Einfache Lösung. Im Ernst. (II)

Jahrzehntelang hält er nun schon an, der Kampf gegen Paukschule, Frontalunterricht und Drill, und trotzdem sinkt das Bildungsniveau unaufhaltsam. Dabei besitzt doch „JEDES Kind“ eine Begabung, die nur herausgekitzelt und gefördert zu werden braucht, wie mir gerade eine streitbare Mutter im Facebook erklärt hat. Damit mag sie recht haben; es ist nur leider nicht jede Begabung nützlich. Unser Jüngster beispielsweise verfügte schon als Erstkläßler über die Fähigkeit, nach sekundenlangem Blick auf jede beliebige Kreditkarte blind deren Nummer aufzusagen – vorwärts und rückwärts, und das noch Tage später. Natürlich kitzelten wir das verblüffende Talent, doch außer dem Unterhaltungswert kam nichts weiter heraus. Wir waren deshalb sehr einverstanden mit dem Plan seiner Lehrerin, ihm und seinen Klassenkameraden bis zum Ende der vierten Klasse insbesondere das Lesen, Schreiben und Rechnen so gründlich beizubringen, daß alle bestmöglich auf eine weiterführende Schule vorbereitet sein würden.

Falls Sie jetzt zustimmend genickt haben, muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß viele fortschrittliche Pädagogen ganz anderer Ansicht sind. Die taz zitiert z. B. einen Schulleiter, der solchen „Paukunterricht“ strikt ablehnt: „Der einzelne Schüler soll ans Gruppenziel herangeführt werden, damit alle beim gleichen Datum stramm stehen – das ist doch grausame Schule.“

Auch dazu nicken viele Eltern. Warum? Weil sie selbst unangenehme Schulerfahrungen haben. Schlechte Lehrer, Ungerechtigkeiten, endlos langweilige Schulstunden und anhaltenden Druck vergißt man nie. Hinzu kommt die Erinnerung an die emotionale Achterbahnfahrt des eigenen Heranwachsens, an das Aufbegehren, an die oftmals harten Reaktionen des Elterhauses und der Schule. Wer würde seinen Kindern all das nicht gern ersparen? Wer wünscht ihnen keine freundliche, liebevolle Umgebung, in der sie alles Nötige spielerisch und wie von selbst so lernen, daß es obendrein auch noch Spaß macht?!

Genau das ist es, was so viele Bildungsreformer versprechen, und genau deshalb werden sie so dankbar ernstgenommen – egal wie hirnverbrannt ihre Empfehlungen sind und wie absurd die Klischees, mit denen sie angeblich herrschende Zustände anprangern. Daß seit Jahrzehnten kein Kind mehr in der Schule hat „strammstehen“ müssen, spielt keine Rolle. Fakten spielen keine Rolle. Der Glaube zählt. Ganz besonders der Glaube daran, es gebe so etwas wie müheloses Lernen.

Bildungsreformer sind Schamanen wie Alternativmediziner. Während die wissenschaftliche Medizin die Grenzen ihrer Möglichkeiten eingestehen muß, können Homöopathen und Geistheiler grenzenlos Wohlbefinden und Heilung versprechen; während sich praxisgebeutelte Lehrer tagtäglich der Wirklichkeit stellen müssen, können Bildungsreformer fröhliche Geschichten über bunte Schulen für alle erzählen, in denen glückliche Kinder mühelos lernen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich weiß durchaus, wie wichtig es ist, Kinder zu motivieren, statt es nur mit Druck zu versuchen; ich habe brav zwei Lehramtsexamina abgelegt und sogar eine ganze Weile unterrichtet. Ich kann Ihnen  sagen, worauf es in der Schule wirklich ankommt. Nicht auf ständige Änderungen des Systems, nicht auf neue Unterrichtsformen, nicht auf Kompetenzorientierung oder Digitalisierung, nicht einmal unbedingt auf kleinere Klassen.

Es kommt auf den Lehrer an.

Da nun der Lehrer das Wichtigste überhaupt ist – was ist ihm zu empfehlen? Erstens: Sei kein langweiliger Mensch, sondern sei in der Lage, täglich eine gute Show abzuliefern. Sprich mit vernehmlicher, abwechslungsreicher Stimme und ertrage es nicht, daß sich jemand im Publikum langweilt. Sei eine unterhaltsame Autorität, und zwar von Natur aus. Zweitens: Sei auf jede einzelne Unterrichtsstunde gründlich vorbereitet, überlege dir vorab, wie du den Stoff unwiderstehlich interessant machen und die Schüler zum Mittun und Selbsttun bewegen kannst. Drittens: Sei gewissenhaft. Verteile Lob und Tadel, gute und schlechte Noten streng und gerecht. In allen Schülerumfragen aller Zeiten war stets ein Lehrer der beliebteste: der strenge und gerechte.

Es gibt solche Menschen, und nur solche sollten Lehrer sein.

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