmal angemerkt habe, kritisiert Satire Mißstände oder Fehlverhaltensweisen mittels deren überzeichneter Darstellung – und davon ist bei Böhmermann nichts zu sehen. Kritisiert er, daß die Meinungsfreiheit in Deutschland eingeschränkt sei? Nein. Daß sie in Deutschland zu groß sei? Nein. Kritisiert er Erdogan? Auch nicht. Was will er also sagen? Offensichtlich nix. Um die Meinungsfreiheit dennoch ins Spiel zu bringen, findet Thiele den Dreh, einen „edukatorischen“ Gehalt im Kontext der Verse zu sehen: Böhmermann habe die Grenzen der Meinungsfreiheit verdeutlichen wollen.

Das ist Blödsinn. Eine Absicht zur Volkserziehung ist bei Böhmermann ebensowenig zu erkennen wie eine kritische. Seien wir realistisch: der Mann ist ausgewiesener Krawallkomiker. Ich bitte dies als Kompliment zu verstehen. Er hat ein seltenes Talent dafür, Geschehnisse aufzugreifen, welche die Volksseele gerade aufwühlen, und einen dicken Haufen draufzusetzen. Nehmen wir den Varoufakis-Stinkefinger, den Jauch in seiner Talkshow benutzte, um das Ansehen des damaligen griechischen Finanzministers zu beschädigen. Ein Filmschnipsel wurde so mit Hintergrundmusik und Kommentar aufbereitet, daß ein völlig falscher Eindruck entstand. Satirische Kritik daran hätte Jauchs bösartige Manipulation bloßgestellt und ihn selbst als Lügner lächerlich gemacht, doch damit hielt sich Böhmermann nicht auf. Er behauptete frech, den Film selbst manipuliert zu haben, versetzte die Öffentlichkeit in helle Verunsicherung und konnte am Ende lachen: verarscht, verarscht! Alle verarscht!

Liebe Leute, Böhmermann ist weder ein Volkserzieher noch ein satirischer Feingeist, Böhmermann ist ein Verarscher, und zwar ein großer. Er hat die brave Extra3-Satire mit einem Knaller in den Schatten gestellt und Erdogan nach Strich und Faden verarscht. Was die aufgeregte Presse und die Juristen beschäftigen sollte, sind nicht verstiegene Spekulationen über Böhmermanns Motivation und das Gewicht seiner schlichten Worte in Gold, sondern die Frage, ob dreiste, herrlich krachende Verarschungen wie diese strafbar sind oder nicht. (Sie sind es selbstverständlich nicht.)

Nachtrag (15.04.2016, 11.00 Uhr)

Kurz noch einmal zum treffenden Wort fiktiv. Setzt der Künstler selbstverständliche Einigkeit zwischen sich und dem Publikum darüber voraus, daß bestimmte Äußerungen falsch sind, macht dies viel Komisches wie etwa das mokante Spiel mit fremdenfeindlichen Klischees erst möglich. Ein aufgewecktes Publikum genießt die Ironie und freut sich im übrigen darüber, daß ein Erdogan sie niemals begreifen wird. Böhmermann hat sich gleichsam ans Gatter des törichten Zähnefletschers gestellt und ihm mit fiktiven Beleidigungen noch mehr lächerliches Gebrüll entlockt. Hoffentlich hält das Gatter.

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