Blue comedy

Man kann sich darüber mokieren, daß es niemanden gibt, der zum Thema Schmähkritik nichts gesagt hat. Das Gemüterbrausen zeigt aber, wie wichtig uns die Sache ist; kein Wunder – es geht um einen heiklen Bereich der Kommunikation. Dabei ist die zentrale Frage stets, ob eine Grenze überschritten wurde oder nicht. Mich selbst interessiert und bewegt das Thema, weil ich viel Lebenszeit mit dem Schreiben satirischer, kritischer, spöttischer oder schlicht alberner Texte verbracht und halbwegs einzuschätzen gelernt habe, wie und warum das Publikum jeweils darauf reagiert.

Was mich an der Böhmermanndebatte immens gestört hat, war die in allen Lagern herrschende Borniertheit bezüglich einer der verbreitetsten Formen der Komik, der „Blue comedy“. Dies, wohlgemerkt, obwohl jeder schon einmal über Anzüglichkeiten gelacht hat, und obwohl beileibe nicht jede deftige Pointe eine platte Zote ist. Ein Tabubruch, der niemanden kratzt, wäre freilich kein Tabubruch mehr; ein Mindestmaß an unflätiger Provokation ist für Blue comedy mithin nötig und typisch.

Ein harmloses, sehr hübsches Beispiel ist der „Penis Song“ von Eric Idle (Monty Python). Er listet von „Cock“ bis „Stiffy“ allerlei volkstümliche Bezeichnungen fürs erigierte männliche Glied auf und preist die Möglichkeit, es in Schleifen zu hüllen oder damit in eine Socke zu schlüpfen. (Ich habe mir mal den Spaß einer Übersetzung gemacht.) Natürlich wirkte das Lied vor vierzig Jahren noch alberner und lustiger als heute, doch noch immer bietet es genug Reibungsfläche, um verärgerte Kommentare wie „niveaulos“ hervorzurufen. Der Witz besteht jedoch gerade in der Wahl und Beherrschung des fraglichen Niveaus, für dessen sprachliche Bewertung übrigens seit langem die Soziolinguistik wissenschaftliche Sachlichkeit nahelegt. Niveau ist nicht dasselbe wie Qualität, und was nicht ins Damenkränzchen paßt, ist nicht unbedingt schlecht.

Ad hominem bzw. homines richten sich die folgenden Verse, die von Briten und Amerikanern während des zweiten Weltkrieges zur Melodie des „Colonel Bogey“-Marsches in diversen Varianten gesungen wurden:

Hitler has only got one ball
Göring has two but very small
Himmler has something sim’lar
But poor old Goebbels has no balls at all

Hier haben wir eine Blaupause für das Böhmermanngedicht: ein Despot wird mittels derber Unterstellungen verspottet. Es ist anzunehmen, daß sich damals viele Deutsche verunglimpft sahen, die sich mit Hitler identifizierten. Sie hatten es verdient. Böhmermann hat sich das Lied natürlich nicht zum Vorbild genommen, er hat sich nur instinktsicher des traditionellen Prinzips bedient, und obendrein hat er es im biederen, betulichen, hochanständigen ZDF getan. Großartig! Gewiß fühlen sich außer Erdogan auch viele Türken von ihm verunglimpft, die sich mit Erdogan identifizieren. Sie haben es verdient.

Post scriptum noch eine Bitte. Liebe Leute, wenn Ihr Wörter wie Satire, Ironie, Sarkasmus, Zynismus etc. verwenden wollt, lest doch bitte zuerst nach, was sie bedeuten.

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