Schwadronierling

Der Flüchtlingsansturm ist unzählige Male kommentiert worden; die Kommentare wiederum wurden ihrerseits streng von politisch korrekten Sprachkontrolleuren kommentiert. Als erstes geriet das Wort Flüchtling in ihr Visier. Statt seiner empfahlen sie Geflüchtete oder Flüchtende zu verwenden, und wer nicht in den Verdacht geraten wollte, abschätzig über Flüchtlinge zu denken, folgte der Anweisung und konnte sich mit den Wörtern Geflüchtete und Flüchtende gleich noch als Gutmensch ausweisen. („Gutmensch“ ist, seit es von rechts herüberschallt, kein Schimpfwort mehr, sondern trägt sich stolz wie ein Bundesverdienstkreuz.)

Bis dahin hatte man bei Geflüchteten und Flüchtenden allerdings eher an Verbrecher wie die Geiselnehmer von Gladbeck gedacht, während das Wort Flüchtling keinerlei negative Bedeutung hatte. Sie mußte deshalb dringend herbeigeredet werden, und das war gar nicht einfach, wie die Anstrengungen des Sprachwissenschaftlers Anatol Stefanowitsch zeigen.

Er packt die Aufgabe wie einen Stier bei den Hörnern, indem er sich zunächst einmal der Wahrheit stellt: „Das Wort Flüchtling ist allgemein gebräuchlich, und findet sich sowohl in negativen als auch in positiven Zusammenhängen. Es wird völlig neutral verwendet, etwa in den Namen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, der bundesweiten Flüchtlingsräte oder des Weltflüchtlingstages.“

Dann macht er sich daran, das unliebsam neutrale Wort negativ zu konnotieren. Hauptargument: das Suffix –ling verleihe zwar nicht dem Flüchtling, dafür aber vielen anderen Wörtern eine negative Bedeutung, etwa dem Dümmling, Rohling, Sonderling, Wüstling, Schwächling, Kümmerling, Primitivling, Naivling, Jüngling, Weichling, Winzling, Feigling. Uns fällt es wie Schuppen von den Augen: diese Wörter sind wirklich verdammt negativ. Wenn wir ganz genau hinsehen, stellen wir freilich fest: das sind sie allesamt auch ohne das böse Suffix – alle bis auf eines: das Wort jung. Jung ist durchweg positiv und bleibt es auch dann, wenn ein Jüngling draus wird.

Das sieht Herr Stefanowitsch anders als ich, trotzdem erteilt er mir unbekannterweise Absolution: „Wer Flüchtling nicht als negativ konnotiert empfindet, muss sich für seine Empfindung aus meiner Sicht nicht in dem Maße rechtfertigen, wie es bei klar diskriminierenden Wörtern wie N****, Kanacke o.ä. der Fall wäre.“

Moment, halt mal – irgendwie rechtfertigen muß man sich also doch, wenn man das neutrale Wort Flüchtling als neutral empfindet. Vielleicht, weil man dabei unbewußt an N**** denken könnte? N**** steht ja nun mal für Neger, für ein Wort also, das von den Sprachkorrektoren bereits so negativ konnotiert wurde, daß es nur noch mit Sternchen geschrieben werden darf.

Sind Wortneubildungen mit dem Suffix –ling möglich? Mal sehen … Ja! Es geht:

Konnotierling.

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Ein Gedanke zu „Schwadronierling

  1. Herr Stefanowitsch scheint über meinen milden Spott nicht glücklich zu sein; wann immer ich die obigen Zeilen unter seinem Artikel verlinke, folgt die Löschung umgehend.

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